Die andere Mira Lobe

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Mira Lobe/ © Jungbrunnen Verlag

Viele Generationen von Kindern sind mit den Geschichten von Mira Lobe aufgewachsen. Ihre Bücher sind Klassiker der Kinderliteratur und wurden in viele Sprachen übersetzt. Kaum bekannt ist dagegen, dass die Autorin ihre ersten Texte in Tel Aviv geschrieben hat und, dass ihre ersten Bücher dort auf Hebräisch erschienen sind. Von Daniela Segenreich-Horsky

Mira Lobe würde heuer ihren hundertsten Geburtstag feiern. Beinahe hundert Kinderbücher hat sie geschrieben, darunter Die Omama im Apfelbaum, Insu-Pu, Valerie und die Gute-Nacht-Schaukel, Bimbuli. Eines ihrer bekanntesten Werke, Das kleine Ich bin Ich, wurde im letzten Jahr vierzig. Das bunte Wesen mit den Schlappohren, das nach seiner Identität sucht und alle Tiere fragt, wer es denn sei, brachte seiner Erschafferin 1972 den österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur ein. Es wurde in über 100.000 Exemplaren verkauft und ist sogar als Applikation für das iPhone erhältlich.

Geschrieben in Tel Aviv

Doch kaum bekannt ist, dass die ersten Bücher dieser vielfach preisgekrönten deutschsprachigen Kinderbuchautorin in den Vierzigerjahren in Tel Aviv geschrieben wurden und dort auf Hebräisch erschienen sind. In einer kleinen Wohnung in einem Bauhaus-Gebäude in der Jeho’asch-Straße entstand auch dieser unveröffentlichte, persönliche Text: „Der Sommer war nicht heißer als jeder Sommer in Tel Aviv, nur mir kam er so vor, weil unsere Wohnung so klein und luftlos war, weil ich Windeln waschen musste und in Geschäften anstehen. Ich glaube, es war Chamssin an jenem Tag. Chamssin ist ein Wüstenwind, manchmal stülpt er einem eine Glutglocke über, wenn man aus dem Haus tritt, in die schneidende Helle der Stadt […]“ Im weiteren Verlauf dieser Geschichte entdeckt sie eine Ratte im Zimmer ihrer schlafenden Baby-Tochter, ein für die in bürgerlichem Haus aufgewachsene Europäerin unglaubliches Ereignis.

Wer in den Vierziger- und Fünfzigerjahren im heutigen Israel Kind war, dem ist Mira Lobe ein Begriff. Als Mira Rosenthal in Schlesien geboren, war sie 1936 nach Palästina emigriert, weil es ihr als Jüdin verboten war, ihr Publizistikstudium an einer deuschen Universität fortzusetzen. Sie heiratete den Regisseur und Schauspieler Friedrich Lobe, der zu jener Zeit am Tel Aviver Ohel-Theater engagiert war. 1943, kurz vor der Geburt ihrer Tochter Claudia, begann sie zu schreiben und veröffentlichete während ihres Palästina- beziehungsweise Israelaufenthalts insgesamt sechs Kinderbücher, von denen nur ein einziges in Europa bekannt ist. Der Großteil dieser wunderschön illustrierten Werke ist wohl nur noch in der Nationalbibliothek in Jerusalem zu finden.

Lobe konnte zwar Hebräisch, aber nicht gut genug, also verfasste sie die Texte gemeinsam mit der Autorin Jemina Tschernovitz-Avidar, die ihr bei der Übersetzung ins Hebräische half. Als diplomierte Zeichnerin und Illustratorin bebilderte sie damals ihre Bücher noch selbst. „Sie war eine ausgezeichnete Grafikerin, und die Bücher, die sie in Israel schrieb und illustrierte, gehören zu den Grundsteinen der israelischen Kinderliteratur“, schwärmt Zohar Shavit von der Universität Tel Aviv. Die Literaturprofessorin hat Mira Lobe und ihre Werke zu ihrem Thema gemacht: ”Die Insel der Kinder, die später in geänderter Fassung als Insu-Pu herausgekommen ist, ist eines der besten israelischen Kinderbücher. Und vielleicht noch wichtiger: Zwei Kameraden ziehen los, eines der ersten Kinderbücher, das den Holocaust und in gewisser Weise die Schrecken des Holocaust beschreibt.” In diesem Roman geht es um zwei Freunde in Palästina, Ilan und Jakob, die nach dem Zweiten Weltkrieg die kleine Schwester von Jakob, dem aus Deutschland stammenden Jungen, suchen. Sie wurde, um sie vor den Nazis zu retten, von Nonnen in einem Kloster versteckt und als Christin erzogen – ein Thema, das im Österreich der Nachkriegszeit wohl keinen Verleger gefunden hat. Der Kinderroman wurde nie aus dem Hebräischen übersetzt.

