Die Königin der Datteln

Israel ist im internationalen Vergleich ein kleiner Dattelproduzent – mit einer Ausnahme: Bei der großen, süßen Medjool gilt das Land als Weltmarktführer.

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Landwirtschaftsexport. Mit mehr als 140 Mio. Dollar Exportumsatz pro Jahr nehmen Datteln hinter Zitrusfrüchten mit rund 170 Mio. einen klaren zweiten Platz ein. ©Reinhard Engel; 123RF

Wer vom eleganten Wellness-Resort Elma in Zichron Ja’akov hinunterschaut auf die Ebene in Richtung Mittelmeer, sieht auf einen Blick die Vielfalt israelischer Landwirtschaftsexporte. Da reihen sich Zitrushaine an Folientunnel für Gemüse, dazwischen breiten sich mächtige, von Netzen umspannte Palmenplantagen aus. Hier werden – wie auch in zahlreichen anderen Regionen des Landes – Datteln produziert.
Israel zählt mit seinen rund 44.000 Tonnen Jahresproduktion zu den kleineren Dattelnationen. Zwar ist das knapp doppelt so viel, wie das benachbarte Jordanien jedes Jahr erntet, aber die großen Erzeugerländer des Nahen Ostens und Nordafrikas spielen in einer anderen Liga: Ägypten mit 1,5 Mio. Tonnen, Saudi-Arabien mit 1,3 Mio., Iran mit 1,2 Mio., Algerien mit einer Million. Und auch China rangiert mit 1,5 Mio. Tonnen Dattelerzeugung ganz oben.
Betrachtet man diesen Markt aber nach anderen Kriterien als der reinen Menge, sieht die Sache etwas anders aus. Denn bei der Dattel mit der höchsten Qualität, der großen, süßen Medjool, gilt Israel mit mehr als 50 Prozent Marktanteil als wichtigster Produzent der Welt. 42.000 Tonnen der 44.000 erzeugten fallen in diese Kategorie mit hoher Wertschöpfung. In dem Segment spielen noch Kalifornien mit 15.000 Tonnen und Jordanien mit 10.000 eine Rolle. Und Tunesien ist dabei, diese Spezialität mit guten Profitchancen verstärkt anzubauen.

Als die neuen Siedler 1913 ihren Kibbuz gründeten, waren sie angeblich schockiert, wie wenige
Palmen es in der Region gab.

Israel exportiert etwa die Hälfte seiner Dattelproduktion, vor allem nach Europa. Die wichtigsten Märkte sind dabei das Vereinigte Königreich, Frankreich, Deutschland und die Niederlande. Laut nationalen Statistiken bleibt die andere Hälfte „in Israel und im Nahen Osten“. Darunter dürften sich beträchtliche Lieferungen der Spezialität in wohlhabende arabische Länder verbergen, freilich über unterschiedliche Kanäle und via Drittländer verschifft. „Dazu haben wir keine Statistik“, erklärt die zuständige Managerin im Israel Export Institute, Noa Coleman. „Da wir mit diesen Ländern offiziell keinen Handel betreiben, haben wir dazu auch keine Zahlen.“
Die Dattel spielt aber unter den israelischen Landwirtschaftsexporten eine bedeutende Rolle. Sie hält mit mehr als 140 Mio. Dollar pro Jahr einen klaren zweiten Platz hinter Zitrusfrüchten mit rund 170 Mio., deutlich vor Gemüse wie Paprika, Tomaten oder Kartoffeln.

©Reinhard Engel

Wer sind die Produzenten für diese Lieferungen? Wem gehören die etwa 850.000 Dattelpalmen im ganzen Land? Laut Export Institute teilt sich der Markt in einen Riesen und zahlreiche kleine Betriebe. Der Riese nennt sich Hadiklaim und wurde 1982 gegründet. Das Unternehmen erzeugte zuletzt allein 25.000 Tonnen an Datteln, mehr als die Hälfte der gesamten israelischen Produktion. Darunter finden sich neben der wertvollen Medjool noch die unterschiedlichsten anderen Varianten, sowohl biologisch angebaut wie auch traditionell. Man produziert Dattelsirup und gepresste Trockenfrüchte zum Kochen und Backen, Snacks für unterwegs in kleinen Verpackungen unter dem Namen 3Dates2go. Im Export bekannt ist die Marke King Salomon für die Top-End-Medjool-Datteln.
Hadiklaim ist aber kein Konzern, sondern eine Kooperative von Dattelbauern. Ihre Haine liegen über das gesamte israelische Staatsgebiet verteilt, von Galiläa im Norden bis zur Negev-Wüste im Süden. Auch im fruchtbaren Jordantal, das nicht Staatsgebiet ist, sondern militärisch besetzt, finden sich Plantagen. „Unsere Firmenzentrale liegt aber auf der israelischen Seite der grünen Linie“, betont das Unternehmen. „Auch die Verpackung und der Versand erfolgen von dort.“ Damit erhofft man sich, nicht allzu sehr in das Radar der BDS-Diskussion (Boycott, Divestment and Sanctions) zu gelangen.
Auch Tut Hamoshav, ein kleiner Qualitätsproduzent vor allem von Medjool-Datteln, liegt im Jordantal. Ein Sprecher geht nicht auf die geografische Lage ein, sondern konzentriert sich ganz auf die Qualität der Produkte: „Diese ist kompromisslos hoch, dennoch zu attraktiven Preisen.“

