Der Boom scheint kein Ende zu haben. Zum fünften Mal in Folge meldet das israelische Verteidigungsministerium eine deutliche Zunahme der Waffenexporte: von 14,8 Mrd. Dollar im Jahr 2024 auf 19,2 Mrd. im Vorjahr. Allein die Lieferungen nach Asien verdoppelten sich beinahe, von 3,4 Mrd. auf 6,1 Mrd. Das Ministerium schreibt sich selbst einen Anteil dieser wirtschaftlichen Erfolge zu: Man habe die Ausfuhrlizenzen erheblich erleichtert und die Liste der Länder, in die man liefern darf, erweitert. Mehr als die Hälfte dieser Exporte erfolgte von Regierung zu Regierung, so das Ministerium.

Dabei spielten die wenigen Absagen europäischer Regierungen wegen des Gaza- und Irankriegs nur eine äußerst untergeordnete Rolle. Im Gegenteil: So hat Deutschland bereits eine weitere Tranche des Arrow3-Raketenabwehrsystems bestellt, und diese Volumina sind deutlich höher als etwa stornierte Munitionsaufträge aus Spanien.

Dieser positive Marktbericht spiegelt sich auch in den Quartalszahlen der großen israelischen Rüstungsfirmen wider. So bestätigt etwa Rafael, bekannt für Raketenabwehr wie Iron Dome, Panzerabwehrwaffen und Marschflugkörper, über das gute Jahr 2025 hinaus bereits im ersten Quartal 2026 eine Zunahme des Nettogewinns um 23 Prozent und der Bestelleingänge um 28 Prozent. Die gesamten Aufträge betragen derzeit rund 24 Mrd. Dollar.

Auch der Konkurrent Elbit, der Drohnen und elektronische Kampfleitsysteme entwickelt und verkauft, berichtet über starke Zahlen: Der Umsatz im ersten Quartal 2026 ist um 15,5 Prozent gestiegen, die gesamten Aufträge belaufen sich auf gigantische 30 Mrd. Dollar. Die Gewinne in diesem Zeitraum stiegen sogar um 59 Prozent. Allein ein nicht genanntes europäisches Land hat kürzlich bei Elbit Hightech-Waffen um 1,4 Mrd. Dollar geordert.

Dabei sei die breite Aufstellung des Rüstungsunternehmens noch wichtiger als die lineare Zunahme der Aufträge, berichten Marktbeobachter. „Elbit ist nicht mehr nur eine weitere israelische Defense Company“, äußerte der CEO des Brokers NMM Capital, Mir Mammon, Ynetnews gegenüber. „Es beginnt so auszusehen, dass es sich hier um eine zentrale Infrastrukturfirma im Zeitalter der autonomen Kriegsführung handelt.“

Aktuell arbeiten die israelischen Techniker fieberhaft daran, die jüngsten Entwicklungen des Drohnenkriegs zu beantworten, den Israel schmerzhaft im Norden des eigenen Landes erlebt. Fast täglich sterben junge Soldaten, und auch zivile Ziele werden immer wieder getroffen, seit die Hisbollah Minidrohnen einsetzt, die durch feine Glasfaserdrähte gesteuert werden. Damit sind sie immun gegen die israelischen elektronischen Störversuche.

„Ökonomen warnen, dass das israelische
Wirtschaftsmodell – Hochtechnologie,
Rüstungsexporte und eine kleine, gut ausgebildete Elite –
demografisch nicht haltbar sein wird.“
Economist

Aber auch im eher klassischen Rüstungsgeschäft wird in der Region seit dem zweiten Irankrieg innerhalb eines Jahres heftig nachgekauft. Eine kleine Auswahl:
– Israel selbst hatte schon während des letzten Irankriegs in den Emiraten eine Iron Dome-Abwehrbatterie aufgestellt und mit eigenen Mannschaften betrieben. Hier sind weitere Bestellungen nahe liegend.
– Darüber hinaus hat Israel an die Emirate bereits ein erstes Laser-Raketenabwehrsystem geliefert. Das sollte ebenfalls kein Einzelstück bleiben.
– Das US-Verteidigungsministerium gab an, modernste Flugzeug- und Raketenabwehrsysteme im Wert von 8,6 Mrd. Dollar in den Nahen Osten zu liefern, etwa an Kuwait, Katar und Israel. Dabei geht es neben Patriot-Systemen auch um neue, lasergesteuerte Raketen.
– Die israelische Luftwaffe, deren Jets während der Kampfhandlungen fast rund um die Uhr im Einsatz waren, hat in den USA bereits für die Jahre ab 2030 nachbestellt: Dabei geht es um 25 zusätzliche F-35I-Tarnkappen-Jets sowie weitere 25 F-15EX-Bomber.
– Das erste von vier bestellten großen Tankerflugzeugen Boeing KC-46 für Israel hat in den USA seine Testflüge begonnen. Israel verfügt derzeit nur über alte, kleine Tanker auf Basis der zivilen Boeing 707 und war beim letzten Krieg weitgehend auf die Luftbetankung durch die Amerikaner angewiesen. Diese Lücke soll mit den neuen Flugzeugen geschlossen werden.

