Die Lage der Juden in Venezuela und dem Iran nach den jüngsten politischen Umbrüchen und Turbulenzen

Nirgendwo zählen mehr die Jahrhunderte alte gemeinsame Geschichte, die miteinander errungenen Erfolge. Die brutalen Populisten finden immer ihre Schuldigen: die jüdische Bevölkerung. Eine aktuelle Bestandsaufnahme von Marta S. Halpert

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Die Tiféret Israel Synagogue im einstigen Maripérez, heute nahe El Recreo, Caracas, ist auch die Zentrale der „Israelite Association of Venezuela“. © www.facebook.com/haketia

 


VENEZUELA: „Wieder einmal unsichtbar werden“


 

Für die Familie und Freunde, die ich heute noch in Venezuela habe, ist es auch ‚nach Maduro‘ äußerst schwierig, ihr tägliches Leben zu meistern. Sie suchen Wege, jüdisch zu leben, aber auf eine höchst unauffällige Art. Sie müssen jede Entscheidung abwägen, ob und wann man sich treffen oder sprechen kann und wann es klüger ist, unsichtbar zu sein“, schreibt Dany Bahar, gebürtiger Venezolaner, in The Forward, dem jüdischen Onlineportal in New York. Bahar ist Professor für Public Affairs an der Brown University und hat Abschlüsse in Systemtechnik aus Caracas und in Ökonomie an der Hebräischen Universität in Jerusalem.

„Es ist so traurig, das zu hören, denn eine Generation von Juden, meine Großeltern eingeschlossen, hat in Venezuela Zuflucht vor der Shoah gefunden, zu einem Zeitpunkt, als viele andere Länder ihre Tore schon geschlossen hatten“, erzählt Dany Bahar. „Aber Venezuela hat den Juden nicht nur eine neue, sichere Heimat geboten, es folgte ein diplomatischer Schritt, auf den die jüdische Gemeinschaft unglaublich stolz war und der volle Zugehörigkeit bedeutete: Im November 1947 stimmte Venezuela für die UN-Resolution 181, die einen unabhängigen jüdischen und arabischen Staat in Palästina befürwortete und so zur Gründung Israels führte.“

Nach den Schätzungen des World Jewish Congress (WJC) von 2020 leben nur mehr etwa 6.000 Juden im Land – zur Blütezeit waren es rund 25.000. Diese waren über Jahrzehnte an der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung Venezuelas maßgeblich beteiligt und fast zu gleichen Teilen aus Aschkenasim und Sephardim zusammengesetzt. Das genaue Jahr der Landung ist nicht festzumachen, aber gewiss ist, dass die Einwanderung eindeutig mit der brutalen Vertreibung aus Spanien 1492 begann. Als Erstes sollen die Conversos, die Zwangskonvertierten, in Caracas und Maracaibo aufgetaucht sein, die regen Handel mit den holländischen Kolonien auch in Curaçao betrieben haben. Danach gibt es lange wieder keine Spuren jüdischen Lebens.

Erst im frühen 19. Jahrhundert, als Venezuela gegen die spanischen Kolonialherren um die Unabhängigkeit kämpfte, schlossen sich Juden der Armee Simón Bolívars an. Ab 1811 stabilisierte sich dann das Verhältnis zwischen der neuen Republik und den Juden, weil mit der Verfassung Venezuelas 1821 die Religionsfreiheit abgesichert wurde. Ab dann siedelten sich vermehrt portugiesische und holländische Juden an, auch aus Marokko kam 1844 eine Gruppe. Nach dem Ersten und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg wanderten weitere Juden aus Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten ein, obwohl Venezuela vorerst die jüdische Einwanderung unterband. Asyl bekamen dann jedoch die deutschen und österreichischen Juden, die vor der NSVerfolgung geflohen waren: Nachdem mehrere karibische Inseln die Landung an ihren Küsten verweigerten, gewährte Venezuela den Dampfschiffen „Königstein“ und „Caribia“ einen sicheren Hafen.

