Die üblichen Bilder brechen

Am 23. November jähren sich Paul Celans 100. Geburts- und 50. Todestag. Anfang des Jahres veröffentlichte Wolfgang Emmerich sein Buch Nahe Fremde, in welchem er Celans Verhältnis zu Deutschland fundiert und fesselnd auf den Grund geht. Von Lutz Vössing

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Paul Celan: Einblicke in die Psyche eines Schoah-Überlebenden. ©NB-Bildarchiv / www.picturedesk.com

Es sei schwer nachvollziehbar, wie Paul Celan, der ein hervorragender Schwimmer war, sich in der Seine das Leben nahm, konstatiert der 1941 in Chemnitz geborene deutsche Literatur- und Kulturwissenschaftler Wolfgang Emmerich. Dies ist nur eine der vielen scheinbar widersprüchlichen Notizen aus dem Leben Paul Celans, die Emmerich in seinem Buch mit dem bedeutungsschweren Titel Nahe Fremde versammelt. Brillant gelingt ihm auf gut 400 Seiten, Celans Verhältnis zu Deutschland und der deutschen Literaturwelt zu beleuchten, indem er sich der Reihe nach den wichtigsten Personen aus dessen Leben widmet. Dabei zeigt er, wie sich dieses schwierige, schon allein aus historischen Gründen schwer vorbelastete Verhältnis wiederum auf die Beziehungen zu den einzelnen Menschen auswirkte und Celans Leben und Dichtung beeinflusste.

Emmerich gelingt auf den gut 300 Seiten brillant,
Celans Verhältnis zu Deutschland und der deutschen Literaturwelt zu beleuchten.

Es ist ein tiefgreifender Einblick in die Psyche eines die Schoah überlebenden und gegen die Realität in Deutschland ankämpfenden sensiblen Geistes. Dabei legt der Autor viel Wert darauf, mit den üblichen Klischees zu brechen und auch dem Lebensbejahenden des Dichters genügend Raum zu geben. Celan wird hier nicht als Genie verklärt, sondern als Mensch mit all seinen Facetten dargestellt, und dazu gehören bei ihm auch Homophobie und Gewalt in der Ehe. Das Buch arbeitet sich chronologisch an den bekannten Lebensstationen von Celan ab – von seiner Geburt in Rumänien über den Vortrag der Todesfuge vor der literarischen Bohème der jungen Bundesrepublik, die Goll-Affäre, im Zuge derer er – zu Unrecht – des Plagiats beschuldigt wurde und den Besuch in Todtnauberg bei Martin Heidegger bis hin zu seinem tragischen Tod in der Seine. Dabei erweist sich Emmerich als fesselnder Erzähler, der ein Auge für wichtige Einzelheiten hat, die erst im Zusammenhang der Gesamterzählung ihre Relevanz zeigen. Und er macht deutlich, dass es manchmal Einzelheiten sind, die das Bild eines – oft verzerrt und anhand abgedroschener Bilder dargestellten – Menschen erst verständlich machen.

Wolfgang Emmerich: Nahe Fremde. Paul Celan und die Deutschen. Wallstein Verlag 2020, 400 S., € 26

Zwischenstationen. Man erfährt, wie sich durch sämtliche gewollte und ungewollte Zwischenstationen von Celans ereignisreichem Leben die immer wieder aufblühenden und zerbrechenden, zum Teil sehr tiefen Freundschaften und Liebschaften platonischer und erotischer Natur ziehen. Und man nimmt den sein ganzes Leben begleitenden, unterschwelligen und manifesten Antisemitismus wahr, dem Celan in seiner Allgegenwärtigkeit kaum gewachsen war. So gibt Emmerich nicht nur die offensichtlichen Fälle des Antisemitismus wieder, sondern behandelt auch die weniger offensichtlichen Fälle, wie beispielsweise die enge Freundschaft mit Rolf Schroers. Diese vergleicht Emmerich überraschend mit der zu Ingeborg Bachmann, mit der Celan eine längere, intensive Liebesbeziehung führte. Die Beziehung zu Schroers scheiterte letztlich an dessen latentem Antisemitismus.
Nicht zuletzt wird in Nahe Fremde gezeigt, wie es dazu kam, dass sich Celan trotz allem dem Land der ehemaligen SSler und der Schoah widmete. So beschreibt Emmerich ausführlich Celans tiefe Verbundenheit mit der Tradition der Lyrik deutscher Tradition um Hölderlin, die in der frühen Sozialisation durch seine Mutter begründet lag. Diese vererbte Begeisterung und die frühe Überzeugung, selbst ein Dichter zu sein, machen es für Emmerich verständlich, wieso Celan sich nach dem Zusammenbruch des Naziregimes und der Etablierung einer neuen literarischen Sprache der Kahlschlagliteratur doch zurückbezog auf eine Zeit davor, die von Hölderlin, George, Rilke. Ästhetisch ein großer Widerspruch zum Kahlschlag.

