Die Polizei macht sich laufend fit für eine Welt der Vielfalt

Das Trainingsprogramm A WORLD OF DIFFERENCE® wird in Österreich seit 20 Jahren erfolgreich eingesetzt, um der Sicherheitsexekutive den Umgang mit gesellschaftlichen Veränderungen leichter zu machen. Ein Lokalaugenschein bei einem Refresher- Train-the-Trainer-Workshop.

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Die iranische Trainerin Solmaz Sandi (li.) und die Gründerin von NO CHANCE for HATE Barbara Sahab (re.) mit dem Mitglied des Präsidiums der Sicherheitsakademie im BMI Arthur Reis. © Europify; Marta S. Halpert

Im Amerika-Haus, dem US-Kulturzentrum gegenüber dem Wiener Rathaus, soll ein Workshop stattfinden. Im Foyer sucht man den Veranstaltungssaal: Wegen der großen Stille geht man fast vorbei, aber siehe da: 16 Frauen und Männer sitzen im Kreis und lauschen konzentriert einem Vortrag über Verschwörungstheorien im Alltag. Plötzlich hebt eine junge Frau die Hand und fragt mit flehentlicher Stimme: „Aber was mache ich, wenn der eigene Vater am Familientisch eine verschwörerische Litanei zur Covid-Pandemie loslässt und nicht mehr aufhört? Das soll ich einfach ignorieren?“

Die zarte junge Frau aus dem Polizeidienst kann ihre drängenden Fragen in der anschließenden Kaffeepause weiter diskutieren und sich die Erfahrungen anderer Workshop-Teilnehmer und Trainer-Kolleginnen anhören. Denn wir sind bei einem „Refresher Train-the-Trainer-Workshop“, den die Sicherheitsakademie (SIAK) des Bundesministeriums für Inneres gemeinsam mit dem Verein „NO CHANCE for HATE (NCfH)“ veranstaltet. „Ab dem Jahr 2001 kooperierte das BMI mit der Anti-Defamation League* (ADL). Ich bin die letzte Trainerin, die damals noch von Amerikanern in Wien für das Spezialprogramm A World of Difference (AWOD – Eine Welt der Vielfalt) ausgebildet wurde – und seither dabei ist“, erzählt Barbara Sahab, zweifache Magistra in Germanistik und Geschichte sowie Kunstgeschichte.

Dabei ist sie viel zu bescheiden, denn nur Sahabs Energie und Ausdauer ist es zu danken, dass es sowohl die Trainerausbildung mit Sicherheitsbeamten auf Basis des A World of Difference-Handbuches hierzulande gibt als auch die langjährige Zusammenarbeit mit dem österreichischen Innenministerium. Ziel dieser Kooperation war und ist es, Maßnahmen in der Ausund Fortbildung zugunsten einer vorurteilsfreien Haltung der österreichischen Sicherheitsexekutive, also der Polizistinnen und Polizisten zu setzen.

„In den letzten 20 Jahren wurde das A WORLD OF DIFFERENCE®-Programm für Österreich adaptiert und mit insgesamt drei Train-the-Trainer-Ausbildungen durchgeführt. Knapp 900 Polizistinnen und Polizisten haben bisher sowohl in ihrer Grundausbildung als auch in der Fortbildung diese Trainings durchlaufen“, weiß Barbara Sahab, die gemeinsam mit Elisabeth Henzl den Verein NO CHANCE for HATE betreibt. Diese Drei-Tages-Seminare gehören zur verpflichtenden Basis der polizeilichen Menschenrechtsausbildung. Das Programm muss laufend speziell für die Anforderungen des beruflichen Alltags der Polizei in einer immer diverser werdenden Gesellschaft angepasst und weiterentwickelt werden. „Sowohl das reguläre AWOD-Training als auch die Refresher- Workshops für alle A WORLD OF DIFFERENCE®-Trainer:innen – wie dieses hier heute – stärken nicht nur den sensiblen und professionellen Umgang, den Respekt und die Bereitschaft zur Kommunikation mit allen gesellschaftlichen Gruppen, sondern geben den Exekutivbediensteten auch die notwendigen Argumentationshilfen für ihr berufliches Umfeld mit“, erklärt Sahab, die zudem auch an einer BHS unterrichtet.