In den 1950er- und 1960er-Jahren entwickelte sich die Hauptstadt Caracas zu einem Zentrum jüdischen Lebens mit rund 16 Synagogen, zahlreichen Schulen sowie sozialen und kulturellen Einrichtungen. Im Sechs-Tage-Krieg 1967 gingen Juden zum freiwilligen Militärdienst nach Israel. Die jüdischen Gemeinden Venezuelas vergrößerten sich nochmals, als die Feindschaft der arabischen Staaten gegen Israel in Gewalt umschlug und die Juden aus Ägypten, Syrien, dem Libanon und der Türkei ihr jahrhundertealtes integriertes Leben aufgeben mussten.

Der schmerzvolle Umbruch kam mit Hugo Chávez. Ab 1999 vollzog sich unter der politischen Führung von Hugo Chávez ein schmerzlicher Einschnitt im Leben der Juden. Die wirtschaftliche Krise des zuvor florierenden Landes, die zunehmende Unsicherheit, aber vor allem die aggressiv feindselige Sprache gegenüber Israel bewegte Tausende zum schnellen Exodus.

„[…] dennoch hoffen sie, dass das Ende
einer grausamen Diktatur gekommen
ist, die ein ganzes Land zerstört hat.“

Dany Bahar

In den Jahren 2004 und 2007 gab es auf Geheiß von Chávez laufend Polizeirazzien in jüdischen Institutionen. Als trauriger Höhepunkt wurde am 31. Januar 2009 in Caracas die Synagoge Tiféret Israel (Schönheit Israels) von einer großen Gruppe bewaffneter Demonstranten überfallen, darunter ein Dutzend Polizisten. Sie drangen in das Gebäude ein, fesselten die beiden Sicherheitsleute, zerstörten Tora-Rollen, raubten Büros und Studienräume der jüdischen Gemeinde aus und schmierten Parolen wie „Tod den Juden“ an die Wände.

Von Dezember 2008 bis Mitte Januar 2009 kam es zum Krieg zwischen Israel und dem Gazastreifen, daraufhin wies Venezuela den israelischen Botschafter aus, brach die diplomatischen Beziehungen ab. Nur vier Monate zuvor hatte Chávez die Ausweisung des amerikanischen Botschafters verkündet. Am Gebäude des venezolanischen Parlaments wurde die palästinensische Fahne gehisst. Es folgten staatlich organisierte Protestkundgebungen mit gehässigen antisemitischen Parolen wie „Hitler ist schuld, weil er seine Arbeit nicht vollständig erledigt hat“. Ein Slogan, im Zentrum der Hauptstadt gesprüht, hieß: „Juden zurück ins Ghetto.“ Kurz darauf eröffnete der damalige Außenminister der Regierung Chávez, Nicolás Maduro, die palästinensische Botschaft in Caracas.

Bis zu seinem Tod 2013 war Chávez ein enger Verbündeter des Iran: Er unterstützte ganz offen die Hamas und erklärte Israel zum Feind. Einmal verfluchte er öffentlich die israelische IDF (Zahal), weil sie eine protestierende Flottille am Anlegen gehindert hatte. In einer Weihnachtsrede sprach er über Juden als „Nachkommen derer, die Christus gekreuzigt“ und sich „die Reichtümer der Welt angeeignet haben“.

Unter Nicolás Maduro wurde es noch schlimmer. Bei Chávez’ Nachfolger Nicolás Maduro verschärfte sich die bereits prekäre Lage für die Juden noch einmal: Auch er erklärte sich zum offenen Feind des jüdischen Staates. Mit der Übernahme der Präsidentschaft führte Maduro die enge Zusammenarbeit mit dem Iran weiter, die Hisbollah- Terroristen im Libanon kamen noch dazu. Venezuela galt seit Langem als wichtigster Brückenkopf des Iran und seiner Marionetten in Lateinamerika – so konnte die Islamische Republik ihre internationale Isolation durchbrechen.

Nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 übernahm das Regime Maduro offen die „Genozid“-Saga: Seine Regierung verglich Israel sogar mit Nazi- Deutschland. Diese aggressiven Attacken hatten Folgen für die Juden im gesamten Land: Synagogen, Friedhöfe, jüdische Einrichtungen wurden grob geschändet, stark beschädigt und mit hasserfüllten Slogans beschmiert. Das Ziel waren dabei nicht israelische Diplomaten – von denen gab es keine –, sondern venezolanische Juden.

Claudio Epelman, Exekutivdirektor des „Lateinamerikanischen Jüdischen Kongresses“ (CJL) mit Sitz in Buenos Aires, schätzt die Zahl der noch im Land lebenden Juden auf etwa 5.000: „Es sind nur jene geblieben, die ihre Geschäfte nicht verlegen konnten, die keine Kraft für einen Neuanfang im Ausland hatten oder die schlicht zu alt für eine Emigration waren“, erzählt Epelman in einem Gespräch mit der Berliner Wochenzeitung Jüdische Allgemeine.

Noch skurriler und abwegiger ist die Haltung Maduros, wenn man verfolgt hat, wie er immer wieder behauptete, seine Großeltern stammten aus einer sephardisch- jüdischen Familie, die später zum Katholizismus konvertierte. Bereits 2013 nutzte er dies, um die Antisemitismus- Vorwürfe gegen seine Regierung zurückzuweisen. Nach Israels Angriff auf Irans Atomanlagen 2025 behauptete er sogar, im Gegensatz zu Netanjahu „ein echter Jude“ zu sein. Denn sein Blut stamme „von den authentischen Juden der zwölf Stämme“, auch wenn er katholisch sei.

Claudio Epelman vom CJL erzählte der Jüdischen Allgemeinen, dass er den gestürzten Präsidenten sieben Mal getroffen hatte, sowohl in Caracas als auch in New York. „Maduro hat sich in den Gesprächen mit Vertretern des Jüdischen Weltkongresses (WJC) gern als ,Unschuldslamm‘ präsentiert und betont, es gebe keinen Antisemitismus in Venezuela“, erinnert er sich. „Maduro war wütend auf mich, als er erfuhr, dass ich bei einer WJC-Tagung in Budapest seinen Antisemitismus als Grund für die sich verschlechternde Lage der Juden in Venezuela ansprach. Er verstieg sich sogar zu behaupten, dass es in Venezuela nie Judenfeinde gegeben habe.“

Die aktuelle Situation beurteilt Epelman nicht positiv, und das gelte nicht nur für die Juden, sondern für alle Venezolaner, also auch für die acht Millionen Menschen, die dem Land in den vergangenen Jahren den Rücken gekehrt haben, weil die Not so groß war. „Niemand weiß, ob es nach Maduros Sturz besser wird“, sagt Epelman.

Etwas hoffnungsvoller gibt sich da der Ökonom Dany Bahar. Er befindet, dass nicht nur die Juden, sondern alle Menschen in Venezuela jetzt doch vorsichtig optimistisch seien. „Sie haben weder Feierlaune, noch sind sie naiv. Aber dennoch hoffen sie, dass das Ende einer grausamen Diktatur gekommen ist, die ein ganzes Land zerstört hat – wirtschaftlich, sozial und moralisch. Sie hoffen auf freie und faire Wahlen, damit Venezuela eine Chance bekommt, zur Demokratie zurückzukehren und damit zu seiner historischen Verpflichtung des Pluralismus und der Koexistenz.“

 


IRAN: Gefahr für alle, die nach Freiheit streben


Die 9.000 verbliebenen Juden werden gemeinsam mit der mutigen Zivilgesellschaft erneut vom Knüppel des brutalen Regimes erdrückt. Das Purimfest erinnert heuer leider an die vergangene Bedrohung – nur die Rettung durch Esther ist nicht in Sicht.

