„Die Ausgrenzung ist unser größter Feind“

Mit einem starken politischen Lebenszeichen eröffnete der Regisseur und Bühnenmusiker Jan Philipp Gloger seine Direktionszeit am Wiener Volkstheater: Jura Soyfer und Michael Haneke mussten den Auftakt markieren, erzählt er im Interview mit Marta S. Halpert.

364
Jan Philipp Gloger wurde 1981 im Ruhrgebiet geboren. Er studierte angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und Regie an der Zürcher Hochschule der Künste. Seine Schauspielinszenierungen waren u. a. am Residenztheater München, am Schauspielhaus Hamburg, an der Schaubühne Berlin zu sehen, darunter viele Ur- und Erstaufführungen, Opern-, Operetten- und Crossover-Inszenierungen. Von 2018 bis 2025 leitete Gloger das Staatstheater Nürnberg, wo er den Begegnungsort „3. Etage“ gründete und damit die erste Spielstätte für digitale Theaterformen an einem deutschen Stadt- und Staatstheater. In Wien stellte er sich 2022 mit Die Dubarry als Eröffnungsinszenierung der Direktion Lotte de Beer an der Volksoper vor und erhielt dafür den Operettenpreis des Bayerischen Rundfunks. 2023 inszenierte er am Burgtheater die deutschsprachige Erstaufführung von Die Nebenwirkungen, die bis heute am Spielplan ist, 2024 kehrte er mit Im weißen Rössl an die Volksoper zurück. Seit der Spielzeit 2025–2026 ist er künstlerischer Direktor des Volkstheaters. Foto: Reinhard Engel

 

WINA: Sie kommen ursprünglich aus dem Ruhrgebiet, waren zuletzt sieben Jahre (2018–2025) als Schauspieldirektor sehr erfolgreich am Staatstheater Nürnberg. Worin bestand der Reiz für Sie, das Angebot aus Wien und insbesondere ans Volkstheater anzunehmen?

Jan Philipp Gloger: Grundsätzlich ist es einfach fantastisch, wenn man die Möglichkeit hat, als Regisseur seine Spuren auch lesen zu können. Sonst ist man nach der Premiere wieder weg, daher ist es eine große Freude, ein Theater auch gestalten zu dürfen. Zweitens empfinde ich Wien als Stadt, mit ihrer großen Geschichte und der geschichtlich gewachsenen Vielfalt, unglaublich reizvoll.

Drittens warum Volkstheater? Das ist eine großartige Herausforderung, die allein schon in dem Wort „Volkstheater“ steckt, ein Theater mit Profil, das breit aufgestellt ist, zu gestalten. Daher bin ich persönlich froh, dass es zwar ein großes Haus ist, aber als Apparat doch übersichtlich bleibt. Wir haben zwanzig Ensemblemitglieder, das Burgtheater hat über 70! Doch ich sehe so ein kleines Ensemble auch als eine große Chance: dass diese zwanzig sich verschwören und wirklich zu Gesichtern, Menschen und Seelen werden, die die Menschen lieben lernen, würde ich jetzt mal pathetisch sagen. Aber im Ernst, diese Herausforderung nehme ich gerne an.

 

„Ich empfinde Wien als Stadt,
mit ihrer großen Geschichte und der geschichtlich gewachsenen Vielfalt als unglaublich reizvoll.“

 

Sie haben mit der ersten Produktion gleich ein eindeutig politisches Statement abgegeben: Sowohl, was den jüdischen Autor Jura Soyfer betrifft, als auch, dass Sie wieder politisches Theater an Ihrer neuen Wirkungsstätte machen wollen – das viele von uns sehr vermisst haben! Wann haben Sie Soyfer für sich entdeckt? Er wird seit Jahren nicht mehr gespielt …

I Vor fünf Jahren habe ich angefangen, Soyfer zu lesen und hätte ihn durchaus auch anderen Orten gebracht. Ich finde ihn hochrelevant für unsere Zeit, bewundere insbesondere seine Vitalität, seinen Optimismus und seine Hoffnung, gepaart mit dieser schrecklichen, persönlichen, tragischen Geschichte. Zusätzlich ergibt sich jetzt der Bezug zu Wien und dem Volkstheater, weil Soyfers Werke großteils aus Kabarettszenen und Volksstücken bestehen und er sich sehr stark an das Volksstück anlehnt. Da hat sehr viel für mich gepasst. Und gemessen an den vielen Reaktionen, die wir bekommen haben, ist das voll aufgegangen.

