Die Fremden im Kaftan

Die armen galizischen Juden – viele von ihnen Kriegsflüchtlinge – dienten in Wien vor 100 Jahren als willkommene Projektions­fläche der Antisemiten.

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Galizische Juden auf dem Weg zur Synagoge ihres Dorfes, 1914. © Scherl/picturedesk.com; Wikipedia

Der Krieg war schon ein Jahr vorbei, aber Armut und Elend hielten in der Großstadt an. Und manchen nutzte eine besondere Bevölkerungsgruppe als Mittel für ihre politischen Zwecke. „Hinaus!“, brüllte die Schlagzeile am 6. Oktober 1919 auf der Seite eins der Reichspost. Gemeint waren die so genannten „Fremdjuden“, und mit denen solle die Regierung endlich aufräumen: „Wenn sie ehrfürchtig vor jedem Kaftan in die Knie sinkt und wartet, bis die bodenständige Bevölkerung, der von Ausländern das Brot weggefressen und die Wohnräume weggenommen werden, im Elend verkommt und ihre Kinder zugrunde gehen, dann darf sie sich nicht wundern, dass selbst in der so gemütlichen Wiener Bevölkerung Stimmungen Platz greifen, die ihr und den Juden […] nicht gefallen. Man räume die Steine des Anstoßes aus dem Weg, man schaffe die vielen ausländischen Schmarotzer […] endlich ab.“ Der britische Historiker Murray G. Hall hat diese Passagen ausgegraben, die mit ihrem Ton auf spätere noch grausamere Zeiten verweisen.* Nur wenige Tage später hielt der christlichsoziale Abgeordnete Leopold Kunschak in der Säulenhalle des Wiener Rathauses einen gut besuchten Vortrag mit dem Titel Volksrepublik oder Judenstaat? Er spielte noch gekonnter auf der Klaviatur der politischen Vorurteile, nutzte die in Wien lebenden Juden gleichzeitig als Negativbeispiele für reiche Krisengewinnler und arme Konkurrenten der unteren Schichten um Lebensmittel: „All das, was an dem Verhalten der jüdischen Flüchtlinge zur Kritik herausfordert, sind nicht eigentümliche, nur dem jüdischen Flüchtling anhaftende Charaktereigenschaften, sondern der ungeschminktere und brutalere Ausdruck des jüdischen Typus. Der eine ist ein Ehrenmann in schmierigem Kaftan und schmutzigen Stiefeln, der andere in Frack und Lackschuhen.“

Wer mit dem schmierigen Kaftan gemeint war, musste im Wien der Zwischenkriegszeit nicht erklärt werden: Es waren die Juden aus Galizien. Sie hatten sich vergleichsweise spät in Richtung Hauptstadt aufgemacht, nach ihren Glaubensgenossen aus Böhmen, Mähren und Ungarn.

Galizien war mit Abstand die ärmste Provinz des Habsburger Reiches. Um 1900 lebte noch 80 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft, mehrere Pläne Wiener Regierungen zur wirtschaftlichen Entwicklung hatten nur wenig gefruchtet.

Als sich im armen Galizien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch immer keine nennenswerten wirtschaftlichen Verbesserungen abzeichneten, kam es zu ersten Auswanderungswellen. Doch diese gingen vor allem über den Atlantik, nach Nord- und Südamerika. Wien galt erst als sekundäres Ziel. Zur Jahrhundertwende waren es bloß etwa 30.000 Juden aus Galizien, die sich hier angesiedelt hatten, von den 175.000 Juden zur Volkszählung 1910 ein vergleichsweise kleiner Anteil.

Die Dominanz des Chassidischen und Orthodoxen hatte in Galizien den Aufstieg zionistischer Organisationen nicht verhindern können, vor allem unter jungen Juden.
Und diese setzten ihre Arbeit in Wien fort.

Und doch stachen sie im Stadtbild hervor, besonders im zweiten Bezirk, der Leopoldstadt, wo die meisten von ihnen wohnten. Viele kamen aus traditionellen Städtln, trugen Pajes und den Kaftan ihrer Vorfahren, heirateten vor allem unterei­nander, frequentierten meist kleinere Synagogen oder Stiebln und folgten ihren eigenen Rabbinern – zeitweise bis zu 60 an der Zahl. Evelyn Adunka schreibt in der Folge von einem „Zentrum des Chassidismus“ mitten in der k. und k. Metropole.

