„Die Lust an der Provokation ist nach wie vor da“

Die Aufzeichnungen seines früh verstorbenen Vaters waren für Rafael Seligmann die Initialzündung für seinen autobiografischen Roman Rafi, Judenbub, erzählt der Autor anlässlich der Buchpräsentation im Wiener Jüdischen Museum.

329
Rafael Seligmann, geboren 1947 in Jaffa, Israel, ist Schriftsteller, Historiker, Publizist und Politologe. Sein Roman Rubinsteins Versteigerung gehörte 1988 zu den ersten einer Reihe jüngerer deutsch-jüdischer Gegenwartsromane. Es folgten zahlreiche weitere literarische Werke. Darüber hinaus ist er Sachbuchautor und Gründer und Herausgeber der Jewish Voice from Germany. © HORSTMANN,KAI / Action Press / picturedesk.com

Als „Landjude“ in einem deutschen Kaff gehörte Vater Ludwig vor dem Krieg einer heute ausgestorbenen, besser gesagt vernichteten Spezies an. Auch um daran zu erinnern, was diese Generation für das deutsche Judentum geleistet hat und diese Geschichte für die nächste Generation zu bewahren, habe er seine Familientrilogie geschrieben, erklärte Seligmann in einem Gespräch mit seinem Sohn Jonathan.

WINA: Wie ist das für Sie, wenn Sie Ihr Sohn moderiert?
Rafael Seligmann: Toll! Er lebt ja in Wien und ist meinem Herzen besonders nah. Ich hab aber drei Kinder, meine Tochter lebt in Israel, mein Sohn Jehuda Ludwig, benannt nach meinem Vater, in der Schweiz.

Sie haben bereits 2010 Ihre Autobiografie Deutschland wird dir gefallen vorgelegt und jetzt nochmals Ihre Kindheitserfahrungen als dritten Teil der Familientrilogie erzählt. Betrachten Sie Ihr eigenes Leben in der deutsch-jüdischen Nachkriegsgeschichte als beispielhaft?
I Natürlich bin ich deutscher Jude und ein Teil dieser 1.700 Jahre alten Geschichte. Aber ich bin ein eigener Mensch mit meiner individuellen Geschichte, und dieses Spannungsverhältnis zwischen mir als Person, dem Judentum dieses Landes, der jüdischen Geschichte des deutschen Sprachraums, überhaupt der deutschen Gesellschaft, das ist der Zweck des Buches, plus dem Vergnügen und dem Leid des Schreibens.

 

„Wenn man früher über jüdischen Sex
geschrieben hat, war man der Super-Provokateur.“
Rafael Seligmann

 

Es scheint eine Zeit für Familiensagas zu sein, in Büchern, Fernseh- und Streaming-Serien. Nun, da sich die Welt verändert hat, Stichwort Zeitenwende, ist das vielleicht auch eine Art Rückzug ins Private?
I Man kann sich nicht aus der Geschichte davonstehlen, wir sind und bleiben ein Teil der Geschichte, und so sehe ich mich auch. Wir stehen in einer globalen, einer europäischen und im deutschen Sprachraum in einer deutsch-jüdischen Geschichte. Auch wenn man es will, kann man sich nicht vollkommen ins Private zurückziehen.

Unsere Eltern sind tot, und wir, die s. g. Zweite Generation, auch nicht mehr die Jüngsten. Besteht da auch eine Art Verpflichtung zur Zeitzeugenschaft, d. h. die Geschichte, wie wir Sie erfahren haben, weiterzugeben, bevor sie ganz vergessen wird?
I Pflicht ist ein strenges Wort. Mir macht es Spaß, auch wenn es manchmal weh tut. Ich glaube, das Leben jedes Menschen hat einen Zweck, und meiner Ansicht ist dieser Sinn auch, Gutes zu tun, das ist der Kern des jüdischen Gesetzes: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ich glaube nicht, dass die Geschichte vergessen wird, aber damit die individuelle Geschichte nicht vergessen wird, hab ich unter anderem dieses Buch geschrieben. Ein Sachbuch ist schnell geschrieben, aber wie ein Mensch fühlt, wenn seine Familie ermordet wird, das darf nicht vergessen werden. Aber wir leben hier und müssen uns mit den Menschen versöhnen, wir müssen, was im Judentum sehr wichtig ist, die Welt verbessern: Tikkun Olam. Als Einzelner und als Gemeinschaft.

