Die ersten Holocaust-Forscherinnen

Simon Wiesenthal ist wohl der bekannteste NS-Überlebende, der sich nach 1945 darum bemühte, NS-Verbrecher auszuforschen und NS- Verbrechen zu dokumentieren. Aber auch Aktivisten wie Nachman Blumenthal oder Tuviah Friedman haben sich hier in die Geschichte eingeschrieben. Es gab jedoch auch eine erkleckliche Anzahl von Frauen, die sich um Forschung und Dokumentation bemühten, deren Wirken aber weniger bekannt ist.

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Verfolgen und Aufklären. Die Ausstellung im Haus der Geschichte in Wien. (Bild: Linz, Herbst 2020). © Mark Sengstbratl/Kunst Uni Linz

Einigen dieser Frauen war bis Anfang April ein kleiner Teil der derzeit im Haus der Geschichte Österreich gezeigten Ausstellung Verfolgen und Aufklären gewidmet. Noch mehr Informationen bietet das Buch zur Schau, die bereits an anderen Standorten zu sehen war. WINA bittet hier einige dieser spannenden Frauen postum vor den Vorhang. Was viele von ihnen eint: Sie hatten an einer Universität studiert und kannten das wissenschaftliche Arbeiten bereits vor der NS-Zeit.

Rachel Auerbach (1903–1976) etablierte Berichte von Überlebenden als wichtigen Bestandteil der Holocaustforschung. Sie stammte aus Galizien und studierte in den 1920er-Jahren in Lemberg Philosophie und Psychologie. Danach arbeitete sie in Warschau als Journalistin. Im dort 1940 errichteten Ghetto leitete sie eine Suppenküche und arbeitete für Emanuel Ringelblums Untergrundarchiv Oyneg Shabes. 1943 konnte sie flüchten und sich bis zum Kriegsende verstecken.
Danach führte sie die Arbeit des Ringelblum-Archivs in der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission in Polen fort. Sie war es auch, die dafür sorgte, dass Teile des versteckten Archivs gefunden wurden. 1947 veröffentlichte sie Oyf di felder fun Treblinka, einen Bericht über das Vernichtungslager Treblinka. 1950 emigrierte sie nach Israel und leitete dort die Abteilung für Zeitzeugenberichte von Yad Vashem. Anfang der 1960er-Jahre sagte sie in Jerusalem beim Prozess gegen Adolf Eichmann aus.

Maria Hochberg-Marianska (Miriam Peleg) war Gründungsmitglied der Jüdischen Historischen Kommission in Polen. © POLIN Museum of the History of Polish Jews

Maria Hochberg-Marianska (1913–1996) sammelte Zeugnisse von Kindern über die Naziverfolgung und war Gründungsmitglied der Jüdischen Historischen Kommission in Polen. Sie wurde nahe Krakau geboren, wo sie in den 1930er-Jahren polnische Literatur und Geschichte studierte. Auch sie arbeitete später als Journalistin. Während des Zweiten Weltkrieges musste sie Zwangsarbeit im Ghetto Krakau leisten, bis sie 1941 mit einem gefälschten Pass unter dem Namen „Maria Gorska“ das Ghetto verlassen konnte. Sie arbeitete von da an im Untergrund für die Polnische Sozialistische Partei und für Zegota, den Rat der polnischen Untergrundarmee für die Unterstützung der Juden.
Nach dem Krieg leitete Hochberg-Marianska bis 1948 die Abteilung für Kindesfürsorge beim Provinzkomitee der Juden in Krakau. In diesen Jahren dokumentierte sie die Erlebnisse jüdischer Kinder in der NS-Zeit und veröffentlichte deren Berichte 1947 in ihrem Buch The Children Accuse. Die Kinder hatten in Verstecken überlebt, oft in Wäldern oder Bunkern. Auch sie wanderte 1949 nach Israel aus und nannte sich dann Miriam Peleg. Und auch sie arbeitete für Yad Vashem. 1991 veröffentlichte sie ihre Erlebnisse in der NS-Zeit unter dem Titel Witnesses: Life in Occupied Krakow.