Doch das war nur die eine Seite. Die galizischen Juden organisierten sich in Wien jenseits ihrer Minibethäuser. Sie schafften es zwar nicht in die höchsten Regierungsämter wie manche der polnischen Adeligen aus der Gegend. Doch es gab eine Vielzahl von Vereinen, der prächtige Tempel „Polnische Schul“ in der Leopoldstadt wurde von Zuwanderern aus Galizien besucht und jiddische Theatermacher kamen ebenfalls von dort. Einer der sensibelsten Literaten, der das verschwundene Reich in seinen Romanen unsterblich machen sollte, Joseph Roth, lebte eine Zeitlang in Wien, ebenso sein Schriftstellerkollege Karl Emil Franzos.

Es gab unter den neuen Juden aus Galizien durchaus Parallelen zur Assimilierung der früheren Zuwanderer aus anderen Teilen des Reiches. Zwar gingen sie meist nicht so weit, sich für ihre Karrieren gleich taufen zu lassen, eine ganze Reihe von ihnen schaffte dennoch den gesellschaftlichen Aufstieg. So stammte etwa der stellvertretende Oberrabbiner der Kultusgemeinde und Schulgründer Zwi Perez Chajes aus Brody. Der Bibliothekar und Historiker Bernhard Wachstein war aus Galizien gekommen sowie die bekannte sozialdemokratische Schuldirektorin Minna Lachs. Dominierend blieben freilich die ärmeren Schichten unter den Galiziern in Wien: Arbeiter, Hausierer, Tagelöhner.

Orthodoxe Juden in der Wiener Leopoldstadt im Jahr 1915. © Scherl/picturedesk.com; Wikipedia

Eine neue Qualität erfuhr diese Zuwanderung 1915 während des Kriegs durch die schiere Zahl. In Galizien waren viele Menschen direkt vom Frontverlauf betroffen, andere flohen vor der anfangs vorrückenden russischen Armee. Sie wussten von deren antijüdischer Einstellung, die Pogrome von 1905 waren noch in frischer Erinnerung. Etwa 300.000 Juden flohen damals in Richtung Westen, vermutlich die Hälfte von ihnen nach Wien. Sie waren arm, aber kaisertreu, und als seine Truppen wieder Richtung Osten marschierten, gab es in Wien unter ihnen Siegesfeiern.

Viele kehrten auch recht schnell wieder in ihre Heimat zurück. Doch andere blieben, und ihr Elend sollte nicht ganz unbeantwortet bleiben – jenseits der antisemitischen Propaganda, die sich bereits entwickelte, während noch Franz Joseph seine schützende Hand über sie hielt. Eine Vielzahl humanitärer Vereine versuchte, dieses Elend zu lindern. Es gab unterschiedliche Spendenvereine, Suppenküchen und Kinderkrippen. Und auch politische Organisationen entstanden. Die Dominanz des Chassidischen und Orthodoxen hatte in Galizien den Aufstieg zionistischer Organisationen nicht verhindern können, vor allem unter jungen Juden. Und diese setzten ihre Arbeit in Wien fort. Während die alteingesessenen Zionisten oft bloß theoretisierten, waren sie – geprägt von der brutalen Armutserfahrung – eher bereit, die Reise ins ferne, unbekannte Palästina anzutreten.

Schon 1918 entstand in Wien das „Palästina Amt“, das zwar zunächst nur registrieren durfte, ab 1920 aber mit der Etablierung eines britischen High Commissioner dann doch Auswanderungen organisierte. Dies geschah nicht nur für Juden, die bereits in Wien lebten, sondern auch für künftige Kibbuzniks aus Polen und Ungarn, die vor dem polnisch-russischen Krieg oder der Budapester Räterepublik flohen. Manche von ihnen wurden hier auch geschult. So erhielten etwa 1919 mehr als 400 jüdische Jugendliche in der Landwirtschaft ihre Grundausbildung für ihre Arbeit auf den Feldern und in den Ställen Palästinas.

In der neuen Republik wählten die Juden vor allem sozialdemokratisch – die ärmeren ohnehin, die wohlhabenderen, weil das liberale politische Lager kollabiert war. Die SDAP galt damals manchen als „Judenschutzpartei“, aber es gab auch in ihren Reihen ähnlich üble Phrasen wie auf der politischen Rechten: Der Klassenkampf richtete sich nicht nur abstrakt gegen das Kapital, sondern ebenso gegen „reiche Juden, jüdische Schieber und Spekulanten“. Und auch bei der Konkurrenz um die knappe Arbeit zeigten sich die Sozia­listen nicht ganz frei von dumpfen Klischees, es gab durchaus die Formulierung von den „Ostjuden als Parasiten im Körper der Volkswirtschaft“. 

* Der Aufsatz Halls ist folgendem Sammelband entnommen: Frank Stern, Barbara Eichinger (Hg.): Wien und die jüdische Erfahrung 1900–1938. Akkulturation – Antisemitismus – Zionismus. Wien et al. Boehlau 2008.

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