Die trainierten polnischen Juden

Im israelischen Jewish Sports Museum widmet sich eine Ausstellung der Vielfalt jüdischer Sportvereine in Polen vor der Shoah. Geplant ist eine internationale Tour, auch nach Wien.

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Szapel Rotholc (li.) ging noch 1938 in einem Wettkampf gegen einen deutschen Kollegen als Sieger hervor. © Narodowe Archiwum Cyfrowe

Es war nur wenige Tage nach der Pogromnacht der Zerstörung der Synagogen in Deutschland und Österreich. Am 13. November 1938 besiegte der bekannte polnische Fliegengewicht-Boxer Szapsel Rotholc, genannt „Szapsio“, in einem Länderkampf gegen das Deutsche Reich den deutschen Meister Nikolaus Oberhauser. Rotholc, polnischer Meister 1933 und Bronzemedaillen- Gewinner bei den Europameisterschaften im selben Jahr, hatte zuvor auch schon gegen einen österreichischen Champion gewonnen.

Doch die sportlichen Leistungen sollten ein baldiges, grausames Ende finden. Rotholc rückte gleich bei Kriegsbeginn im September 1939 in die polnische Armee ein. Er wurde später in das Warschauer Ghetto deportiert und gezwungen, dort in der jüdischen Ghetto-Polizei zu dienen. Nach dem gescheiterten Aufstand im Warschauer Ghetto ging er in den Untergrund. 1949 floh Rotholc aus dem kommunistischen Polen nach Kanada, wo er als Pelzhändler arbeitete.

Die Geschichte des Boxers Szapsel Rotholc wird in einer aktuellen Ausstellung im Iris Smith World Jewish Sports Museum in Ramat Gan erzählt: Stärke, Identität, Gemeinschaft. Sie wurde gemeinsam mit der polnischen Botschaft in Israel organisiert, Kooperationspartner sind das Museum der Geschichte der polnischen Juden POLIN und das Museum für Sport und Tourismus in Warschau. Gezeigt wird die Vielfalt der jüdischen sportlichen Aktivitäten und Vereine im Polen der Zwischenkriegszeit. Und die war beachtlich, nicht nur im beliebten Boxsport.

So erwies sich etwa bei der ersten Makkabiade in Tel Aviv im Jahr 1932 die polnische Mannschaft als überaus erfolgreich. Mit insgesamt 368 Punkten errang sie Platz eins unter allen Länderdelegationen. Drei Jahre später schaffte sie immerhin die fünfte Stelle.

Begonnen hatten sportliche Aktivitäten unter polnischen Juden schon viel früher. 1896 wurde etwa der „Jüdische Gymnastik Verein“ in Bielsko gegründet, kurz danach bildeten sich ähnliche Vereine in Lemberg und in Krakau. Zunächst ging es dabei um Turnen und Tourismus, aber bald wagten sich die jüdischen Sportler mit neuen Gründungen in das breite Feld der Wettbewerbe vor: 1907 entstand Hasmonea Lemberg, zwei Jahre später Makkabi Krakau und 1912 Samson Tarnow. Jetzt spielte man auch schon Fußball und betrieb verschiedene Leichtathletik-Disziplinen.

Wirklich los ging es mit dem jüdischen Vereinssport ab der polnischen Unabhängigkeit 1918. Ende der 1930er-Jahre gab es hunderte unterschiedliche Sportklubs im ganzen Land, und sie affiliierten sich mit ebenso unterschiedlichen politischen Bewegungen oder Parteien. Es gab etwa zionistische Sportler und konservative, Sozialisten, ebenso Kommunisten. In den größten Städten konkurrierten Dutzende von Vereinen oder Sektionen miteinander, aber auch in den Regionalzentren und sogar in Kleinstädten fanden sich jeweils vielfältige Gründungen.

Die betriebenen Sportarten zeigten sich ebenso mannigfaltig: Es reichte vom Fußball bis zum Schwimmen, vom Turnen bis zum Schach, vom Tischtennis bis zum Wasserpolo. Und die Klubs waren durchaus sichtbar. Von 1927 bis 1929 spielten zwei jüdische Fußballvereine in der obersten nationalen Liga, Jutrzenka Kraków und Hasmonea Lemberg. Auch Kraftsport spielte eine Rolle. Der legendäre Zygmunt Breitbart, international beworben als „stärkster Mann der Welt“, trat auch in mehreren österreichischen Städten auf. Er starb an einer Infektion im Jahr 1925 – und sollte die Zerschlagung der Vereine und die Ermordung viele Sportler durch die Nazis nicht mehr erleben müssen.

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