Die Geschichten der verlorenen Generation

Ein deutscher Arzt gibt 180 in der NS-Zeit vertriebenen und ermordeten jüdischen Künstlern und Malerinnen mit ihren vergessenen Kunstwerken eine neue Heimat: in seinem Privatmuseum in Salzburg.

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Ludwig Jonas (1887–1942). Blumenstillleben mit Masken, 1920, Öl auf Leinwand. Foto von Florian Stürzenbaum

Wer im Herzen der Altstadt Salzburgs durch die Sigmund-Haffner-Gasse schlendert, wird vielleicht bei Hausnummer 12 nur einen Blick auf das runde, gediegene Holztor werfen, aber nicht mehr. Erst wer zur oberen Glasscheibe hinaufschaut, entdeckt das wahrlich Außergewöhnliche: Museum – Kunst der verlorenen Generation, Sammlung Böhme, heißt es da ganz schlicht: Hinter dieser bescheidenen Aufmachung verbirgt sich ein Privatmuseum der eher seltenen Art: Ein pensionierter Universitätsprofessor der Medizin präsentiert hier eine jährlich wechselnde Auswahl seiner Sammlung, die bisher rund 400 Kunstwerke von 180 Künstlerinnen und Künstlern umfasst. Im Ambiente einer ehemals bürgerlichen Vier-Zimmer-Wohnung im ersten Stock erleben die Besucher eine thematisch wohl durchdachte und liebevoll abgestimmte Werkschau.

»Ich möchte die bewegende Geschichte der Menschen hinter diesen Bildern erzählen,
daher stehen die Biografien der Künstler im Vordergrund.«

Professor Dr. Heinz R. Böhme

 

Aber auch das wäre noch nichts Spektakuläres. Es sind die inhaltliche Klammer dieser Sammlung, ihr Charakter und die Motivation des Sammlers: „Ich möchte die bewegende Geschichte der Menschen hinter diesen Bildern erzählen, daher stehen die Biografien der Künstler im Vordergrund. Sie gehören der verlorenen Generation an, denen zu Lebzeiten die Anerkennung verwehrt wurde, weil sie in der Zeit des Nationalsozialisten als die ‚Entarteten*‘ und ‚Verfemten‘ gegolten haben“, erklärt Professor Dr. Heinz R. Böhme, der 1932 in Leipzig als Sohn eines sächsischen Vaters und einer Wiener Mutter geboren wurde.

„Obwohl diese kreativen und produktiven Menschen erfolgreich waren und bereits an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland teilgenommen hatten, wurden sie diffamiert, erhielten Berufsverbot, wurden in die Emigration gezwungen oder deportiert und ermordet.“

Felka Platek (1899–1944). Porträt Frau Etienne, 1942, Öl auf Leinwand. Foto: Hubert Auer

Seit Oktober 2017 stellt der Internist, der u. a. in Leipzig und München an den Universitäten tätig war, unter dem Titel Wir haben euch nicht vergessen! Neues aus der Sammlung Böhme solche Gemälde aus dem Bestand seiner Sammlung aus, die noch nie öffentlich gezeigt wurden. Dabei zählten deren Schöpfer zur zweiten Künstlergeneration der Moderne und spiegeln den Stilpluralismus Anfang des 20. Jahrhunderts wider: Sie studierten meist bei berühmten Lehrern wie Max Beckmann, Henri Matisse, Lovis Corinth, Paul Klee oder Oskar Kokoschka und besuchten angesehene Kunstschulen. Viele waren Gründer und Mitglieder verschiedener Künstlergruppen wie der Berliner und Hamburger Secession, des Hagenbundes, des jungen Rheinlands oder der Kölner Progressiven.

