„Die beste Version seiner Selbst“

Nach nur zehneinhalb Monaten Bauzeit wurde kurz vor Rosch HaSchana der Stadttempel wiedereröffnet und erstrahlt damit 200 Jahre nach seiner Erbauung in neuem Glanz. Gelungen ist allen, die mit dem Projekt befasst waren, einen spirituellen Ort mit noch einem Stückchen mehr an Neschume zu füllen. WINA sprach kurz nach den Eröffnungsfeierlichkeiten mit IKG-Präsident Oskar Deutsch, Ehrenpräsident Ariel Muzicant sowie Natalie Neubauer und Eric-Emanuel Tschaikner von KENH Architekten.

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Mir lacht das Herz“, sagt Ariel Muzicant. „Der Stadttempel hat jetzt endlich jene Qualität, die ihm zusteht.“ Der bewegendste Moment rund um die Wiedereröffnung sei jener gewesen, „an dem wir wussten, er wird fertig. Wir haben doch bis zum letzten Moment gezittert.“

„Ein ORF-Journalist hat nach dem Interview am Tag des Festakts für das offizielle Österreich zu mir gesagt, er hat mich noch nie so strahlend lachen gesehen“, erzählt Oskar Deutsch. „Ich bin einfach stolz, dass das in meiner Präsidentschaft gelungen ist. Ich habe das nun schon mehrmals gesagt, aber es ist mir wichtig: Für mich ist der Stadttempel nun die schönste Synagoge der Welt – auch wenn ich nicht alle gesehen habe. Davon kann man mich auch nicht mehr abbringen.“

„In dem Moment, als wir bei der Eröffnung hier mit den Torarollen hineingekommen sind, war ich wahnsinnig dankbar“, beschreibt Natalie Neubauer diesen Tag. „Es war ein Kraftakt, und ich habe mehr als zehn Monate schlecht und wenig geschlafen. Gleichzeitig war es eine irrsinnig tolle Zeit, in der wir das alles gemeinsam bewerkstelligt haben, wir, das sind meine Partner von KENH und ich, die IKG und insgesamt an die 500 fantastische Professionisten und Planer.“

Sie sei „ein Kind des Stadttempels.“
… Hier sei ihre ursprünglich aus Ungarn stammende Großmutter,
eine Schoa-Überlebende, jeden Schabbes hergekommen,
… hier komme sie selbst her, seit sie denken könne,
und sitze nun neben ihrer Mutter, ihrer Schwester und Schwägerin.
„Und auch meine Kinder sind hier aufgewachsen.“

Natalie Neubauer

Er sei am Tag der Eröffnung „sehr erleichtert“ gewesen, schildert auch Eric-Emanuel Tschaikner. „Gegen Ende der Bauarbeiten mussten wir sehr viele Bälle gleichzeitig in der Luft jonglieren. Dieses Gebäude hat Tausende Ecken, und jeden Tag waren zig Entscheidungen zu treffen.“ 

Neubauer und Tschaikner sind im vergangenen Jahr nahezu täglich zehn oder mehr Stunden auf der Baustelle in der Seitenstettengasse gestanden, haben dabei nicht nur geschaut, dass die Arbeit der vielen Handwerker ineinander greift, sondern auch ständigen Kontakt mit dem Bundesdenkmalamt und der dort zuständigen Referentin Sylvia Schönolt sowie der Magistratsabteilung 37, das ist die Baubehörde der Stadt Wien, gehalten. Beide Stellen beschreiben die Architekten als sehr kooperativ. Wie auch viele der Professionisten seien sie aber zusätzlich noch „die Extrameile gegangen“, hätten auch abends oder am Wochenende in Archiven nach alten Plänen und Unterlagen gesucht.

Der Stadttempel, wie die Gemeinde ihn heute kennt, ist nicht in einem Guss entstanden. Sich hier also nur an den Plänen des Architekten Joseph Georg Kornhäusel zu orientieren, würde nicht „der heutigen Identität des Stadttempels“ entsprechen, wie es Tschaikner formuliert. Genau die wollten die KENH Architekten aber einfangen. 