 

Warum fiel Ihre Wahl zur Eröffnung Ihrer Direktionszeit ausgerechnet auf diesen kommunistisch eingefärbten, jüdischen, Kapitalismus-kritischen Schriftsteller?

I Das klingt ja erstmal nicht unsympathisch! (lacht) Letztlich muss man doch zwei Dinge diskutieren: die Selbst- und Fremdausbeutung sowie die Ausgrenzung. So traurig das ist: Die Ausgrenzung lässt sich bis heute anhand des ansteigenden Antisemitismus immer noch an Soyfers Beispielen darstellen. Am Schluss geht es darum aufzuzeigen, dass wir den echten Bruch nach 1945 nicht geschafft haben, dass nämlich die Welt eine andere geworden wäre, wie wir uns das gewünscht haben. Die Kontinuität ist schlimm und laufend zu beobachten, deshalb muss man das ständig aufzeigen. Ich finde es auch unabhängig von politischen Stoßrichtungen spannend, wie Soyfer den Mechanismus des Menschen, sich selbst zur Maschine zu machen, herausarbeitet.

 

Sie haben in Wien bereits am Burgtheater und zwei Mal an der Volksoper Regie geführt. War Ihnen das spezifisch Wienerische in dieser Stadt, mit all seinem Raunzertum, Missmut und oft auch anmaßenden Ansprüchen, gepaart mit bösartig bissigem Humor schon vorher vertraut?

I Ich kannte Wien schon länger, habe hier gute österreichische und Wiener Freunde. Ich komme natürlich als Ruhrpott-Mann, das ist diametral, aber ich liebe beides: Ich finde den Missmut in Wien wesentlich charmanter als in Berlin, er ist abgefedert über einen gewissen Charme, wo ich selbst als alter Piefke von außen dafür empfänglich bin. Aber ernst gesagt, ich kann all diese Warnungen vielleicht noch nicht gut erkennen, vielleicht kommt das noch. Im Moment empfinde ich Wien als eine sehr diverse Stadt mit sehr unterschiedlichen Menschen, Haltungen und Einstellungen, die als Metropole auch große Offenheit ausstrahlt, die mir sehr sympathisch ist. Und trotzdem auch eine Geschichte und eine Tradition hat, an der man sich abarbeiten kann, Stichwort: Volksstück, Volkstheater.

 


© Austrian Archives / brandstaetter images / picturedesk.com

Jura Soyfer
wurde 1912 in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, in eine jüdisch-aristokratische Familie geboren. Er ging in das Gymnasium in der Hagenmüllergasse im dritten Bezirk, nachdem die Familie 1921 hierher emigriert war. Schon früh begann er, Sketches und Gedichte zu schreiben. 1927 schloss er sich dem Verband sozialistischer Mittelschüler an. 1929 bis 1933 schrieb er Texte für das „Politische Kabarett der Sozialdemokraten“. Nach der Matura 1931 begann er an der Universität Wien Germanistik und Geschichte zu studierte, ab 1932 war er ständiger Mitarbeiter der Arbeiterzeitung, in der er vor allem Gedichte veröffentlichte.
Nach den Februarkämpfen 1934 schloss er sich den Kommunisten an, arbeitete aber auch an einem (unvollendet gebliebenen) Roman über die Sozialdemokratische Partei, Titel: So starb eine Partei. Unter verschiedenen Pseudonymen schrieb er für den Wiener Tag, zugleich entstanden 1936 und 1937 Theaterstücke, die stilistisch zwischen Volksstück und Kabarett angesiedelt sind: Der Lechner-Edi schaut ins Paradies, Weltuntergang und Astoria. Er zählte zu den meistgespielten Autoren der Kleinkunstszene, wie der Literatur am Naschmarkt und dem ABC, wo Soyfer Hans Weigel als Hausdichter nachfolgte.
1937 verbrachte er drei Monate in politischer Haft. Als er am 13. März 1938 in die Schweiz fliehen wollte, wurde er an der Grenze verhaftet und zunächst in das Konzentrationslager Dachau, am 23. September 1938 nach Buchenwald eingeliefert. Gerade als seine in die USA emigrierten Eltern bereits ein Affidavit geschickt hatten und auch seine Entlassungspapiere unterzeichnet waren, starb er an Typhus. Jura Soyfers Werke wurden in über 50 Sprachen übersetzt.