„Allen gemeinsam ist, dass nicht nur ihr Leben, sondern auch ihr künstlerischer Erfolg unter den politischen Umständen litt. Zahlreiche Kunstwerke wurden zerstört, ins Ausland gebracht oder mit etwas Glück im Verborgenen aufbewahrt“, so der begeisterte Kunstsammler, der sehr bedauert, dass erst in den letzten Jahren Historikerinnen und Kunsthistoriker begonnen haben, sich mit dieser Generation von Künstlern als Kollektiv zu beschäftigen. „Diese Lücke in der Kunstgeschichte zu schließen, die Biografien im kunsthistorischen und zeitgeschichtlichen Zusammenhang aufzuzeigen und wissenschaftlich einzuordnen, gehört zu den Aufgaben meines Museums.“

Doch wie entstand das Interesse für diese Künstlergruppe? „Ich habe immer schon gesammelt, aber eher unspezifisch. Ich kaufte, was mir gefiel, vorzugsweise Landschaften und Porträts“, erzählt der Wahlsalzburger. „In den Achtziger- und Neunzigerjahren war ich beruflich oft in Berlin und besuchte abends Galerien.“ Während er einen Stapel von alten Katalogen aus Platzmangel in seiner Wohnung entsorgte, blätterte er noch in manche hinein und entdeckte den Ausstellungskatalog mit Werken von Ludwig Jonas, der 1984 in der Galerie Bredow in Berlin unter der Schirmherrschaft des israelischen Botschafters präsentiert wurde. „Die kleine Monografie war mit echten Fotos bestückt; ich war von seiner Lebensgeschichte so beeindruckt, dass ich mich auf die Suche nach seinen Bildern gemacht habe“, erinnert sich Böhme. Ludwig Jonas wurde 1887 in Bromberg geboren, hatte in München sein Medizinstudium abgebrochen, um nach Berlin zu gehen und sich der Malerei zu widmen. In den 1920er-Jahren zählte er in Berlin zu den bedeutendsten Impressionisten. Nach der Machtergreifung der Nazis floh er nach Frankreich, ließ sich 1935 in Palästina nieder und starb 1942, vor der Staatsgründung Israels. Damit hatte seine Karriere 1933 in Europa ein abruptes Ende gefunden, sein Werk geriet in Vergessenheit.

Julie Wolfthorn (1864–1944). Dunkelhaarige Dame im Lehnstuhl, o. D., Öl auf Leinwand. Foto: Hubert Auer

Seit den 1980er-Jahren sucht Böhme nach derart verschollenen Werken ähnlich gelagerter Künstlerschicksale bei Galeristen, Altwarenhändlern, auf Flohmärkten oder über Nachlässe in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien. „Da braucht man dann auch kein dickes Portemonnaie“, verriet er in einem PresseInterview. Er vermeide konsequent bekannte Namen wie beispielsweise Max Beckmann, er suche vielmehr nach dessen Studenten, an die sich keiner mehr erinnert. Außerdem soll deren hohe künstlerische Qualität Beachtung finden, denn Böhme sucht auch gezielt nach den Malstilen, in denen diese Künstlerjahrgänge zwischen 1890 und 1914 später gearbeitet haben. „Das war ja sehr vielseitig, von Expressionismus über Kubismus bin hin zu Surrealismus und Neuer Sachlichkeit. Wenn es mir gelingt, die Biografien der Künstlerinnen und Künstler zu recherchieren und die Thematik Berufsverbot oder Verfolgung vorkommt, dann kauf’ ich das Werk. Fehlt diese Thematik, lass’ ich das.“ Sukzessive reifte der Wunsch, diese Bilder, die er akribisch in den vielen Jahren zusammengetragen hat, nicht einfach nur für sich zu sammeln, sondern sie auch einer breiteren Öffentlichkeit zu zeigen. Ein Herzensanliegen des unermüdlichen Sammlers ist es, dass die Werke nicht mehr auseinandergerissen werden. Um das zu gewährleisten, gründet er eine gemeinnützige Stiftung – und sammelt weiter die Bilder der verlorenen Generation. Derzeit arbeitet ein Restaurator an rund 50 Gemälden. Apropos Frauen. Schicksale aus der Sammlung Böhme heißt die aktuelle Sonderausstellung, die noch bis 22. Januar 2022 zu besichtigen ist. Der Fokus liegt auf den unbekannten Künstlerinnen der verlorenen Generation, deren Laufbahn durch das Akademieverbot geprägt wurde, weshalb sie ihre Ausbildung in privaten Malschulen absolvieren mussten. Obwohl sich dann die 1920er- und frühen 1930er-Jahre für diese Gruppe doch noch zu einer Blütezeit entwickelte, die ihnen Reisen und Ausstellungen ermöglichte, holten sie bald darauf die NS-Gesetze ein. Ein typisches Beispiel dafür ist Julie Wolfthorn, die 1864 als fünftes Kind in eine jüdische Familie in Westpreußen geboren wurde. Um 1890 beginnt sie ihre künstlerische Ausbildung der Malerei und Grafik in Berlin an der Malschule des Vereins der Berliner Künstlerinnen und Kunstfreundinnen, weil Frauen erst 1919 an der Akademie zugelassen werden. Nach Studienaufenthalten in Paris und ersten Ausstellungen in München gehört sie 1898 zu den Gründungsmitgliedern der Berliner Secession. Ab 1933 wird Wolfthorn aus allen Künstlervereinigungen ausgeschlossen, erhält Ausstellungsverbot und ab 1939 Berufsverbot. Im Oktober 1942 wird Julie mit ihrer Schwester in das Lager Theresienstadt deportiert, wo sie im Dezember 1944 stirbt.