Da sich die Anti-Defamation League 2021 überraschend aus dem operativen Geschäft in Österreich zurückzog, hat sich die Anti-Defamation League Austria als Verein NO CHANCE for HATE unabhängig gemacht. „Wir haben mit der ADL einen Lizenzvertrag ausgearbeitet und vereinbart, dass wir das Programm A WORLD OF DIFFERENCE® in allen Belangen weiterverwenden und adaptieren dürfen“, erläutert Sahab, die das inhaltliche Potenzial dieses methodisch-didaktischen sowie bedarfsorientierten Programms bereits früh erkannte.

Kontrollinspektor und AWOD-Trainer Sabri Yorgun hier als Pressesprecher mit Journalisten in der Straßenbahn nach dem Amoklauf in der Grazer Schule (Foto: LPD Stmk)

„Diese Kooperation stellt die in Europa größte und umfassendste Zusammenarbeit auf diesem Gebiet dar und wurde auch bei Konferenzen der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) als ,best practice example‘ vorgestellt und gewürdigt“, freut sich der Leiter der SIAK, Norbert Leitner. Das AWODHandbuch für Österreich bietet nicht nur Kenntnisse über persönliche und institutionelle Vorurteile: Es vermittelt auch Wissen über den sensiblen Umgang mit anderen Lebensformen, thematisiert gängige Klischeevorstellungen, die einer professionellen Ausübung des Berufs im Wege stehen. Diese werden offen und kritisch hinterfragt und, besonders wichtig, anhand von Beispielen aus der Praxis und deren negativen Folgen diskutiert sowie Fähigkeiten und Strategien entwickelt, diesen zu entgegnen.

Groß, schlank und sportlich steht Sabri Yorgun, Kontrollinspektor und Pressesprecher der Landespolizeidirektion Steiermark, inmitten der anderen Workshop- Teilnehmer und stärkt sich mit Kaffee, bevor der Vortrag zu „antisemitischen Verschwörungsmythen“ beginnt. Warum hat er sich zu diesem Train-the-Trainer- Workshop gemeldet? „Ich habe selbst Diskriminierung erfahren. Als ich noch in der Ausbildung war und das reguläre zweitägige Anti-Defamation-League-Training absolvierte, dachte ich mir, das kann ich besser“, lacht Yorgun, Absolvent des Bachelorstudiums Information, Medien und Kommunikation an der Fachhochschule Burgenland. Nach zehn Jahren Polizeidienst, zuerst in der Polizeiinspektion, dann beim Grenzschutz, ist er nun in der Kommunikation angekommen.

„Ich bewahrte mir das im Kopf, dass ich gerne Trainer wäre, deshalb habe ich mich für die Ausbildung beworben“, sagt der Südsteirer Sabri Yorgun, der auch vielen seit der schrecklichen Amoktat in Graz aus dem TV bekannt ist, weil er sehr ruhig und klar informierte. Kommunikation war schon früh seine Leidenschaft, erzählt er: „Gerade in der Sicherheitskommunikation sind Klarheit, Verantwortung und Präzision wichtig. Diese Fähigkeiten wurden auch in meinem Studium geschärft.“

Anti-Antisemitismus-Workshops seit 2023. Infolge gravierender gesellschaftspolitischer Ereignisse wie der SARS-CoV-2-Pandemie, von steigenden antisemitischen Ressentiments und Vorfällen begleitet, wurde auf Wunsch und in enger Absprache mit den Verantwortlichen der Sicherheitsakademie des BMI der Plan gefasst, das A WORLD OF DIFFERENCE®-Programm auch im Bereich der Antisemitismus-Bekämpfung anzubieten. „Durch die langjährige erfolgreiche Kooperation wusste man, dass wir dieses Wissen und die Kompetenz dafür haben. Ein spezielles Handbuch für den AWOD-Workshop Antisemitismus haben wir auf Basis der existierenden Methodik des A WORLD OF DIFFERENCE®-Programms erstellt“, berichtet Barbara Sahab und fügt hinzu: „Aus der AWOD-Erfahrung wussten wir, dass die alten, gängigen Klischees sich halten, aber auch, dass sich der Antisemitismus täglich weiterentwickelt, denn es kommen immer neue Aspekte hinzu.“

