„Die Beschulung jüdischer Kinder wird untersagt“

Sie heißen Irma Königsberg, Heinz Diamant, Paul Herz und Liesl Künstler, sie gehen in den 1930er- Jahren an Wiener Gymnasien zur Schule – und werden von den Nationalsozialisten der Schule verwiesen und ermordet. Andere überleben im Exil. Die Historikerin und ehemalige Lehrerin Renate Mercsanits dokumentiert in ihrem Buch „Schule als Erinnerungsort“ detailgenau die Vertreibungen an Wiener Gymnasien im Jahr 1938 und berichtet darüber, ob und wie sie nach dem Krieg in die Geschichtsschreibung eingingen.

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„Sie wurden verfolgt, vertrieben, ermordet.“ Eine Gedenktafel im Gymnasium in der Radetzkystraße erinnert an 121 ehemalige Schülerinnen und Schüler, sowie 8 Lehrer und Lehrerinnen. © Schularchiv Radetzkystraße

Erinnern, nicht vergessen. Das ist Renate Mercsanits` Credo. Die Autorin des Buches unterrichtete viele Jahre am Wasagymnasium am Alsergrund und an der Radetzkyschule in Wien-Landstraße die Fächer Religion, Englisch und Geschichte. Bereits 2003 startete sie in der Wasagasse das Projekt „Erinnerung“, eine Spurensuche nach ermordeten oder vertriebenen Schülerinnen und Schülern. Gerade hier, an einer Schule, die mit zahlreichen prominenten Namen Ehemaliger – Stefan Zweig, Erich Fried, Friedrich Torberg, Marcel Prawy, Felix Salten oder Ari Rath – aufwarten kann, ist auch die Erinnerung an alle anderen besonders wichtig. Seit 2006 stehen ihre Namen auf einer Gedenktafel im Schulgebäude.

Schulen bilden einen gesellschaftlichen Mikrokosmos mit dem Anspruch auf eine jeweils eigene Schulidentität, sie bilden, bewahren und adaptieren ihr Identitätskonstrukt und reagieren auf Ansprüche und Interessen, die an die Schulgemeinschaft herangetragen werden.*

Schulen waren im Jahr 1938 kein sicherer Ort mehr für jüdische Schülerinnen und Schüler, aber auch für jene, die sich politisch engagierten. Untersucht wurden für diese Publikation sieben Wiener Gymnasien: Das Staatsgymnasium IX Wasagasse, die Realschule III Radetzkystraße, die Realschule I Schottenbastei, das Staatsrealgymnasium II Sperlgasse, das Realgymnasium VIII Albertgasse 18- 22, das Realgymnasium XX Karajangasse/ Unterberggasse und das Staatsgymnasium II Zirkusgasse.

Renate Mercsanits Schule als Erinnerungsort LIT Verlag 2025 528 S., € 44,90

Insgesamt wurden österreichweit 6000 jüdische und als jüdisch geltende Mittelschülerinnen und Mittelschüler aus ihren Schulen vertrieben. Sie kamen in eigene „Sammelschulen“ und „Judenklassen“. Das Chajes-Gymnasium in Wien-Brigittenau, das Hunderte „Umgeschulte“ aufnahm, wurde mit Ende des Schuljahres 1939 geschlossen, die IKG führte einige Schulen daraufhin in Selbstverwaltung. Anfang Juli 1942 war auch damit Schluss: Jüdische Kinder durften nicht mehr unterrichtet werden.

Die „Umschulung“ und „Ausschulung“ von Schülern und Schülerinnen hatte […] nicht nur eine große Emotionalisierung und Hetze zur Folge, sondern hier wurde das Zerbrechen und Zerstören von (Klassen-) Gemeinschaften, von Freundschaften, von Gruppenidentitäten zelebriert, unterstützt und – begleitet durch antisemitische Propaganda – die weitere Gewaltbereitschaft gegenüber den jüdischen und als jüdisch geltenden MitschülerInnen intensiviert.

Renate Mercsanits lässt immer wieder Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu Wort kommen, in deren Zitaten die eigenartige Stimmung in den Schulen damals, die Trauer, die Verzweiflung – aber auch die Resilienz der Betroffenen deutlich werden. Etwa als eine Klasse des Gymnasiums Albertgasse eines Tages erfährt, dass sie im laufenden Schuljahr 1937/38 aufgelassen wird. Die betroffenen Schüler treffen sich am nächsten Vormittag vor dem Gebäude. Erich Schwarz, der nach dem Anschluss über Frankreich in die Vereinigten Staaten flüchten konnte, erinnert sich:

„Wir sind alle ungefähr vierzehn Jahre alt […]. Wir beschließen, nachdem die Glocke geläutet hat und die `arischen´ Schüler alle drinnen sind und die Schultüre geschlossen wird, die Albertgasse hinunterzugehen. […] Wir machen Dreierreihen und marschieren im Schritt auf den Verkehrsinseln und singen hebräische Lieder, die wir in der Religionsstunde gelernt haben. Keiner von uns ist etwa religiös oder denkt an Zionismus; nein, es ist einfach der stärkste Ausdruck unseres Widerstandes. Wir denken nicht einmal daran, dass es waghalsig ist.“

Wie Erich Schwarz gelingt einem Großteil der aus ihren Schulen vertriebenen Schülerinnen und Schülern die Flucht. Besonders betroffen macht in diesem Buch jedoch jenes Kapitel, in dem alle Schülerinnen und Schüler der sieben untersuchten Gymnasien namentlich aufgelistet sind, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Zu jedem Namen hat die Autorin ein paar biografische Daten gesucht, es ist nicht viel, was von diesen Menschen blieb – Geburtsdatum, Wohnadresse, Berufe der Eltern, Datum der Deportation.