Ein eingängiges Beispiel: Den hellblauen Kuppelhimmel mit dreidimensionalen Goldsternen gibt es vermutlich erst seit einer Generalsanierung in den 1960er-Jahren, für die damals der Architekt Otto Niedermoser verantwortlich zeichnete. „Damit assoziieren aber alle den Stadttempel – und abgesehen davon ist diese Kuppel mit den Sternen wunderschön“, betont Neubauer. „Wir haben gesagt: Eine Identität, die stark ist, muss auch erhalten bleiben“, so Tschaikner. „Es ging uns darum, die Form des Stadttempels zu finden, die die beste Version seiner selbst ist.“


„Für mich ist der Stadttempel nun die schönste Synagoge der Welt –
auch wenn ich nicht alle gesehen habe.
Davon kann man mich auch nicht mehr abbringen.“ 

Oskar Deutsch, IKG-Präsident

Herausgekommen ist nun ein Stadttempel, dessen Architektur gleichzeitig in Form der verschiedenen Schichten auch von seiner Entstehung erzählt. Die vor 200 Jahren mit der Genehmigung, diese Synagoge zu errichten, einhergehende Bedingung war, dass sich der Sakralbau hinter einer Zinshausfassade verbirgt. So führte eine Einfahrt zunächst in einen Hof, von dort erhob sich die – heute nicht mehr sichtbare – dreistöckige Fassade des Stadttempels. Um 1880 kam es zu den ersten größeren Änderungen: Der Hof wurde überdacht und so ein Vorraum zur Synagoge geschaffen. Damals wich auch die innere Fassade. 

Um die Jahrhundertwende schrieb sich dann der Architekt Wilhelm Stiassny in die Gebäudegeschichte ein. Inzwischen war die Synagoge elektrifiziert, Stiassny änderte dabei die Lichtgestaltung radikal. Er habe viele kleine Einzellichter gesetzt, erzählt Neubauer. Jene Leuchter, die wir heute kennen, entsprächen der Anmutung, die Kornhäusel schaffen wollte, und wurden erst bei der Renovierung durch Otto Niedermoser in den 1960er-Jahren angebracht. Nun wurden sie auf LED-Birnen umgerüstet und arbeiten so mit indirektem Licht. „Das Licht in der Synagoge war durch die Jahrhunderte immer ein Problem, jetzt haben wir eine Situation geschaffen, in der nichts mehr blendet“, so Tschaikner.

Stiassny setzte aber vor allem auf ein völlig anderes Farbkonzept. Um 1900 präsentierte sich der Stadttempel in Grün, Rot, Violett. Damit interpretierte er den von Kornhäusel klassizistisch-biedermeierlich und eher zurückhaltend gestalteten Innenraum, der von der Struktur her an ein Theater erinnert (Kornhäusel entwarf auch das Theater in der Josefstadt), völlig neu. Stiassny zeichnete übrigens auch für die Pläne der Jerusalemsynagoge in Prag verantwortlich und wählte auch dort kräftige Farben.

„Es ging uns darum, die Form des Stadttempels zu finden,
die die beste Version seiner selbst ist.“

Eric-Emanuel Tschaikner

Zerstörtes Innere. In der NS-Zeit blieb zwar der Bau erhalten, das Interieur wurde aber herausgerissen und zerstört. Das ging auch am Gebäude nicht spurlos vorbei. In der Nachkriegszeit veranlasste die Gemeindeführung eine rasche erste Wiederinstandsetzung, in den 1960ern gab es dann eben eine umfassende Renovierung durch den Architekten Niedermoser.

Der Architekt Thomas Feiger nahm Ende der 1980er-Jahre vor allem Umbauten vor, die den Ansprüchen einer gewachsenen Gemeinde gerecht werden wollten: Mit einem Durchbruch in das Nachbarhaus wurde das Gemeindezentrum geschaffen und ein Restaurant eingerichtet. Aber auch die wiedergegründete jüdische Schule fand für einige Jahre in der Seitenstettengasse ihr Zuhause, dafür musste ein Stiegenhaus eingezogen werden. Und die IKG-Administration übersiedelte an diese Adresse – aus Wohnungen wurden Büros, aus Geschäftslokalen Gemeinderäume.