Die ersten Workshops fanden 2023 statt und hatten so viele Anmeldungen, dass nicht genügend Seminarplätze vorhanden waren. Die Feedbacks der Teilnehmer und Teilnehmerinnen fielen positiv aus: Gelobt wurden zumeist die effektive Gruppenarbeit, Stichwort „keine Wissensberieselung“, sowie die Vielfalt der Methoden, die praktischen Übungen und vor allem das Zusammenspiel zwischen Theorie und praktischen Beispielen. Es wurde auch mehrfach der Wunsch geäußert, mehr zum richtigen Einschreiten in Bezug auf Antisemitismus zu erfahren. Durch die Rückmeldung der Trainer:innen zu den thematischen „heißen Eisen“ wie auch durch die Entwicklungen nach dem 7. Oktober 2023 hat sich zusätzlich die Notwendigkeit gezeigt, die Beamten- Trainer:innen auch in diesem Bereich für ihre persönlichmenschlichen Herausforderungen „fit zu machen“.

Ein Aspekt des AWOD-Programms hat sich prinzipiell bei allen Themen sehr nützlich und zielführend herausgestellt: Von den derzeit 21 aktiven Trainer:innen kommen zwölf aus den Reihen der Polizei, neun weitere werden von NO CHANCE for HATE bereitgestellt. Das bedeutet, dass Trainer:innen aus anderen Lebens- und Berufsbereichen ihre Sicht und Praxis einbringen können. So ein erfolgreiches Tandem sind zum Beispiel Veronika Kindler und Florian Zeller, von denen wir wissen wollten, wie man für die Trainerausbildung überhaupt rekrutiert wird: „Da gab es einen aufwendigen Aufnahmeprozess, der von allen involvierten Institutionen erarbeitet wurde. Wir mussten an einem intensiven Tag mehrere Fähigkeiten unter Beweis stellen, etwa ob wir gut öffentlich reden und dabei auch Inhalte kurz und kompakt wiedergeben können. Von den 30 Bewerbern kamen nur wenige durch“, erzählt Kindler.

Was hat die BMI-Angestellte, die zuvor als Gerichtsdolmetscherin für Russisch tätig war, motiviert, sich als Trainerin zu bewerben? „Ich komme selbst aus einem sehr bunten Umfeld: mütterlicherseits aus einer aschkenasisch-jüdischen Familie, mein Großvater war Rabbiner in Polen, wurde dann durch verschiedene KZs nach Österreich verschleppt und hier befreit; später wanderte er in die USA aus. Meine Vaterseite hat eine österreichisch-christliche Vorgeschichte, daher war schon alles sehr komplex“, lächelt Veronika Kindler. „Und ich lebe seit zehn Jahren mit einem muslimischen Partner. Das heißt, dass ich schon vor meiner Arbeit im Ministerium reichlich Bezug zu anderen Kulturen hatte. Als ich die Ausschreibung im BMI gesehen habe, dachte ich, ‚die sprechen doch über mich‘. Daher freue ich mich sehr, dass ich auch genommen wurde!“

Florian Zeller, Mitarbeiter des Dokumentationszentrums des österreichischen Widerstandes, ist ein externer Trainer, den Barbara Sahab bereits für ihr erstes AWOD-Antisemitismustraining engagieren konnte. Zeller ist Politikwissenschafter, seine Arbeitsbereiche sind die Erforschung, das Monitoring und die Dokumentation von Rechtsextremismus. Was war seine Motivation? „Ich hatte schon zu Polizisten und Polizistinnen geforscht und viele auch interviewt, weil ich an der Universität Wien ein Projekt zu Rassismus in Europa betreut habe“, erzählt Zeller, der heute und hier den ausführlichen Vortrag über „antisemitische Verschwörungstheorien“ gehalten hat. „Ich arbeite gerne mit Gruppen und hatte schon viele Berührungspunkte in beiden Feldern, im polizeilichen und im politischen Umfeld, die ich bei diesen Trainings zusammenbringen kann.“

Die Gefühlsebene ansprechen. Wie liefen die Seminare in Wien und den Bundesländern nach dem 7. Oktober 2023 ab? „Wir mussten uns auf die Abgrenzung zwischen den Themen Israel und Juden einstellen“, berichtet Veronika Kindler. „Wir haben das Programm daher adaptiert, weil wir der Ansicht waren, dass es sehr wichtig ist, die Innensicht zu zeigen: Wie fühlt es sich an, wenn man persönlich betroffen ist; was macht das mit einem? Damit man nicht nur akademisch bleibt, sondern auch die Gefühlsebene anspricht. Wir haben uns entschieden, auch das Thema ‚jüdisches Leben‘ mit hinein zu nehmen.“ Aber wie kann man sich das vorstellen? „Es geht nicht über die Religion, es muss das Bewusstsein geschaffen werden, dass das Judentum kein monolithischer Block ist, dass es eine breite Vielfalt an jüdischem Leben gibt. Um sich als jüdisch zu identifizieren, kann man sehr unterschiedliche Zugänge wählen.“