 

 

Wir haben uns lange nicht gesehen
ist der Titel des Sammlungskatalogs, der in Deutsch und Englisch im Museum oder
online erhältlich ist. Hg.: Heinz R. Böhme,
272 S., € 40

APROPOS FRAUEN
Schicksale aus der Sammlung Böhme
bis Jänner 2022
Museum der Verlorenen Generation
Sigmund-Haffner-Gasse 12/1. Stock,
5020 Salzburg

Infos online unter
verlorene-generation.com

Zu den Höhepunkten der Sammlung zählt ein Ölgemälde von Felka Platek, die 1889 im jüdischen Viertel Warschaus geboren wird. Zur Ausbildung kommt sie 1925 nach Berlin, wo sie ihren späteren Mann, den berühmten Maler der Neuen Sachlichkeit Felix Nussbaum (1904–1944), trifft. Bedingt durch die bedrohliche politische Entwicklung in Deutschland emigrieren sie 1935 in das belgische Seebad Ostende. Später beziehen sie eine Wohnung in Brüssel, aus der Nussbaum in das Internierungslager Saint-Cyprien nach Südfrankreich deportiert wird. Nach seiner gelungenen Flucht versteckt sich das Künstlerpaar bei wohlgesinnten Freunden in einer Mansarde; im Juni 1943 finden sie eine kleine Souterrainwohnung als Versteck. Das Paar wird 1944 in Brüssel an die Gestapo verraten und kommt daraufhin in das Sammellager Mechelen, von wo aus sie am 31. Juli 1944 mit dem letzten Deportationszug das Lager Richtung Auschwitz-Birkenau verlassen, wo Felka Platek im August 1944 ermordet wird; Felix Nussbaum stirbt wahrscheinlich im Januar 1945 kurz vor der Befreiung.

Von Felka Platek, die vorwiegend als Porträtistin arbeitete, sind nur drei Gemälde erhalten – eines davon befindet sich im Museum Böhme in Salzburg.

Heinz R. Böhme. „Es geht mir vor allem darum zu erreichen, dass die Form des damaligen Umgangs der Menschen miteinander keine Wiederholung findet.“ © AUER HUBERT

Mit Pinsel und Farbe gegen die Zeit. Neues aus der Sammlung Böhme heißt auch schon die nächste Ausstellung. Und was wünscht sich der knapp Neunzigjährige, der mit ungebrochenem Elan seiner Sammlerleidenschaft nachgeht und oft persönlich in seinem Museum anzutreffen ist, wo er auch gerne mit den Kunstinteressierten plaudert? „Meine Sammlung soll weiter bestehen und wachsen. Aufmerksamkeit bringen, die Gegenwart informieren. Aber“, fügt Böhme hinzu, „es geht mir vor allem darum zu erreichen, dass die Form des damaligen Umgangs der Menschen miteinander keine Wiederholung findet. Wenn Zeitzeugen nicht mehr sprechen und ihre Erlebnisse nicht mehr weitergegeben können, braucht es eine Brücke zur Gegenwart und in die Zukunft. Diese Brücke bilden die Biografien der verlorenen Generation.“

 

* Als „entartete Kunst“ bezeichneten die Nationalsozialisten Kunstwerke der Moderne, deren Stil, Künstler oder Sujet ihnen nicht genehm waren. Die Nazis beschlagnahmten tausende solcher Kunstwerke ab 1937.

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