
Der Iran kann keine Kernwaffe haben.” Mit diesem Satz, in verschiedenen Variationen, wird Donald Trump auf der Website des Weißen Hauses nicht weniger als 56 Mal zitiert, mit präziser Angabe des Datums, beginnend am 4.11.2011. Auch Benjamin Netanjahu hat diesen Satz in den letzten Jahre und Jahrzehnte unzählige Male ausgesprochen. Der US-Präsident und Israels Premierminister sind Politiker, denen sehr viele sehr wenig glauben. Auch ich glaube ihnen vieles nicht. Aber ich glaube jetzt auch, dass der Iran die Atombombe nicht bekommen wird.
Ich lebe seit mehr als 40 Jahren in Israel. Vom ersten Tag an habe ich täglich anhören müssen, dass „alles hier immer schlechter wird“. Aber das ist Unsinn. Das Lästern und Jammern über ihr Land ist eine der Lieblingsbeschäftigungen der Israelis. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist, in Gesprächen, Vorträgen, Artikeln darzulegen, nein, nachzuweisen, dass in Israel, seit ich hier lebe, alles besser geworden ist. Besser geworden sind zum Beispiel die Torten in den Cafés, das Angebot in den Supermärkten, die Bedienung an den Tankstellen, die Ambulatorien der Krankenkassen, die Telefonie, die Eisenbahn, das Fernsehen, die Kinderspielplätze, die Badestrände, die Klimaanlagen, die Sicherheit der Wasserversorgung, die Währungsstabilität, die Auslandsinvestitionen, das Bruttonationalprodukt pro Kopf, die Einwohnerzahl.
Die dunkle Wolke. Besser geworden ist über die Jahrzehnte auch Israels außenpolitische Situation. Ja klar, gerade jetzt wird Israel wieder besonders heftig von vielen Seiten „kritisiert“. Aber der berüchtigte „Arabische Boykott“ (primär, sekundär, tertiär), der Israel jahrzehntelang isoliert hat, ist längst vergessen, und inzwischen haben immerhin schon sechs arabische Staaten Israel anerkannt, mit der Aussicht auf mehr. Der kommunistische Block, der Israels Feinde bewaffnet und beschirmt hatte, ist zerfallen, und seine früheren Mitglieder pflflegen korrekte bis ausgezeichnete Beziehungen zu Israel, ebenso die Riesen China und Indien oder die Mittelmeernachbarn Griechenland und Zypern, die früher alle ziemlich unfreundlich zu Israel waren.
„Wir können nicht in die Zukunft blicken
und wissen nicht, ob und wann der Iran
Kernwaffen haben wird.“
Auch militärisch ist Israels Position über die Jahrzehnte immer besser geworden. Nach der Katastrophe des 7. Oktober 2023 klingt diese Aussage beinahe obszön. Und doch. Wir erinnern uns daran, dass die beklemmende Frage, ob der jüdische Staat überleben wird, noch bis in die 1970er-Jahre durchaus berechtigt war. Aber die „klassischen“ Kriege gegen aggressive Nachbarstaaten, die mit Panzerdivisionen und Kampfflflugstaffeln Israel existenziell bedrohten, gibt es jetzt nicht mehr. Raketen haben seit den 1990er-Jahren zwar großes Unheil angerichtet, aber sie können Israel nicht auslöschen – auch deswegen, weil israelische Firmen einzigartige Abwehrsysteme wie die „Eiserne Kuppel“ („Kipat Barsel“), „Davids Schleuder“ („Kela David“), den „Pfeil-3“ („Chetz-3“) und neuerdings die Hochenergie-Laser-Kanone „Lichtschild“ („Magen Or“) entwickelt haben.