Die Insel der Kinder ist das Einzige der in dieser Zeit entstandenen Werke, das seinen Weg nach Europa gemacht hat. Es wurde aber in einer neueren Fassung zu Insu-Pu umbenannt und teilweise adaptiert und umgeschrieben. Die ursprüngliche Geschichte spielt vor dem konkreten Hintergrund des Zweiten Weltkriegs und des „Blitz“ auf London. Eine Gruppe von Kindern aus der britischen Hauptstadt, die wegen der ständigen Bombenangriffe nicht mehr schlafen kann, beschließt, dem amerikanischen Präsidenten einen Brief zu schreiben, und bittet ihn um Unterstützung. Sie fahren dann „über den Ozean“ und landen auf einer Insel, wo sie viele Abenteuer erleben. Während im hebräi­schen Buch vollkommen klar ist, dass es um den Krieg zwischen den alliierten Mächten und Deutschland geht, wobei die Kinder hoffen, dass Amerika gewinnt, wurde in der deutschen Fassung jeder Hinweis auf ein konkretes Land ausgelöscht. Amerika wurde zu Terranien, England zu Urbien und „die bösen Deutschen“ zu einer allgemeinen Macht des Bösen. Der in Jerusalem aufgewachsene Tierarzt Tommy Sadeh besitzt dieses Buch, das er in seiner Kindheit geliebt hat, noch immer. Und zwar in seiner ursprünglichen Fassung. Als er mit 21 Jahren nach Wien ging, um zu studieren, hat er Mira Lobe besucht. „Sie hat mich fasziniert, weil ich mehr oder weniger mit diesem Buch aufgewachsen bin, wie meine ganze Generation. Damals gab’s auch noch nicht so viele Kinderbücher und Schriftsteller für Kinder in Israel. Diese Geschichte hat auf mich so einen Eindruck gemacht, dass ich Mira unbedingt kennen lernen wollte, als ich in Wien war. Sie war absolut maßgebend, und es war ein Teil unserer Erziehung in Israel damals.“ Aus diesem Besuch wurde eine Jahrzehnte lange Freundschaft.

Zwei Identitäten

Interessant ist, dass Mira Lobe während ihrer Israelzeit offensichtlich an das zionistische Projekt geglaubt hat, während es später in ihrem Lebenslauf oft so dargestellt wurde, als hätte sie Israel aus Einwand gegen dessen Politik verlassen. Sadeh sieht das anders: „Sie war für den Staat, lebte hier einige gute Jahre, und sie ging nicht, weil sie Israel verlassen wollte, sie ging ihrem Mann nach, der sich als deutschsprachiger Regisseur nie richtig in Israel etablieren konnte. Ich stelle mir vor, dass sie sonst weiter in Israel gelebt hätte – aber vielleicht weniger berühmt in der Welt, als sie es dann wurde.“ Zohar Shavit spricht von den zwei verschiedenen Identitäten der Schriftstellerin: „Der Blaue Ballon ist ein ausgesprochen zionistisches Buch. Es beschreibt das Land mit großer Liebe und mit großem Glauben an das zionistische Projekt. Man kann sagen, dass sie eine starke politische Wandlung durchgemacht hat, als sie nach Österreich kam. Es gibt die Mira Lobe von 1936 bis 1951, sie illustriert und schreibt, spricht Hebräisch und und ist zionistisch. Die Mira Lobe von nach 1951 lässt sich in Österreich nieder und vergisst ihre israelische Biografie, sodass hier von zwei Lebensabschnitten die Rede ist, eigentlich von zwei ‚Mira Lobes‘.”

Mira Lobe war also eine wichtige israelische Schriftstellerin und eine vielfach preiskgekrönte Autorin in ihrer Wahlheimat Österreich. Sie hat nicht nur viele bunte Welten geschaffen, sondern auch in zwei völlig verschiedenen Welten gelebt. Und sie hat den Kindern in jeder dieser Welten ein reiches Erbe hinterlassen.

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