Die treibende Kraft hinter den damaligen Arbeiten war Ariel Muzicant. Zu unserem Interview bringt er eine Wahlwerbung der Liste „Junge Generation“ aus dem Jahr 1981 mit. Darin formulierte Muzicant als Forderungen zum Stadttempel unter anderem: „Wir verlangen die Sanierung der Nebenräume und sanitären Anlagen. Wir glauben, dass die Rabbiner ein Büro, eventuell mit Bibliothek (die Kultusgemeinde hat genug Bücher, die in feuchten Kellern vermodern) erhalten sollten, um so im Herzen ihrer Gemeinde zu wirken und zu arbeiten. […] Wir werden, wenn Sie uns durch Ihre Stimme die Möglichkeit dazu geben, für einen Tempel sorgen, der zeitgemäß und doch balbatisch, diszipliniert und attraktiv ist.“

„Heute, 45 Jahre später, kann ich sagen: Diese Kampfschrift ist wirklich Makulatur“, sagt Muzicant. Barrierefreiheit, eine moderne Heizung, Kühlung, Lüftung, aber auch Akustik entsprächen den Anforderungen des 21. Jahrhunderts. „Bei der Eröffnung am 9. September habe ich wirklich Tränen in den Augen gehabt. Der Stadttempel gehört nun zu jenen Synagogen, die Würde ausstrahlen, aber auch zeitgemäß sind.“

Ariel Muzicant, Ehrenpräsident der IKG Wien

Ja, wie immer gebe es Menschen, die über dieses oder jenes motschgern würden – etwa über Plätze, die nun teilweise etwas enger seien (dazu merkt das Architekten-Team an, dem sei nachweislich nicht so) – aber der Tenor der Reaktionen sei überwiegend positiv bis enthusiastisch ausgefallen, so Muzicant. „Ich persönlich habe eine Riesenfreude mit dem alten Fußboden, der auf der Bima gefunden und freigelegt wurde.“ 

Tatsächlich entpuppte sich dieser Fund für das Team von KENH als kleine Sensation. Genau dieser Steinboden mit kleinen rötlichen Quadraten als Zierelementen fand sich auch auf Originalplänen Kornhäusels. So entschied man sich, den Boden im gesamten Erdgeschoss dieser Optik anzupassen. 

Aber auch im Vorraum, wo, um Barrierefreiheit zu erreichen, der Boden auf ein Niveau gebracht und Stufen entfernt wurden, fand sich ein Originalboden aus Solnhofener Platten. Neubauer und Tschaikner freuten sich zudem über eine weitere Entdeckung: Im Eingangsbereich hinter dem Tor des Stadttempels wurde der originale Steinsockel unter einer sechs Zentimeter dicken Putzschicht freigelegt. 

Dieser Eingang ist übrigens jener, der ab nun sowohl Betende als auch Touristen sowie Mitarbeiter und Besucher der IKG in das Gebäude führt. Hier hat das KENH-Team mit einer neuen Schleuse Sicherheit großgeschrieben, andererseits werden Besucherströme nun besser gelenkt.

Blickt man von der Damengalerie auf das Erdgeschoss, ergibt sich, nicht zuletzt aufgrund des nun hellen Steinbodens, ein bisschen die Assoziation zu den hellen Natursteinen, die die Architektur Jerusalems prägen. Verstärkt wird diese Anmutung im Vorraum, wo nun mittig ein großes Handwaschbecken steht, das entfernt an jene erinnert, die man vor der Klagemauer findet. 

„Ein ORF-Journalist hat nach dem Interview am Tag des Festakts für das offizielle Österreich zu mir gesagt, er hat mich noch nie so strahlend lachen gesehen…“

Eine Synagoge für alle.Vielleicht ist das ja auch einer jener Zufälle, die schlussendlich doch kein Zufall sind. IKG-Präsident Deutsch, der in dieser Synagoge auch persönlich schon bewegende Momente er- und durchlebt hat, etwa bei der Bris seines Sohnes, betont: „Wichtig ist mir, dass der Stadttempel eine Synagoge ist, die für alle offen ist.“ Die Gemeinde heute sei lebendig und divers, ob Aschkenasen, Sepharden, Bucharen, Georgier, fromm oder säkular, der Stadttempel sei eben für alle da. Die Synagoge sei aber auch eng mit Israel verbunden, „wir haben viele Gebete für den Staat Israel – ebenso wie für den Staat Österreich“. Man segne auch die Soldaten des Staates Israel und habe hier nach dem 7. Oktober 2023 für das Wohl und die Befreiung der Geiseln aus Gaza gebetet.

Deutsch war es auch, der die Mammutaufgabe bewältigte, die Mittel in Höhe von 10,5 Millionen Euro für die Bauarbeiten aufzustellen – wobei die Modernisierung von Gemeindezentrum und Restaurant sowie die Renovierung der Fassade nun im Anschluss an die Arbeiten in der Synagoge in Angriff genommen werden. Je ein Drittel steuerten Bund und Stadt Wien bei. 