Vielleicht braucht es wirklich die dialektische Denkbewegung, um in Celan nicht einen widersprüchlichen Menschen zu sehen.

Die Tradition der großen deutschen Dichter, allen voran Hölderlin, ist es auch, die Celans spätere Korrespondenzen mit vielen, oft noch immer antisemitischen ehemaligen Nazis – allen voran Martin Heidegger – erklären. Dieser und anderen Korrespondenzen räumt Emmerich viel Platz ein und betrachtet jede einzelne gesondert, anstatt ein verallgemeinertes Bild zu zeichnen, das nicht der komplexen Realität entsprechen würde.
Heidegger, der der wohl streitbarste deutsche Philosoph ist und in Bezug auf Celan oft als Beweis für dessen Ambivalenz herangezogen wird, ist – nicht überraschend – auch ein wesentlicher Bezugspunkt in Emmerichs Buch. Das Kapitel dazu nennt der Autor Eine Art Rechenschaft und geht darin dezidiert auf Celans intensive philosophische Studien ein. Man muss den Bezug auf Heidegger demnach als einen philosophischen bezeichnen, den Celan von Heideggers NS-Ideologie getrennt behandelte. Seine Lektüre von Heideggers Sein und Zeit ist nachgewiesen, Hölderlin gilt als gemeinsamer Bezugspunkt.
Nicht nur beschreibt Emmerich die wichtigsten Beziehungen zu deutschen Figuren – auch die der Gruppe 47 – jeweils gesondert. Auch macht er deutlich, dass es stets gewisse Aspekte sind, die den Dichter Celan interessieren, und dieser sich stets der Person, welche ihm gegenüber steht, bewusst ist und mitdenkt, dass er es mit Deutschen zu tun hat, mit Angehörigen des Tätervolkes. Wie auch im Falle Ernst Jüngers, mit dem er letztendlich eine eher opportunistische Beziehung führte. Man muss, und das ist einem am Ende des Buches klar, Celans sogenannte Ambivalenz nicht als Schwäche, sondern als geistige Stärke betrachten. Kein Entweder-oder-Denken, sondern ein Trotzdem.

Keine Frage, Paul Celan wollte in der deutschen Welt reüssieren und nahm solche Verbindungen bewusst in Kauf, nicht aber gänzlich gleichgültig, wie seine Briefe oder die berühmte Eintragung in Heideggers Gästebuch bezeugen. Neben seinen Feinden, mit denen er Kontakt hielt, hatte er aber auch viele Freunde, zu denen er den Kontakt abbrach und anschließend wieder suchte. Das alles sind Geschichten eines hochsensiblen Menschen. Aber auch von einem, der mit äußerst viel Unverständnis auf Seiten seiner Freunde kämpfen musste, die seiner existenziellen Situation als Überlebender nicht genug Ernsthaftigkeit entgegenbrachten. Als einen der wenigen, die die psychischen Folgen der Plagiatsaffäre als lebensbedrohlich sahen, nennt Emmerich Peter Szondi, einen der wenigen Menschen, die Celan zeit seines Lebens verbunden blieben. Denn viele fanden Celans Reaktionen auf antisemitische Vorfälle übertrieben. Jedoch finden auch Celans eigene, zum Teil unverständliche, ausgebliebene Reaktionen darauf Erwähnung. Sie gehören zur äußerst komplexen Persönlichkeit dieses Dichters.
Deutsch war Celans Muttersprache – und zugleich die Sprache seiner Mutter, welche ihm eben jene Deutschen nahmen, denen er sich sein Leben lang als ein Gegenüber sah. Vielleicht braucht es wirklich die dialektische Denkbewegung, um in Celan nicht einen widersprüchlichen Menschen zu sehen. Perfektion versuchte Celan nicht zu erreichen. Vielleicht ist er gerade durch seine Kompromisse und sein Festhalten an seiner eigenen Lyrik besonders radikal: als die von jemandem, der gegen den fast nahtlosen Übergang der Nazizeit in die Bundesrepublik aufbegehrte, der mit seiner Lyrik die Schoah thematisierte und an einem Ideal festhielt, das durch die Nazis im Grunde zerstört worden war.
Einen wichtigen Teil des Buches nimmt schließlich auch Celans tragischer psychischer Untergang ein, den Emmerich als Folge aller ihn quälenden Umstände sieht – und das sind nicht nur die Deutschen, die Täter und die Söhne der Täter, die den Antisemitismus weitertragen.
Celan war einen großen Teil seines Lebens assimiliert in Frankreich, hatte eine Familie, einen Sohn, den er über alles liebte. Doch auch das sollte nicht von allzu langer Dauer sein. Eine psychische Krankheit raubte ihm auch dafür die Kraft.

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