Doch bei all der Leidenschaft (oder eigentlich der Sachlichkeit), mit der ich immer wieder dargelegt habe, dass Israel eine Erfolgsstory ist, musste ich auch jedes Mal einen dicken Vorbehalt hinzufügen: Wir können nicht in die Zukunft blicken und wissen nicht, ob und wann der Iran Kernwaffen haben wird. In dem Moment, da iranische Techniker einen atomaren Gefechtskopf auf eine ballistische Rakete montieren, wäre alles anders. Das Nuklearprogramm der Mullahs, verknüpft mit ihren Vernichtungsdrohungen, schwebte seit dreißig Jahren wie eine dunkle Wolke über Israel und damit auch durch meine privaten Horrorfantasien. Die Assoziation mit der Shoah lag auf der Hand. Millionen jüdischer Menschen könnten ausgelöscht werden. Und die Gefahr für das große Kollektiv warf bei mir als winzigem Individuum die Frage auf: Was würde, was müsste ich tun? Der Gedanke an jüdische Familienväter und ihre Verantwortung im Europa der 1930er-Jahre hatte mich immer fasziniert und geängstigt. Wann war der Punkt erreicht, an dem man einsah, dass man weg musste? Hätte ich diese unmögliche Prüfung bestanden? Hätte ich die Klarsicht und die seelischen Kräfte gehabt, die Wohnung, die Arbeit, das Vermögen, das ganze bisherige Leben in Deutschland oder Österreich aufzugeben, Frau und Kinder zusammenzupacken und einen Fluchtweg zu fifinden? Und jetzt lebte ich mit meiner Familie in Israel. Wir möchten hier leben. Aber gäbe es einen Punkt, an dem ich entscheiden müsste, dass man hier nicht mehr leben kann? Würde ich diesen Punkt rechtzeitig erkennen? Besten Dank an die Islamische Republik für viel Stoff zum Grübeln in schlaflflosen Nachtstunden!
„Vielleicht mache ich mir etwas vor,
aber ich registriere, dass ich jetzt besser schlafe.
Die dunkle Wolke ist verflogen.“
Die Sterne waren ausgerichtet. Ins Grübeln bin natürlich nicht nur ich gekommen, sondern auch diejenigen, die eine viel größere Verantwortung trugen. Die dunkle Wolke hat schon 1992 der große Jizchak Rabin gesehen, als er wieder Premierminister wurde. „Die iranische nukleare Bedrohung hatte die höchste Priorität auf Rabins strategischem Arbeitsplan“, schrieb der Politologe Gerald Steinberg, und über die folgenden Jahrzehnte „wurde Rabins Politik gegenüber dem Iran von jedem israelischen Regierungschef übernommen, erweitert und angepasst“. In dieser langen Zeit wurden die Indizien für ein iranisches Kernwaffenprogramm immer konkreter, Israels Warnungen an die internationale Gemeinschaft wurden immer lauter, und ein Präventivangriff lag schon mehrmals in der Luft. Wieso hat Israel nun gerade am 13. Juni 2025 losgeschlagen?
Die Antwort, die man darauf immer wieder hört, lautet: „Die Sterne waren ausgerichtet.“ Erstens war der „Feuerring“, den der Iran geduldig um Israel herum gelegt hatte, plötzlich zerfallen: Die Hisbollah im Libanon, die Hamas im Gazastreifen, das Assad-Regime in Syrien – also die Vasallen, die dem Iran im Kriegsfall beistehen und Israel aus allen Richtungen beschießen sollten – waren handlungsunfähig oder untergegangen. Zweitens war das ganze riesige Mullah- Reich den F-35-Jets jetzt wehrlos ausgeliefert, weil Israel schon im Oktober 2024 nach einem Raketenangriff des Iran dessen russische S-300-Luftabwehrbatterien fast zur Gänze zerstört hatte. Drittens waren Israels über viele Jahre ausgetüftelte Pläne für komplizierte synchronisierte Operationen ausgereift – von rollenden Luftangriffen auf 900 ausgesuchte Ziele in 1.500 Kilometern Entfernung über den Bau von getarnten Drohnenstellungen auf iranischem Boden durch ein Netzwerk von Mossad-Agenten bis hin zum „Enthauptungsschlag“ gegen Dutzende iranische Militärführer und Nuklearwissenschaftler. Und viertens war jetzt in Washington ein Präsident im Amt, der nicht nur grünes Licht gab und anscheinend bei politischen Ablenkungsmanövern mitgespielt hat, sondern von dem man sogar erwarten konnte, dass er auch seine B2-Bomber losschicken würde.