Ja, das habe vieler Gespräche bedurft, sagt Deutsch, betont aber gleichzeitig: „Ob beim Bundeskanzler oder beim Bürgermeister: Wir sind mit unserem Anliegen immer willkommen gewesen. Sowohl Bund als auch Stadt sind der Ansicht, dass der Stadttempel nicht nur eine Visitenkarte für die jüdische Gemeinde ist, sondern auch für das Land Österreich und die Stadt Wien.“ Der geballte Auftritt der Staats- und Stadtspitzen beim offiziellen Festakt am 16. September unterstreiche das und sei „nicht selbstverständlich“. Die Botschaft lautete jedenfalls: „Die jüdische Gemeinde ist ihnen wichtig.“ 

Das letzte Drittel der nötigen Mittel sei von Spendern in- und außerhalb der Gemeinde aufgebracht worden. Hier habe auch Isabella Martens, Leiterin der Fundraising-Abteilung, „einen tollen Job gemacht“. Deutsch bedankte sich auch bei all den Menschen, die für 2.500 Euro einen Stern am Himmel des Stadttempels erworben haben, sie finden ihren Namen nun auf einer Tafel im Foyer. „Ja, man muss hier auch ein bisschen innovativ sein – und auch darauf bin ich stolz.“

Muzicant fungierte einerseits – so meint er durchaus augenzwinkernd – als „Ezzesgeber“. Vor allem aber kümmerte er sich um viele kleine Dinge, die am Ende zur Atmosphäre und, ja, auch zur jüdischen Neschume beitragen. „Ich habe die Torarollen in Ordnung gebracht und mich um die Parochets gekümmert, ich habe die ganzen Textilien sanieren lassen, ich habe die Tzedaka-Box im Eingangsbereich und das Ner Tamid gespendet und die Ausstellungsstücke in den Vitrinen zum Silberschmied gebracht.“ Er ließ aber auch eine Festschrift anlässlich 200 Jahre Stadttempel erstellen.

Stichwort Tzedaka-Box: Hier schildert Neubauer, wie jener Handwerker, der diese schließlich einmauerte, am Ende selbst in sein Börsel griff und der Erste sein wollte, der hier etwas einwarf. „Das war ihm ganz wichtig, und er meinte dann: Jetzt bin ich ein Teil davon. Und das war etwas, was wir im Zug der ganzen Bauarbeiten gespürt haben: Alle haben die Ärmel aufgekrempelt und gesagt, ok, wir machen das jetzt.“

Tschaikner, obwohl selbst kein Gemeindemitglied, hat übrigens diese und auch schon die vorangegangenen Hohen Feiertage im Stadttempel verbracht. In den vergangenen Jahren – mit der Planung hat das KENH-Team vor etwa zweieinhalb Jahren begonnen, eine Aufgabe, die der Architekt mit all der verbundenen Recherche auch als „sehr lustvoll“ beschreibt – habe er viel Zeit hier verbracht. Da sei es schön gewesen, die Synagoge auch in Betrieb zu sehen. 

Sie sei „ein Kind des Stadttempels“, beschreibt Neubauer ihr Verhältnis zur Synagoge. Hier sei ihre ursprünglich aus Ungarn stammende Großmutter, eine Schoa-Überlebende, jeden Schabbes hergekommen, vor allem um Oberkantor Abraham Adler zu hören. Hier komme sie selbst her, seit sie denken könne, und sitze nun neben ihrer Mutter, ihrer Schwester und Schwägerin. „Und auch meine Kinder sind hier aufgewachsen.“ Habe sie früher vor allem die Feiertage im Stadttempel verbracht, komme sie seit dem 7. Oktober an jedem Schabbat zum Gebet. „Ich brauche das für mich und mein Seelenwohl.“ Und, so Neubauer: „Die Mammutaufgabe, dieses wunderbare Juwel Stadttempel ins Hier und Jetzt zu holen, war natürlich eine sehr besondere Aufgabe.“ 

„Ich wünsche mir, dass wir in Zukunft wieder mehr lachen können“, sagt Deutsch. Der 7. Oktober und seine Folgen, der steigende Antisemitismus, das seien Themen, mit denen er sich als IKG-Präsident beschäftigen müsse. Das Wichtigste sei aber die Zukunft – und das meine er, Stichwort Atid, nun nicht parteipolitisch. „Es geht um die Kinder und die Enkel. Es geht darum, dass es diese Kultusgemeinde auch in 20, 30, 50 Jahren noch gibt. Und dafür ist diese wunderschöne Synagoge ein wichtiger Bestandteil.“ 


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