Die Stimme finden– zwischen Leben und Tod

486
Yuval Raphael: Die 24-jährige Sängerin überlebte das Hamas-Massaker und trat im Mai beim Eurovision Song Contest in Basel für Israel an. © GEORGIOS KEFALAS / Keystone / picturedesk.com

 

„Aba, es gibt viele Tote, schick die Polizei!

Tote?!

Papa, bitte rufe die Polizei! Dringend!

Ok! Ich schicke die Polizei!
Kleines, beruhige dich, bleibe in der Leitung, leg’ nicht auf!

Ich werde erdrückt, ich werde erdrückt!

Sei leise, bleib wie du bist. Atme tief ein, versteck dich, stell dich tot!

Auf mir liegen Tote, Papa!! Schick einen Einsatzwagen!

Yuvali, stell dich tot, stell dich tot! Leg’ auf und stell dich tot!“

Tonaufnahme von Yuvals Anruf an ihren Vater am 07. 10. 2023

 

Es sind zwei Bilder, die Yuval Raphaels Leben defifinieren – so gegensätzlich, dass sie kaum zu derselben Person gehören können. Das eine zeigt sie acht Stunden lang bewegungslos unter einem Berg von Leichen in einer Migunit versteckt, während draußen Hamas- Terroristen jubelnd morden. Das andere zeigt sie auf der Bühne des Eurovision Song Contest, wie sie ihre Flügel ausbreitet und mit unglaublicher Präsenz das Publikum verzaubert.

„Heute bin ich näher am Bild meines Erfolgs, aber was mich antreibt, ist das Bild der Migunit“, antwortet Yuval in einem Interview des israelischen Kanals N12* auf die Frage, welcher Version ihrer selbst sie derzeit näherstehe. Diese Worte offenbaren die komplexe Realität einer jungen Frau, die aus den Tiefen menschlicher Verzweiflflung zu künstlerischen Höhen aufgestiegen ist.

Acht Stunden im Angesicht des Todes
Der 7. Oktober 2023sollte Yuvals Leben für immer verändern. In der Migunit, einem Schutzraum, der zum Grab werden sollte, erlebte sie Stunden des puren Überlebenskampfes. „Eines der schwersten Dinge war, dass ich mich nicht bewegen konnte“, erzählt sie. Die Erinnerung an die unerträglichen Schmerzen ist noch immer präsent: „Ich habe darum gebetet, mich nur einen Millimeter bewegen zu können: ‚Lasst mich nur meinen Körper etwas verlagern, alles tut so weh‘. Aber es ging nicht.“

Die Situation war grotesk und traumatisch zugleich. Ihr Bein war unter einer Leiche eingeklemmt, acht Stunden lang spürte sie, wie der Knochen geprellt wurde und brach. Um sich zu verstecken, musste sie das Gesicht einer toten Frau auf ihr eigenes legen, ihre Wange an die Wange der Toten pressen. „Ihr Gesicht war auf mir, und ich habe es ganz nahe gesehen, ihre Augen…“ – ein Bild, das sie seither verfolgt.

Auf die Frage nach ihren Gedanken in jenen Momenten der Verzweiflflung antwortet Yuval mit erschütternder Ehrlichkeit: Die Ungewissheit sei das Schlimmste gewesen. „Du weißt nicht, was geschehen wird. Ob ich hier überhaupt jemals rauskomme; ob ich hier mit einem abgetrennten Bein rauskomme; ob ich mein Leben lang behindert sein werde…“

 

Der Moment der Kapitulation und die Wende
Nach vier Stunden unermüdlicher Versuche, Hilfe zu rufen, erreichte Yuval einen Punkt völliger Erschöpfung. Jeder Anruf bei der Polizei endete in Frustration, jedes vermeintliche Rettungsfahrzeug entpuppte sich als weiterer Terroristen-Konvoi. „Das bricht dich“, beschreibt sie diesen Moment der Hoffnungslosigkeit.

„Und was waren deine Gedanken, bevor du das entschieden hast?“, wird sie gefragt, als sie über ihren Entschluss spricht, aufzugeben. Ihre Antwort offenbart die Tiefe ihrer Verzweiflflung: „Dass ich nicht genug Zeit hatte, nicht genug gemacht habe. Dass ich noch leben wollte, und dass es mir so leid tut um meine Familie.“

Doch paradoxerweise brachte ihr diese Entscheidung zur Kapitulation eine unerwartete innere Ruhe. Als sie sich aufrecht hinsetzte, bereit, den Terroristen direkt gegenüberzutreten, schöpfte sie neue Kraft. „Das nächste Mal, als ich sie erneut kommen hörte, sagte ich mir: ‚Warte! Du hast noch Kraft, du hast noch Kraft weiterzumachen.‘“

Schuld und Erlösung
Die psychologischen Nachwirkungen des Überlebens waren komplex. Yuval trug schwere Schuldgefühle mit sich – nicht nur, weil sie überlebt hatte, sondern auch wegen der Art, wie sie überleben musste. „In gewisser Weise, auch wenn es nicht meine Schuld war, habe ich sie benutzt, sie konnte nicht in Ruhe sterben“, reflflektiert sie über die tote Frau, die ihr als Schutz gedient hatte.