Die Anfänge im Kibbuz. Begonnen hat die neuzeitliche israelische Dattelproduktion im Jahr 1913 im Kvutzat (Kibbuz) Kinneret am See Genezareth. Als die neuen Siedler damals ihren Kibbuz gründeten, waren sie angeblich schockiert, wie wenige Palmen es in der Region gab. Als wichtigste Produzenten galten auch damals Nordafrika, der Irak und Persien, der spätere Iran. Also entschlossen sie sich, neu auszupflanzen, obwohl sie sich bewusst waren, dass es lange Jahre dauert, bis die Palmen Früchte tragen. Tausende Setzlinge wurden damals heimlich dafür importiert.
Heute zählen die Palmen des Kibbuz zu einer „aussterbenden Art“, so der Agromanager des Kibbuz zu einem Reporter des Wirtschaftsmagazins Calcalist. Zwar halten die nachfolgenden Generationen der Gründer von Kvutzat Kinneret ihre Produktion noch mit Spezialitäten wie Sirup und eingeschweißten, entkernten Datteln einigermaßen aufrecht. Doch gegen den Vormarsch der Medjool in Israel sehen sie keine Chance. Inzwischen haben sie selbst bereits ein Viertel ihrer Haine auf die große, süße Dattel umgestellt.
Die Erfolge geben dieser Strategie jedenfalls recht. In den letzten 30 Jahren hat sich die Dattelproduktion in Israel verfünfunddreißigfacht, ein Wachstum wie kaum in anderen Bereichen der Agrarwirtschaft. Und die hohen Preise für die Medjool-Datteln sind auch wegen der neuen Kunden-Zielgruppen durchsetzbar. Heute geht es längst nicht mehr um ein Grundnahrungsmittel, sondern um einen gesunden Snack, um vitaminreiche Kraftnahrung für Sportler – und um einen Hauch von orientalischem Luxus am europäischen Tisch.

Vom Talmud zum Laubhüttenfest
Die Dattelpalme ist in der jüdischen kulturellen und religiösen Tradition fest verwurzelt.

Die Radiocarbonmethode konnte das Alter recht genau eingrenzen. 1963 fand man bei den Ruinen der antiken jüdischen Festung Massada Dattelkerne. Sie stammen aus dem ersten Jahrhundert und sind damit rund 2.000 Jahre alt. Doch damit nicht genug: Im Jahr 2005 gelang es israelischen Biologen, diese erneut zum Keimen zu bringen. Seither wurde das Experiment noch mehrmals wiederholt, etwa mit Setzlingen aus Kernen von Pflanzen, die im Altertum in Qumran am Toten Meer gestanden waren.
Die Dattelpalme wurde in den Kulturen des Altertums, etwa in Mesopotamien, schon vor mehreren tausend Jahren in Hainen systematisch gezogen. In einem arabischen Sprichwort heißt es, sie brauche die Füße im Wasser, den Kopf in der Sonne. Gemeint ist damit, dass sie gut in Oasen gedeiht oder aber von Menschen bewässert wird, und auch das gab es schon zentral organisiert in den alten Hochkulturen des Orients.
Es wundert daher nicht, dass der Talmud voll ist von Bezügen zur Dattelpalme. So ist etwa mit dem Honig des Landes in Deutrimonium nicht der Bienenhonig gemeint, sondern der aus Datteln gewonnene. Hinweise auf die süße Frucht und ihre Bäume finden sich im Exodus, Leviticus, in den Psalmen oder im Buch der Richter. Auch der Historiker Josephus, der von den Juden zu den Römern übergelaufen war, schreibt im Jüdischen Krieg von den Palmenhainen. Im salomonischen Tempel sollen Darstellungen von Palmen dekorativ als Symbole für das Leben verwendet worden sein, sowohl an Türflügeln wie auch an Wänden.
Selbst in der aktuellen jüdischen religiösen Praxis hat das Palmblatt noch immer seinen Platz. „Wenn es geschlossen ist, verwenden wir es als eine der vier Pflanzen des Lulav“, erzählt der Wiener Rabbiner Joseph Pardess. Daraus bindet man eine Art Feststrauß, der bei den Gebeten während der Zeit von Sukkot, also dem Laubhüttenfest, geschwenkt wird. „Aber wir nutzen auch die Palmblätter, wenn sie schon geöffnet sind“, erläutert der Rabbiner weiter. „Dann ähneln sie einer menschlichen Hand.“ Mit ihnen deckt man etwa das Dach in der traditionellen Laubhütte Sukka. In dieser wird, wenn es das Wetter zulässt, in einer Woche im Herbst von religiösen Familien gegessen, manchmal auch übernachtet.

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