Die Neugierde des Reporters

Seymour Topping war Manager des Pulitzer-Preises, Professor für Journalismus an der Columbia University und langjähriger stellvertretender Chefredakteur der New York Times. Doch er blieb immer Reporter und Korrespondent.

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Offiziell war er stellvertretender Chefredakteur. Immerhin 17 Jahre lang, von 1969 bis 1986 fungierte er als Nummer Zwei des legendären A. M. Rosenthal an der Spitze der New York Times. Das war in Zeiten des Vietnamkriegs und der Pentagon Papers, des Watergate Skandals und wiederholter Krisen des Kalten Kriegs und im Nahen Osten.
Der kantige Rosenthal hatte schon gewusst, warum er Seymour Topping an seine Seite geholt hatte. Dieser führte die Redaktionssitzungen mit ruhiger Hand, verfügte sowohl über journalistische wie auch soziale Kompetenz und hatte zuvor schon jahrelang ein Netz von internationalen Korrespondenten geleitet.
Und er war selbst einer von ihnen gewesen, mit vollem Einsatz. Während der chinesischen Revolution war er gefangen genommen worden, musste um sein Leben fürchten. Er berichtete für Nachrichtenagenturen als Kriegskorrespondent aus Korea, dann aus Berlin über den kalt schwelenden Ost-West-Konflikt. 1959 stellte ihn die New York Times an, für die Qualitätszeitung arbeitete er als Bürochef in Moskau, später in Südostasien, zur Zeit des Vietnamkriegs.

Das war in Zeiten des Vietnamkriegs und der Pentagon Papers, des Watergate Skandals …

Ab 1966 koordinierte er die Auslandsberichterstattung der Times von der New Yorker Redaktion aus, dirigierte mehr als 40 hauseigene Korrespondenten, die ihm ihre Berichte zulieferten. Doch es zog ihn immer wieder selbst hinaus, weg von seinem Schreibtisch. Er interviewte unter anderem den rumänischen Diktator Nicolae Ceaușescu, den kubanischen Führer Fidel Castro, die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir oder den jordanischen König Hussein.
Topping war 1921 als Seymour Topolsky in Manhattan geboren worden. Die Eltern stammten aus Osteuropa, seine Mutter musste die Ermordung ihrer Mutter durch Kosaken in einem jüdischen Stetl in der Ukraine miterleben. Seymour hatte als Jugendlicher das Buch Red Star Over China gelesen und wollte dann sowohl Journalist werden wie auch Asien näher kennen lernen. So studierte er nach der High School an der University of Missouri, die sowohl für ihr Journalismus-Department wie auch für gute Kontakte nach China bekannt war. Seinen Militärdienst absolvierte er ab 1943 als Infanterieoffizier auf den Philippinen.

Topping war 70 Jahre mit der Pressefotografin Audrey (Ronning) verheiratet. Nach seiner Pensionierung bei der Times unterrichtete er an der renommierten Columbia University Journalismus und wurde für den dort vergebenen Pulitzer-Preis verantwortlich. Er starb im November 2020 im 99. Lebensjahr. 

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