Die Filmpioniere aus Galizien

Die beiden Kaufleute Isaak Isidor Fett und Karl Wiesel standen 1912 an der Wiege der später einflussreichen Bavaria Film in München.

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© Haidhausen-Museum

DIE LICHTSPIELE AM MAX-WEBER-PLATZ
und die Filmgesellschaft „Fett & Wiesel“
bis 31. Juni 2022
Haidhausen-Museum Kirchenstraße 24, München-Haidhausen (Nähe Max-Weber-Platz)
Öffnungszeiten: So., 14–17 Uhr; Mo.–Mi., 17–19 Uhr

Isidor Fett war Ende des 19. Jahrhunderts aus dem galizischen Debica, das heute in Polen liegt, über Wien nach München zugezogen. Dort hatte er dann ein eigenes Konfektionshaus gegründet, sah aber über die Mode hinaus eine neue, interessante Branche entstehen: den Film. Dafür fand er einen Partner, ebenfalls aus Galizien. Karl Wiesel war aus Zurawno unweit von Lemberg nach München gekommen und betrieb eine so genannte Partiewaren-Halle mit der „Specialität Schuhwaren“. Im Jahr 1910 gründeten die beiden ein Filmatelier in Geiselgasteig im Süden von München. Zwei Jahre später nutzten sie dann einen Saal in Bekleidungsgeschäft von Fett dazu, ihr eigenes Kino einzurichten, die Lichtspiele am Max-Weber-Platz. Es hatte etwa 150 Sitzplätze.

Jahre intensiver Produktion der Bayerischen Filmgesellschaft Fett & Wiesel folgten. Diese avancierte „binnen kürzester Zeit zu einer der stadtweit einflussreichsten Firmen in der Branche“, so die Süddeutsche Zeitung (SZ). Fett & Wiesel brachten über 50 Stummfilme auf den Markt, eher leichte Unterhaltung, arbeiteten aber bereits mit dem damaligen Stummfilmstar Harry Piel zusammen, der unter anderem einen „Elektromenschen“ spielte, einen frühen Roboter. Isidor Fett war zeitweise auch Geschäftsführer der Harry Piel Film Company GmbH.

Fett und Wiesel zählten laut SZ seinerzeit zu den „Big Playern in der Münchner Filmszene“. Ihre Firma gehörte dann auch zu jenen sieben süddeutschen Unternehmen, die sich gegen die große Ufa in Berlin stemmten und sich 1920 zur Emelka zusammenschlossen. „Ihr Name leitet sich von der Abkürzung MLK ab, was für Münchener Lichtspielkunst steht“, so die SZ. Die Emelka war europaweit tätig, betrieb 100 Kinos in Süddeutschland, die Filmateliers in Geiselgasteig von Fett & Wiesel sollten eine der Keimzellen der Bavaria Filmstudios werden.

Doch schon ein Jahr nach der Fusion gingen Fett und Wiesel jeweils eigene Wege. Von 1921 bis 1926 war Fett noch im Namen der Münchner Lichtspiele AG am Wiener Filmverleih Hugo Engel beteiligt. 1923, als er nach Jahrzehnten in München um die bayerische Staatsbürgerschaft ansuchte, wollte man ihn sogar aus dem Freistaat ausweisen. Als Grund galt „schnelle Bereicherung“. Fett übersiedelte später nach Berlin und starb 1933 überraschend in einem Münchner Hotel. Seine Witwe wurde nach Theresienstadt deportiert und gilt offiziell als „in Riga verschollen“. Wiesel durfte als Jude unter den Nazis nicht in der Filmbranche arbeiten und emigrierte 1938 in die Schweiz. Er starb 1941 auf der Überfahrt Richtung Kuba an Typhus.

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