 

Tora-Schrank in der Youssef- Abad-Synagoge in Teheran, der größten aktiven Synagoge des Landes. © APA-Images / AFP / BEHROUZ MEHRI

Alljährlich zum Purimfest, heuer Anfang März, denken jüdische Menschen an die Gefahr der Ausrottung durch Xerxes den Ersten (in der hebräischen Bibel Ahaschwerosch) im persischen Reich in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts. Die Megillat Esther (Schriftrolle der Esther-Erzählung) wird in Synagogen gelesen, um sowohl an die Bedrohung als auch die Errettung durch eine mutige Frau zu erinnern.

Im heutigen Iran sind all jene Menschen in Gefahr, die sich nicht dem islamischen Regime der Mullahs, seinem brutalen Terror gegen die aufgeschlossene Zivilgesellschaft fügen wollen. Der wieder einmal aufkeimende Widerstand wurde in den blutigen Februartagen 2026 mit größter Härte niedergeschlagen. Jetzt leben die Menschen in noch größerer Angst als zuvor. Dazu gehören auch die rund 9.000 Juden, die größte jüdische Gemeinde in der muslimischen Diaspora.

„Auch wenn ihre Rechte als offizielle religiöse Minderheit im Iran durch Gesetz und Verfassung geschützt sind und sie sogar einen Vertreter im Parlament haben nützt das wenig, Denn das iranische Recht folgt dem islamischen Recht (Scharia), das Nicht-Muslime diskriminiert“, erklärt der Iran-Experte David Nissan im Gespräch mit der Plattform Israel heute. Er ist ein ehemaliger israelischer Geheimdienstoffizier, der in Teheran geboren und aufgewachsen ist.

„Die Angst vor der Vernichtung bringt die Juden
zu sich selbst zurück. Etwas in ihnen erwacht.“

Maoz Kahana

„Daher besteht die größte Herausforderung für die jüdische Gemeinschaft heute darin, den Zionismus vom Judentum zu trennen. Sie müssen diese Trennung ständig glaubhaft machen und ihre Loyalität gegenüber dem Iran beweisen, der den Zionismus verteufelt.“ Die schwierige wirtschaftliche Lage im Iran wirke sich auch auf die jüdische Gemeinde schmerzlich aus, weil sie zum größten Teil bereits einen niedrigeren sozioökonomischen Status hätten. Trotzdem gebe es noch an die 30 aktive Synagogen, jüdische Schulen, koschere Metzgereien und Restaurants und eine Mazza-Fabrik. „Trotz des zunehmenden Antisemitismus und der abnehmenden Toleranz bewahrt die jüdische Gemeinde im Iran ein starkes Gefühl des kulturellen Stolzes und der nationalen Identität“, stellt Nissan fest. Dennoch fühlten sich viele iranische Juden als Sündenböcke im Spannungsfeld zwischen dem Regime und Israel. Was an jüdischem Leben im Iran noch existiert, findet auch unter ständiger politischer Überwachung und gesellschaftlicher Diskriminierung statt.

„Diaspora-Geschichte der Juden begann im Iran“ Den meisten Quellen nach sind Juden seit 2.700 Jahren Teil der iranischen Geschichte. Der kanadische Kulturhistoriker Richard Foltz datiert die Ankunft der ersten Israeliten im Iran auf das Jahr 722 vor unserer Zeit. Foltz ist Professor an der Concordia University in Montreal, spezialisiert auf die Geschichte der iranischen Zivilisation.