Trotz des Kriegs solider Wirtschaftsausblick. Der Krieg gegen den Iran hatte kurz seine – kräftigen – negativen ökonomischen Auswirkungen. Das Bruttonationalprodukt schrumpfte im ersten Quartal um 3,3 Prozent, schreibt der Economist. Doch das sollte nicht so bleiben. In einer umfangreichen Analyse stellen die Volkswirte von Allianz, der großen deutschen Versicherungsgruppe, Israel ein gutes Zeugnis aus.

Demnach sollte im gesamten Jahr 2026 die israelische Wirtschaft um kräftige 3,5 Prozent wachsen, 2027 sollte sich das mit weiteren 3,3 Prozent fortsetzen. Dabei schauen die Allianz-Ökonomen nicht nur auf den Hightech-Sektor und auf die Rüstung: „Die Erholung wird von normalen Geschäftsaktivitäten getragen“, so die Analyse weiter, „besonders in der Baubranche und im Tourismus, die seit Oktober 2023 am meisten gelitten hatten. Es betrifft aber auch den Arbeitsmarkt ganz generell, der aus zwei Gründen unter Druck gekommen war: erstens durch die vielen einberufenen Reservisten. Und zweitens, weil weniger Palästinenser in der israelischen Wirtschaft gearbeitet haben.“ Das führte aber andererseits auch zu niedrigen Arbeitslosenraten und zu einer maßvollen Inflation.

Aktuell arbeiten israelische Techniker
fieberhaft
daran, die jüngsten Entwicklungen
des Drohnenkriegs zu beantworten.

Die Allianz-Volkswirte sehen aber auch Risiken, zunächst einmal für die Geschäftsbanken und deren Kredit-Portfolios, dann aber auch für die öffentlichen Haushalte: „Die Militärausgaben haben das Defizit innerhalb von vier Jahren um 20 Prozent erhöht.“ Dieses soll laut Regierungsentwurf heuer 4,9 Prozent betragen, manche Prognosen sehen eher 5,5 bis 5,7 Prozent. Das ist im internationalen Vergleich immer noch nicht dramatisch, die einseitige Tendenz freilich bleibt negativ.

Das müssen schon einzelne Lieferanten des Staates bitter erkennen. So beklagte sich etwa der Rüstungskonzern Rafael darüber, dass ihm das Verteidigungsministerium rund sieben Milliarden Schekel schuldig sei, „keine Auszeichnung für Israel“, so die Manager. Ob von den zahlreichen anstehenden Infrastrukturprojekten etwas gestoppt oder aufgeschoben werden muss, wird sich erst zeigen.

Laut GTAI, der deutschen Export- Agentur Germany Trade & Invest, sind im ganzen Land allein 226 große staatliche Infrastrukturprojekte in Arbeit oder geplant, mit einem Gesamtvolumen von 138 Mrd. Dollar. Diese konzentrieren sich vor allem in den Bereichen Verkehr und Energie. „Trotz der Belastungen durch den Gazakrieg bleiben Infrastrukturin vestitionen in Israel finanzierbar. Zwar stieg die Staatsverschuldung von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Ende 2022 auf 68,5 Prozent Ende 2025, das Niveau ist im internationalen Vergleich jedoch moderat und lässt Investitionsspielraum“, meinen die deutschen Experten.

Nicht in diesen Zahlen enthalten sind freilich rein private Vorhaben, etwa neue Rechenzentren oder Betriebserweiterungen. Und auch nicht enthalten sind einzelne große Investitionen wie jene von Nvidia, dem US-Chiphersteller, der in Nordisrael einen riesigen Standort für 10.000 Mitarbeiter geplant hat (siehe Hightech-Campus im Norden, WINA 02– 03/2026).

Doch auch im Tech-Sektor läuft nicht alles rund. So haben im Mai mehrere internationale Unternehmen mit Standorten in Israel drastische Job-Kürzungen angekündigt: Dazu gehören etwa Wix, der Website-Spezialist, Rapyd, ein Fintech- Unternehmen, sowie die israelische Software- und Kommunikationstechnikfirma Amdocs. Bei Amdocs müssen weltweit 3.000 Mitarbeiter gehen, darunter einige hundert in Israel. Rapyd gibt nicht an, wie viele seiner 700 Beschäftigten betroffen sind, spricht aber von „Restrukturierung“. Und bei Wix geht es um 1.000 Jobs in Israel und in Übersee, immerhin rund 20 Prozent der Belegschaft. Begründet werden die Entlassungen von allen drei Unternehmen mit dem Einfluss von AI, der künstlichen Intelligenz.

Das britische Magazin Economist befürchtet darüber hinaus langfristige negative Entwicklungen: „Ökonomen warnen, dass das israelische Wirtschaftsmodell – Hochtechnologie, Rüstungsexporte und eine kleine, gut ausgebildete Elite – demografisch nicht haltbar sein wird.“ Die englischen Journalisten beziehen sich dabei auf die ultraorthodoxen Juden und die arabischen Israelis, die zwar viele Kinder haben, diese aber für eine moderne komplexe Ökonomie nicht genug lernen lassen. Beide Gruppen seien im Tech-Sektor kaum vertreten.

„Israels Schulen verschlechtern sich“, schreibt der Economist. „Nach den derzeitigen Trends werden sich die künftigen Tech-Arbeiter aus einem kleiner werdenden Reservoir rekrutieren.“ Der warnende Schlusssatz: „Israels Ökonomie hat Kriege, Boykotte und Rezessionen überlebt. Aber wie es in der Politik so ist: Die ernsteste Bedrohung kann von innen kommen.“

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