Das kostenlose Informationsangebot der Jura-Soyfer-Gesellschaft ist abfragbar unter soyfer.at.


 

Mit der zweiten Premiere, Caché, einer Bühnenadaption von Michael Hanekes Erfolgsfilm, haben Sie auch Johanna Wokalek wieder nach Wien geholt. Dennoch wird sie nur zwei Produktionen pro Spielzeit hier machen. Warum?

I Sie hat, wie viele gute Schauspielerinnen, ein großes Spektrum an Verpflichtungen, auch solche beim Fernsehen, daher ist so ein Limit nicht unüblich, noch dazu, wo wir als Repertoiretheater die alten Stücke weiterspielen. Entscheidend ist, dass sie unserem Ensemble fix angehört. Das freut mich sehr, und ein wenig bin ich stolz darauf.

 

Verraten Sie uns doch, welche politisch aussagekräftigen Dramatiker Sie uns in nächster Zeit auftischen wollen?

I Diese Spielzeit kommen noch Ödön von Horváth, Joseph Roth und die feministische Comicmacherin Liv Strömquist. Über den Spielplan der nächsten Spielzeit spreche ich nicht vor der nächsten Pressekonferenz. Doch im größeren Spektrum werden es sicher auch die üblichen Verdächtigen sein: Arthur Schnitzler, Ödön von Horvath haben gute Chancen, ebenso die jüngere österreichische Literatur mit Gert Jonke, Wolfgang Bauer und natürlich Elfriede Jelinek, die nicht nur an einem Theater zuhause sein kann. Ich habe bereits sechs Stücke von Jelinek inszeniert, darunter eine Uraufführung ihres Stückes über die deutsche Mode mit dem Titel Das Licht im Kasten in Düsseldorf. Und, ja, es wird weiterhin auch dezidiert österreichische Autorinnen geben.

 

Jan Philipp Gloger will als künstlerischer Leiter des Wiener Volkstheaters den begonnenen Weg fortsetzen und weiterhin einen Schwerpunkt auf österreichsche Dramatik legen.

Sie bleiben dem Politischen auf dem Theater verpflichtet?

I Wenn man das Politische als drängende Frage zur Gegenwart versteht, dann wird das so sein. Das wird und muss nicht in jede Produktion hinein, denn es soll ja eine Gemeinschaft von unterschiedlichen Menschen in einer zerrissenen Gesellschaft zusammengebracht werden. Ja, ich möchte auf dieser Linie bleiben, wir haben uns mit Jura Soyfer und Michael Haneke im Grunde schon gegen Demokratiefeindlichkeit und Ausgrenzung klar bekannt, das wird auch nicht abebben: Wir haben mit der Unterstützung der Edith und Werner Rieder Stiftung den Jura-Soyfer-Preis für die Komödie der Gegenwart ins Leben gerufen, bei dem das politische komische Schreiben, das immer noch Gefahr läuft, despektierlich betrachtet zu werden, wieder gefördert werden soll.

 

Was halten Sie von der Mode der Überschreibungen? Wenn das in meiner Jugend vorgeherrscht hätte, wären mir viele Klassiker im Original entgangen. Oft habe ich Mitleid mit den jungen Theaterinteressierten, die heute nirgends einen „real Shakespeare“ vorgesetzt bekommen.