Rafi, Judenbub Die Rückkehr der Seligmanns nach Deutschland. Im dritten Teil der Familientrilogie blickt der Autor darauf zurück, was seine Eltern und er im Deutschland der Adenauer-Zeit erlebten. Mit welchen Vorurteilen der zehnjährige „Judenbub“ vor allem in der Schule konfrontiert wurde, welchem Antisemitismus seine Eltern in ihrer ehemaligen Heimat begegneten und wie sie als Außenseiter in die Isolation gedrängt wurden. Über die Familiengeschichte hinaus, ist das Buch ein Sittenbild der vielfach von kleinbürgerlichem Mief und Spießertum geprägten deutschen Nachkriegszeit, in der von Vergangenheitsbewältigung noch keine Rede war. Unsentimental, lakonisch und oft witzig erzählt der Autor aus der dreifachen Ich-Perspektive: seiner eigenen, der seiner Mutter und der seines Vaters. Ein Stück deutsch-jüdischer Zeitgeschichte. Langen-Müller/Herbig 2022, 400 S., € 25,70

Sie gelten als Israel-Experte und gleichzeitig als Experte fürs deutsche Judentum. Sind Sie noch immer beiden Welten gleichermaßen verbunden?
I Ja, doch. Israel ist heute das Zentrum des Judentums, ich bin da geboren, und es ist meine Heimat. Meine kulturelle Heimat ist Deutschland, und beides kann vereint werden. Israel ist ein herrliches Experiment, einer der wenigen Staaten, in denen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit herrschen, mit allen möglichen Fehlern, und darauf sollten alle stolz sein. Und zur Not ist es das letzte Asyl.

Sie galten lange Zeit auch als Provokateur. Sie haben gern und viel provoziert, legt sich die Lust daran mit dem Alter, mir kommt vor, Sie sind altersmilde geworden?
I Ich bin überhaupt nicht altersmilde geworden, dagegen verwahre ich mich (lacht). Wenn man früher über jüdischen Sex geschrieben hat, war man der Super-Provokateur, wenn man heute beschreibt, wie Menschen sich lieben, ist das was Selbstverständliches. Ich hab meine Meinung nicht geändert, und die Lust an der Provokation ist nach wie vor da.

Was muss man heute noch sagen oder schreiben, um überhaupt zu provozieren?
I Eine gute Frage, denn heute heißt es ja, anything goes. Provokation um der Provokation willen finde ich blöd. Aber die größte Provokation ist es immer, wenn man die Wahrheit sagt.

© HORSTMANN,KAI / Action Press / picturedesk.com

Das Judentum in Deutschland hat sich seit Ihrer Jugend soziologisch total verändert. Russische Immigranten und auch Einwanderer aus Israel sind in großer Zahl dazugekommen und teilweise dominant. Wie sehen Sie das, ist das noch Ihr deutsches Judentum?
I Das Judentum ist ein sehr dynamisches, und das von 2022 ist nicht mehr das Judentum von 1958, aber auch die deutsche Gesellschaft hat sich gewandelt, denn in den Städten hat die Hälfte der Bevölkerung Migrationshintergrund. Das Judentum wandelt sich, und wir müssen uns wandeln, und vielleicht ist diese Internationalität einer der Gründe, weshalb das Judentum so erfolgreich war: weil man sich immer wieder neu anpassen und neu erfinden musste. Und gleichzeitig das ewige Gesetz hatte. Also der bleibende Wert der Humanität und die Notwendigkeit, sich an andere Gesellschaften anzupassen.

Wie wird sich Ihrer Ansicht nach die Situation der europäischen Juden durch den Krieg verändern, nachdem sich bereits die Anzeichen mehren, dass Selenskyjs Judentum immer mehr zum unschönen Thema wird? Der Antisemitismus boomt, haben Sie da auch Angst?
I Ich hab keine Angst, ich hab in Israel mehrere Kriege erlebt. Wir haben in Europa bisher in einer unnormalen Zeitspanne des Friedens gelebt und jetzt normalisiert sich das. In Kriegen und Krisen sind Juden oft die Opfer. Aber heute gibt es einen Staat Israel, und aus der Ukraine gehen viele Flüchtlinge nach Israel. Natürlich wittern die Antisemiten Morgenluft, aber wir wollen ihnen in die Suppe spucken.

Berlin – Tel Aviv – Berlin sind die Stationen Ihrer Familie. Haben Sie in dem Zusammenhang daran gedacht, für immer zurück nach Israel zu gehen?
I Mit 75 ist für immer eine relative Entscheidung, aber wenn „Führer“ wie Putin und Le Pen in Europa das Sagen haben werden, dann ist Israel der Platz, an dem man als Jude bleiben muss.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here