Monatelang weigerte sie sich, über diese unbekannte Frau zu sprechen. Erst kurz vor dem Eurovision Song Contest fasste sie den Mut, deren Mutter zu treffen. „Das war das Beste, was ich tun konnte. Sie hat mich so fest umarmt.“ Diese Begegnung wurde zu einem Wendepunkt in ihrer Heilung.

Von der Angst zur Bühne
Ironischerweise hatte Yuval vor dem 7. Oktober nie öffentlich gesungen, obwohl sie wusste, dass sie alles hatte, um Sängerin zu werden. „Ich hatte Angst zu versagen“, gestand sie. Das Trauma veränderte ihre Perspektive grundlegend: „Als ich draußen war, habe ich mir geschworen, dass ich nie wieder zulassen werde, dass Angst mich daran hindert, etwas zu tun, das ich tun will.“

Der Eurovision Song Contest wurde zu ihrer Bühne der Transformation. Als sie ihre Freundinnen aus der Migunit im Publikum entdeckte, rief sie „Hadar, da bist du!“, und zeigte auf sie. „Und plötzlich habe ich noch zehnmal mehr Energie gefühlt, als ich vorher schon hatte. Denn das alles war für UNS. Das war unser gemeinsamer Sieg!“

Musik als Heilung und Mission
Für Yuval wurde die Musik zu mehr als nur künstlerischem Ausdruck – sie wurde zu ihrer Mission. „Ich habe für alle gesungen, für jede und jeden Einzelnen, die oder der ein bisschen Aufmunterung braucht“, erklärt sie ihre Motivation. Die Verantwortung, die sie zunächst als Last empfunden hatte, wurde zu einer Quelle der Stärke.

Trotz der Bedrohungen, denen sie sich beim Eurovision Song Contest ausgesetzt sah, fühlte sie sich beschützt und stark. „Mein Herz war so voll von Gutem, es fällt mir schwer zu glauben, dass die Seite, die das Abschlachten symbolisiert, einen besiegen kann, wenn dein Herz so voll von Gutem ist.“ Vielleicht besser: voller guter Gefühle oder voller Freude?

 

Blick in die Zukunft
Yuval betrachtet den Eurovision Song Contest nicht als Höhepunkt ihrer Karriere, sondern als einen wichtigen Meilenstein auf einem längeren Weg. „Ich lebe für meine Musik, produziere Singles, gebe Konzerte“, erklärt sie ihre Pläne. Das Publikum, das mit ihr singt und jubelt, gibt ihr die Energie, die sie braucht: „Für diese Momente lebe ich!“

Ihre Zukunftspläne sind ehrgeizig – sie denkt sogar daran, einen Film zu machen. Doch hinter all diesen Ambitionen steht eine tiefere Erkenntnis: „Ich muss dieses Leben, dieses Geschenk, das ich erhalten habe, schätzen. Es ist mir auch von jenen gegeben worden, die nicht überlebt haben.“

Yuval Raphaels Geschichte ist mehr als nur ein Überlebensbericht – sie ist ein Zeugnis der menschlichen Fähigkeit zur Transformation, zur Heilung und zum Triumph über das Trauma. Aus den Trümmern des 7. Oktober erhob sich nicht nur eine Überlebende, sondern eine Künstlerin, die ihre Stimme gefunden hat und sie nun für alle erhebt, die Hoffnung brauchen.

In einer Welt, die oft von Dunkelheit überschattet wird, steht Yuval als lebender Beweis dafür, dass selbst aus den tiefsten Abgründen menschlicher Erfahrung Licht und Schönheit entstehen können. Ihre Flügel, die sie auf der Eurovision-Bühne ausbreitete, sind nicht nur ein Symbol ihres künstlerischen Triumphs, sondern auch ein Zeichen der Hoffnung für alle, die noch im Dunkeln kämpfen.

 


* Das Interview führte Dana Weiss für den israelischen Kanal N12.
** Eine Migunit ist ein im Freien aufgestellter Mini-Betonbunker zum Schutz vor Raketen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here