Von einem Buben, dem damals 10-jährigen Emil Maurer, sind Briefe an seine bereits nach Großbritannien geflüchtete Schwester Vera erhalten. Er vermeldet gute Schulnoten („2 Gut in Mathematik und Zeichnen – Stopp – Sonst lauter sehr gut – Stopp – mir geht es gut – Stopp“), berichtet über gescheiterte Auswanderungspläne („Thea Stara hat mir mitgeteilt, dass Kittys Australien und Hannas Schwedenreise abgelehnt wurden.“) und unterschreibt mit seinem Kosenamen („Also herzlichste Grüße und Küsse, Dein Jemele!“). Emil Maurer wird 1944 gemeinsam mit seinen Eltern in Auschwitz Birkenau ermordet. Auch an die vertriebenen, oft bis zum Schluss extrem engagierten Lehrerinnen und Lehrer wird in diesem Buch mit Kurzbiografien erinnert.

Schulen waren im Jahr 1938 kein sicherer
Ort mehr für jüdische Schülerinnen und Schüler,
aber auch für jene, die sich politisch engagierten.

Der zweite Teil der Publikation „Schule als Erinnerungsort“ ist ganz der Aufarbeitung, dem Umgang mit der Erinnerung gewidmet. Eine der Thesen, die die Autorin in der Einleitung formuliert, ist jene, dass sich die Gedenkkultur auch im schulischen Bereich erst durch die Waldheim- Affaire geändert habe. Bis dahin überwiegen die Darstellung Österreichs als erstes Opfer der Nationalsozialisten und ein undifferenziertes Gedenken „aller Verstorbenen“ bzw. „Opfer der beiden Weltkriege“, wobei laut Renate Mercsanits hier vor allem Wehrmachtsteilnehmer im Fokus steresbericht hen. Alle anderen werden über Jahrzehnte ausgeblendet.

Es mangelte an allen Schulen vor allem an „intakt gebliebenen Lehrern“, denn nicht nur belastete Lehrpersonen, sondern auch in nationalsozialistischem Geist erzogene SchülerInnen, StudentInnen und LehramtsanwärterInnen bildeten das Konglomerat, aus dem Schule neu aufgebaut werden musste.

Renate Mercsanits hat sich nicht nur Schulbücher aus der Nachkriegszeit angesehen – die zu einem großen Teil bis weit in die 1980er Jahre durch ein Verschweigen der Gräuel des Nationalsozialismus geprägt sind, die Autorin nennt die Darstellung unzureichend, verfälschend, verharmlosend und verzerrend –, sie hat sich auch durch schulische Jahresberichte und Abschriften von Reden bei Schuljubiläen gearbeitet. Gerade die Jahresberichte zeigen laut der Autorin das Selbstverständnis einer Schule, bilden deren Identität ab, geben Aufschluss über politische Kultur und Weltanschauung. Die Analyse schulgeschichtlicher Berichte des Gymnasiums Karajangasse etwa zeige in der Nachkriegszeit gravierende Auslassungen, wenn es um jüdische Schülerinnen und Schüler geht, später eine differenziertere – wenn auch immer noch holprige – Auseinandersetzung mit den Ereignissen 1938. Im Jahresbericht 1987/88 wird die Zahl der vertriebenen jüdischen Schülerinnen und Schüler erstmals genannt. Zehn Jahre später erfolgt eine intensive Beschäftigung mit den Vertreibungsschicksalen.

Den Erinnerungskonstrukten der Vor-Waldheimära folgte die Annäherung an das Wissen um die Verbrechen im eigenen Haus und die Opfer der eigenen Schule. Der entscheidende Schritt, der die Recherche der Vertreibungsschicksale wesentlich beeinflusste und förderte, bestand in der Kontaktaufnahme mit den Opfern, also mit jenen, die zunächst in I-Klassen ausgesondert und zur Emigration gezwungen worden waren – und überlebten.

Die Schülerinnen und Schüler formulierten einen Fragenkatalog und erhielten 60 persönliche Antwortschreiben. Heute zeigt sich die Gedenkstätte im Gymnasium Karajangasse, die eine Ausstellung von Schülerinnen und Schülern beinhaltet, als wichtiger Ort der Auseinandersetzung mit dem Thema Nationalsozialismus an Wiens Schulen.

Das Buch Schule als Erinnerungsort. Vertreibungen an Wiener Gymnasien 1938 und der Umgang mit Erinnerung ist eine adaptierte Version der Doktorarbeit, die Renate Mercsanits 2017 am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien geschrieben hat. Am Cover sind Klassenfotos der Schulen Wasagasse und Radetzkystraße zu sehen, der Text beinhaltet zahlreiche Grafiken, die das Grauen nüchtern illustrieren. Trotz der Länge von mehr als 500 Seiten (davon knapp 100 mit Quellen- und Literaturangaben und einem ausführlichen Anhang) sorgt die achtsame Gliederung der Abschnitte für eine verständliche Aufbereitung der Abläufe, Schicksale und Lebenswege der betroffenen Menschen. Und die Autorin schließt mit einer Art Appell an die heutige LehrerInnenschaft: Die selbstkritische Reflexion [der] Erinnerung vor Ort bleibt eine erinnerungspädagogische Aufgabe.

 


*Alle kursivierten Zitate aus: Renate Mercsanits, Schule als Erinnerungsort; S. 8, 48, 63, 74, 157f, 238, 402.

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