Point of no return. Aber Israel hat nicht nur deswegen losgeschlagen, weil sich eine „Jetzt-oder-nie“-Gelegenheit ergeben hatte, sondern auch deswegen, weil es notwendig war. Unter Israels Politikern und Sicherheitsexperten herrscht breiter Konsens darüber, dass man vor dem „Point of no return“ stand. Die in Wien sitzende Internationale Atomenergiebehörde hatte im Mai festgestellt, dass der Iran 408 Kilogramm Uran auf 60 Prozent angereichert hatte – genug Ausgangsmaterial für rund zehn Atombomben. Parallel berichteten Israels Nachrichtendienste, dass Irans „Weaponization Group“ (jene Wissenschaftler und Ingenieure, welche die Aufgabe hatten, einen nuklearen Gefechtskopf zusammenzusetzen) beschleunigt arbeitete. Das bedeutete: Ali Khamenei hat vielleicht noch nicht entschieden, die Bombe zu bauen, aber wenn der Oberste Führer den Befehl gibt, kann der Iran binnen Wochen die Bombe haben, und nichts kann ihn mehr stoppen – eine Situation, mit der Israel nicht leben konnte. Zur nuklearen kam eine „konventionelle“ Bedrohung, die ebenfalls existenziell werden konnte: Der Iran hatte die Raketenproduktion intensiviert mit dem Ziel, bis 2027 sein Arsenal von 2.500 schweren ballistischen Geschossen auf 8.000 mehr als zu verdreifachen. Der Plan war offensichtlich, das wiederholte gleichzeitige Abfeuern von vielen Hunderten Raketen zu ermöglichen, um die Abwehrsysteme zu überfordern und Israel unerträgliche Verluste zuzufügen.
Israel hat sich deswegen im „Zwölf- Tage-Krieg“ auch die iranischen Raketen vorgenommen. Zerstört wurden Hunderte ballistische Raketen, mehr als die Hälfte der Raketenwerfer, rund 30 Raketenfabriken. Aber zentral im Visier waren natürlich die Komponenten des iranischen iranischen Nuklearprogramms. Dieses sei „tödlich verwundet“, sagte der israelische Verteidigungsminister Israel Katz. Laut Trump wurden die Anreicherungsanlagen „komplett und total vernichtet“. Israels früherer Strategieminister Yuval Katz, jetzt Vorstandsvorsitzender der Verteidigungstechnologie- Firma Rafael, schätzte in einem Interview für die Jerusalem Post, dass „wir rund 80 Prozent der Anreicherungskapazität beschädigt haben“. Und „was die Teile und die Menschen für den Bau der Bombe betrifft: Die haben wir vielleicht ganz ausradiert.“
Wie weit der Iran wirklich zurückgeworfen wurde und ob er seine Ambitionen aufgibt, kann ich nicht wissen. Aber klar ist, dass dem Iran über Jahrzehnte getätigte Milliardeninvestitionen innerhalb von zwölf Tagen verloren gegangen sind. Um wieder an den Punkt zu gelangen, wo er war, müsste der Iran abermals über Jahrzehnte Milliarden investieren. Angesichts der katastrophalen Wirtschaftslage würden die Mullahs damit die Stabilität ihres Regimes riskieren. Außerdem wissen die Machthaber in Teheran jetzt, dass sie vor Israels Waffenund Nachrichtentechnologie nackt und durchsichtig dastehen. Was im Juni 2025 zerbombt wurde, kann wieder zerbombt werden. Es zahlt sich für sie nicht aus.
Einer Anfang Juli veröffentlichten Umfrage des „Israelischen Demokratie- Instituts“ zufolge sind jetzt 51 Prozent der Israelis „optimistisch bezüglich der Zukunft der nationalen Sicherheit“. Ein bemerkenswerter Zuwachs – einen Monat zuvor waren es nur 37 Prozent gewesen. Ich stehe also mit meinem Gefühl nicht allein. Es ist nur ein Gefühl, aber es sagt mir, dass der Iran keine Atombombe haben wird, ja, dass er nie wieder eine Rakete auf Israel abschießen wird. Vielleicht mache ich mir etwas vor, aber ich registriere, dass ich jetzt besser schlafe. Die dunkle Wolke ist verflogen.

