I Überschreibungen muss man sich immer genau ansehen, da gibt es oft sehr tolle und manchmal sehr vordergründige, da denke ich, das ist jetzt gar nicht nötig. Ich glaube, wenn man Schiller draufschreibt, muss er auch drin sein, sonst empfinde ich das alles als legitim. Wir machen die Die Räuber „frei nach“ Schiller gemeinsam mit dem Bronsky & Grünberg Theater, wo ganz klar ist, das wird ein freudvolles parodistisches Vorhaben – und das ist deutlich markiert. Ich habe in Nürnberg einen Don Carlos gemacht, bei dem kaum ein Wort geändert wurde, das könnte man als konservativ werten, aber die schauspielerische Leistung, die alte Sprache heutig zu sprechen, ist eine großes Kunststück. Viele Junge waren begeistert davon, daher finde ich auch gut, das zu pflegen.

 

Was zählt für Sie zur „zeitgenössischen Komödie“? Wie kann man in diesen Zeiten lachen, doch nur mit einem Knödel im Hals.

I Das ist gut, mit dem Knödel im Hals zu lachen, denn da spürt man den Knödel, das ist ein schönes Bild. Denn dieses Lachen, das im Hals stecken bleibt, ist doch ein erkenntnisreiches. Man kann und muss auch in diesen Zeit lachen, nur man darf die Zeiten nicht vergessen. Gerade die Komödie kann das thematisieren, und solange die Stoffe zwischen unterhaltsam und potentiell schmerzhaft gut gemischt sind, ist es das Richtige.

 

Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung in der Kulturwelt, geprägt von Boykotten gegen jüdisch-israelische Künstler?

I Ich bin ziemlich sprachlos darüber, was am Flanders Festival Gent passiert ist, und man muss dem ganz deutlich ablehnend gegenüberstehen. Gerade die Äußerungen von Lahav Shani zielen genau dahin, was Kultur kann und soll, nämlich Verbindung herstellen, Diskussion anregen.

 

„Man kann und muss auch in diesen Zeiten lachen, nur man darf die Zeiten nicht vergessen.
Gerade die Komödie kann das thematisieren.“

 

Wie sollen sich Ihrer Ansicht nach Künstler:innen in Zeiten internationaler Krisen und Umbrüche verhalten? Sich politisch äußern oder Scheuklappen aufsetzen und nix wie durch?

I Das Zweite ganz bestimmt nicht. Ich glaube, dass man nur aufpassen muss: Wir sind nicht die Nachrichtensendung, auch nicht die politische Kommentarspalte; wir müssen nicht zu jedem Ereignis tagesaktuell etwas sagen, aber es ist unsere Pflicht, die Themen der Zeit zu beleuchten. Künstler und Künstlerinnen sind in der Öffentlichkeit stehende Menschen, daher finde ich es wichtig, dass sie sich trauen, Haltung zu beziehen und diese auch zu diskutieren. Nur dann kann so etwas wie Kunst entstehen, die ja auch ihre Kunstfreiheit braucht.

 

Wie werden Sie das als Einzelperson halten?

I Der mundtot gemachte Künstler ist sicherlich nicht die richtige Position, und trotzdem braucht die Erkenntnis der Kunst auch immer Umwege, denn Kunst ist nicht Agitprop, sie besteht auch nicht darin, eine Message irgendwo hinzuschreiben. Insofern verstehe ich Künstler und Künstlerinnen, die nicht über Interviews oder Äußerungen in der Öffentlichkeit hervortreten wollen, sondern die sagen: Das muss ich über meine spezifische Kunst machen. Gehen Sie mal davon aus, dass Sie zu den beunruhigenden Dingen etwas von mir hören werden. Ich sagte schon, dass wir den Erfolg nicht den Rechten überlassen werden. Das ist und bleibt zentral für mich. Ich habe diese Haltung auch schon beängstigenderweise in dieser Stadt diskutieren müssen – das mache ich gerne. Aber trotzdem möchte ich mit Kunst und Literatur auf die Dinge reagieren und nicht mit Agitation. Wenn Sie sich die Eröffnung anschauen, da geht es um Antisemitismus, Kolonialismus, um alle möglichen Formen der Ausgrenzung. Solche Themen gehören auf die Bühne, ins Zentrum der Theaterkunst selbst.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here