Denn bereits 721 vor unserer Zeit überrannten die Assyrer das Nordreich Israels (Samaria) und deportierten rund 27.000 Einwohner nach Mesopotamien, das Land der zwei großen Flüsse Euphrat und Tigris, dessen Gebiet den heutigen Irak, den Nordosten von Syrien sowie Teile der Türkei und des Iran umfasste. „Im achten Jahrhundert vor unserer Zeit begannen die Israeliten im Iran zu siedeln und Teil der iranischen Kultur zu werden“, so Foltz. „Sie waren bereits damals wichtige Akteure auf den Handelsrouten Westasiens und des östlichen Mittelmeers. Der jüdisch-iranische Wissenschaftler Habib Levy verfasste ein wichtiges Werk über die Geschichte der Juden im Iran und schreibt in seiner Einleitung: ‚Die Geschichte der jüdischen Diaspora beginnt im Iran‘.“

Zwischen dem Kaspischen Meer und dem Persischen Golf erlebten Juden über die Jahrhunderte einmal harte Unterdrückung, dann wieder relative Freiheit. Zum Zeitpunkt der Staatsgründung Israels 1948 lebten etwa 150.000 Juden im Iran. „In der gesamten Geschichte bewegten sich die Beziehungen zwischen Juden und Persern zwischen Liebe und Hass“, schreibt Ron Ben-Yishai, der bekannteste israelische Kriegsreporter. „Iran war nach der Türkei im März 1950 das zweite muslimische Land, das Israel offiziell anerkannte. Unter Schah Mohammad Reza Pahlavi entwickelten Israel und Iran in der Sicherheits-, Infrastruktur- und Landwirtschaftspolitik enge Kooperationsprojekte.“ Die israelische Armee trainierte Mitarbeiter des iranischen Geheimdienstes Sawaq in Israel. Israelische Bodenexperten erschlossen die Region im Nordwesten Teherans für die landwirtschaftliche Nutzung. „Als ich einmal zusammen mit einigen Offizieren der israelischen Armee in den Iran kam, flogen wir in einer Maschine der Fluggesellschaft Lloyd mit, die Kühe in den Iran brachte. Der Flieger war voller Kühe, ein einziger großer Kuhstall“, erinnert sich Ben-Yishai.

EL AL eröffnete ein Büro in Teheran, und ein Drittel aller iranischen Juden ging so auf Alija. Die Mehrzahl aber, rund 80.000, blieb im Iran, bis die Islamische Revolution 1979 den Schah stürzte. Ayatollah Khomeini und die Führung der gesamten Islamischen Republik haben nicht vergessen, dass Israel mit dem Schah zusammengearbeitet hatte. Sie kappten alle Beziehungen zu Israel und sprachen dem jüdischen Staat seine Existenzberechtigung ab. Zwar traf der Ayatollah sich mit der jüdischen Gemeinde und versprach, die persischen Juden, die keine „gottlosen Zionisten“ seien, in seinem Staat zu schützen. Doch spätestens nach der Hinrichtung von Juden, unter ihnen ein prominentes Gemeindemitglied, packten die meisten in Todesangst ihre Koffer.

In den letzten 47 Jahren baute die iranische Revolutionsgarde ein dichtes Netzwerk von Verbündeten auf: Hisbollah, Al-Quds-Brigaden, Hamas, Islamischer Dschihad und ungezählte kleinere Milizen umzingeln Israel heute. Der Architekt dieser Strategie war Qassem Soleimani, seit 1998 Kommandeur der Quds-Einheit innerhalb der Iranischen Revolutionsgarde, der die Spezialeinsätze außerhalb Irans durchführte. „Israel sollte sich das Mittelmeer genau ansehen, denn es wird sein endgültiger Wohnort sein.“ Mit dieser Vernichtungsdrohung gegenüber Israel heizte der Kommandeur der Iranischen Revolutionsgarde, General Hossein Salami, vor fünf Jahren die Stimmung der vielen tausend Menschen an. Der Anlass: Das Gedenken an den Oberkommandierenden der Al-Quds-Brigaden, Soleimani, der 40 Tage zuvor von der U.S. Air Force getötet worden war. Das Publikum rief u. a. „Tod Amerika! Tod den Heuchlern, Tod den Ungläubigen! Tod Israel!“

Weiterhin werden Juden im Iran massiv diskriminiert und angefeindet. Sie stehen unter ständigem Spionageverdacht: Kontakte zu Verwandten in Israel sind unmöglich, obwohl dort heute 250.000 iranische Juden leben. Nach dem 7. Oktober 2023 hat sich die Situation weiter verschärft: Der einzige jüdische Parlamentarier flehte in einem Brief die Regierung an, die Gemeinschaft zu schützen.