Besonders begeistert berichtet Kindler von einem Seminar in Graz: „Wir hatten Riesenglück, dass gerade eine Woche vor Rosch haSchana, dem jüdischen Neujahrsfest, ein Konzert in der Synagoge aus diesem Anlass stattfand. Wir haben die Teilnehmenden dorthin geschleppt, und das war ein Riesenerfolg“, so die enthusiastische Trainerin. Bei den meisten habe dies ein großes Aha-Erlebnis ausgelöst, denn sie hätten so vieles nicht gewusst, das sie aber danach im gemütlicheren Teil im Keller nachfragen konnten. „Das hat emotional bewegt und die Schwellenangst von den meisten genommen.“

Hier hakt auch ein Volksschullehrer ein, der als externer Trainer im Amerika-Haus dabei ist: „Ich hatte mit einer Kollegin beim Besuch der ZPC-Schule ein überraschendes Erlebnis. Wir konnten nicht einfach durch das Tor gehen, sondern mussten mehrere Sicherheitsschleusen queren. Das hat uns erschüttert: dass diese Kinder nicht wie unsere einfach in das Schulgebäude gehen können.“ Er wandte sich an seine Workshop-Kolleg:innen und sagte: „Ihr müsst auch als Wache stehende Polizisten in die Synagoge, in die Schule oder andere jüdische Institutionen gehen, das verändert etwas.“

Veronika Kindler spricht auch jene an, die beim Thema Holocaust nach einem „Schlussstrich“ fragen. „Ich setze dann den Kontrapunkt aus meiner Sicht: Die Gedenkkultur an die Shoah ist bei den Juden das, was unsere Friedhöfe für uns sind. Wollt ihr nach 70 oder 80 Jahren eure Friedhöfe auflösen?“ Das seien Momente, die am Gefühl rühren; da bleibe auch etwas hängen, weiß Kindler aus den Rückmeldungen: „Einige erzählten, dass sie in ihrer Polizeiinspektion oder mit der Frau zuhause darüber gesprochen haben. Das ist unser wahrer Erfolg.“

Florian Zeller ortet die antisemitischen Verschwörungsmythen und deren immer wieder aktualisierten Codes in der Sprache nicht nur in der entfernteren Vergangenheit: „Ich erlebe vor allem an der Universität viel emotionalere, verletzendere Diskussionen, auch einen manifesten linken Antisemitismus. Und das nach einem Jahr und mehr“, erzählt er über die Veränderungen nach dem 7. Oktober.

Nach Vortrag und lebhafter, engagierter Diskussion im Amerika-Haus begeben sich die Trainerinnen und Trainer mit Sabri Yorgun in den nahen Rathauspark. Hier sind praktische Übungen an der frischen Luft geplant. Yorgun bittet alle, einen Kreis zu formen, dann halbiert er diesen und flüstert den Personen links und rechts neben sich einen Satz ein, der möglichst originalgetreu ins Ohr des Nachbarn, der Nachbarin weitergesagt werden soll. Der oder die Letzte der Halbkreisgruppe sagt dann laut, was angekommen ist. Polizeisprecher und Trainer Sabri Yorgun liest nun sein Original vom Blatt. Es wird laut gelacht, weil sich die eingelangte Information inhaltlich verändert hat. „Ihr seht: So entstehen falsche Meldungen und Verschwörungstexte – weil man die eigenen Wünsche oder auch Vorstellungen und Befindlichkeiten mittransportiert.“

  • ADL ist eine US-amerikanische NGO, die gegen Antisemitismus, Rassismus und alle Formen von Vorurteilen und Fanatismus kämpft. Sie ist ein führender Anbieter von Anti-Bias, Diversity-Programmen und Ressourcen. Ihr Ziel ist es, Verständnis und Toleranz innerhalb kulturell und sozial inhomogener Gemeinschaften zu stärken.

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