Eva Reichmann trug im Rahmen eines Forschungsprojekts mit ihrem Team mehr als 1.300 Berichte von Holocaust-Überlebenden zusammen.© Chris Hoffman/dpa/picturedesk.com

Die deutsche Historikerin und Soziologin Eva Reichmann (1897–1998) wuchs in Oberschlesien auf und studierte Ökonomie in Breslau, Berlin, München und Heidelberg, wo sie 1921 promovierte. Von 1924 bis 1939 arbeitete sie für die für den Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, zudem in Berlin mit Leo Baeck für die Jewish Agency und die Reichsvertretung der Deutschen Juden. 1932 heiratete sie den Juristen Hand Reichmann – er wurde im November 1938 in Sachsenhausen interniert. Nach dessen Freilassung emigrierte das Ehepaar nach London. Von 1942 bis 1932 arbeitete sie dort für den deutschen Dienst der BBC, danach wechselte sie zur Wiener Library und wurde Leiterin der Forschungsabteilung. Im Rahmen eines Forschungsprojekts trugen sie und ihr Team mehr als 1.300 Berichte von Holocaust-Überlebenden zusammen. 1950 erschienen ihre Forschungen unter dem Titel Hostages of Civilisation.

Auerbach, Reichmann und Hochberg-Marianska konnten sich zumindest in Fachkreisen einen Namen machen, da sie auch offizielle Positionen innehatten. Es gab jedoch auch eine Reihe weiterer Frauen, deren Wirken zu Lebzeiten einen wichtigen Beitrag zur Holocaustforschung bildete, für das es aber kaum Anerkennung gab oder andere die Meriten davontrugen. Im Fall von Ada Eber war dies zum Beispiel ihr Mann.

Maria Hochberg-Marianska veröffentlichte 1947 das Buch The Children Accuse über die Erlebnisse jüdischer Kinder während der NS-Zeit. Die Kinder hatten in Verstecken überlebt, oft in Wäldern oder Bunkern.

Ada Eber (Lebensdaten unbekannt) promovierte vor dem Zweiten Weltkrieg in Lemberg in Geschichte. Sie konnte die NS-Zeit in einem Versteck überleben. Nach Kriegsende schloss sie sich der Jüdischen Historischen Kommission in Polen an. Dabei lernte sie auch ihren späteren Mann Philip Friedman kennen. Gemeinsam emigrierten sie über Deutschland und Frankreich in die USA. Sie unterstützte die wissenschaftliche Arbeit ihres Mannes und dessen Publikationstätigkeit.

Hans-Christian Jasch,
Stephan Lehnstaedt (Hg.):
Verfolgen und
Aufklären.
Die erste Generation der Holocaustforschung.
Metropol Verlag 2019,
300 S., € 24,70

Genia Silkes (1914–1984) arbeitete vor dem Krieg als Lehrerin in Warschau. Sie richtete im Ghetto mehrere Untergrundschulen ein und beteiligte sich wie Auerbach an der Arbeit der Oyneg-Shabes-Gruppe. Während des Ghetto-Aufstandes konnte sie flüchten. Auch ihr Name findet sich unter jenen, die sich in der Jüdischen Historischen Kommission engagierten. Sie setzte sich nach Kriegsende dafür ein, jüdische Schulen in Polen wiederaufzubauen. Auch sie emigrierte und arbeitet ab 1949 am Jüdischen Wissenschaftlichen Institut in Paris. Ab 1956 lebte sie in den USA.

Auch Nella Rost (1902–?) arbeitete vor dem Krieg als Journalistin. Sie überlebte Zwangsarbeit, das Krakauer Ghetto, das KZ Plaszow und eine Haftstrafe im Krakauer Gefängnis Montelupich. Nach der NS-Zeit leitete sie die Krakauer Abteilung der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission in Polen. 1946 emigrierte sie nach Schweden und führte dort für den World Jewish Congress eine weitere historische Kommission. 1951 wanderte sie erneut aus, diesmal nach Uruguay.

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