Lehren aus dem Buch Esther? Kurz nach dem Massaker der vom Iran finanzierten Hamas wurde die Grabstätte von Königin Esther und ihres Ziehvaters Mordechai geschändet: Dorthin pilgern Juden am Purimfest. Das Buch Esther erzählt die Geschichte einer existenziellen Bedrohung der unter König Xerxes dem Ersten in Persien lebenden Israeliten. In der Forschung ist man sich nicht einig darüber, ob das Buch einen historischen Kern hat oder vor allem als literarisches Werk zu lesen ist.

In der gelebten jüdischen Liturgie hat der Text jedenfalls einen fixen Platz. Der Verfasser der Esther- Rolle beschreibt in den ersten Textabschnitten die Prachtentfaltung am Hof von Xerxes dem Ersten, der in der hebräischen Bibel Ahaschwerosch genannt wird. Dieser war in der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts achämenidischer Großkönig und ägyptischer Pharao gleichermaßen. „Und es geschah in den Tagen des Ahaschwerosch. Das ist der Ahaschwerosch, der von Hodu bis Kusch über 127 Provinzen regierte. In jenen Tagen also, als der König Ahaschwerosch auf seinem Königsthron saß, der in der Hauptstadt Schuschan war.“ So beginnt die Erzählung. Damals erstreckte sich das Perserreich vom östlichen Balkan über Nordwestindien bis nach Ägypten. „Im dritten Jahr seiner Regierung, da machte er ein Gastmahl allen seinen Fürsten und Knechten, in dem die Mächtigen von Persien und Medien, die Vornehmen und Fürsten der Provinzen vor ihm waren, als er den herrlichen Reichtum seines Königreiches und die glänzende Pracht seiner Größe viele Tage lang, 180 Tage, sehen ließ.“ Als Mordechai, der Ziehvater der jüdischen Königin Esther, sich allerdings weigert, vor Haman, dem höchsten Regierungsbeamten des Xerxes, niederzuknien, gerät der mächtige Haman in Rage. Da hilft es auch nicht, dass Mordechai König Xerxes schon einmal vor einem Mordanschlag bewahrt hatte. Haman erhält von Xerxes die Erlaubnis, alle im Perserreich lebenden Juden ermorden zu lassen. Mordechai bittet Esther, sich einzuschalten, und es gelingt ihr, die Juden des Perserreiches vor dem Vernichtungsplan des Haman zu retten.

Maoz Kahana lehrt Geschichte des Judentums an der Universität Tel Aviv. Ihn kümmert weniger die Frage der Historizität des Buches Esther als dessen identitätsstiftende Bedeutung im Judentum. „Die Angst vor der Vernichtung bringt die Juden zu sich selbst zurück. Etwas in ihnen erwacht“, so Kahana. „Die Weisen sehen in diesem Anfang der Esther-Rolle den Keim des Dramas, die große Sünde des jüdischen Volkes bestand darin, dass sie an der Mahlzeit des Königs teilgenommen haben, sich der Ordnung des persischen Königreichs eingefügt haben, dass sie Anteil an der Macht haben wollten. Und daraus erwächst für sie die Bedrohung.“

Für Menschen, die mitten in einem Assimilierungsprozess stecken, sei das nicht leicht, sagt der Historiker. „Deshalb hält das Esther-Buch auch kein großartiges Ende oder eine politische Lösung bereit. Die Juden leben einfach weiter im Reich der Perser, aber ihre innere Einheit ist erwacht.“ Für die derzeitige Lage im Iran kann man den Juden und der gesamten Zivilbevölkerung nur Kraft und Mut zum Weiterleben wünschen.

 

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