„Die Wahrheit ist das beste Bild“

Der ungarisch-jüdische Fotograf Robert Capa erlangte Weltruhm als Kriegsberichterstatter. Aber er widmete sich auch humoristisch-humanistischen Fotografien jenseits des Krieges.

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Robert Capa im Mai 1937. Fotografiert von Gerda Tarot, die kurz danach von einem Panzer getötet wird. © Wikipedia/GerdaTaro

Ruhig, dezent und architektonisch balanciert wirkt die Villa Bassi Rathgeb auf jene, die sich ihr nähern. Das städtische Museum (Museo Civico) des beschaulichen norditalienischen Kurorts Abano Terme ist hier untergebracht. Zum bevorstehenden 110. Geburtstag und 68. Todestag war hier bis vor Kurzem eine Ausstellung jenem Mann gewidmet, der alles andere als ruhig und ausgeglichen war: Robert Capa, geboren 1913 in Budapest als André Ernö Friedmann, zählt zu den besten Fotoreportern des 20. Jahrhunderts – und zwar als Kriegsberichterstatter. Seine große Bekanntheit verdankt er seinen Aufnahmen von Menschen im Krieg, kämpfend oder leidend. Viele seiner Fotografien sind im öffentlichen Bewusstsein eingraviert und können, ohne zu übertreiben, als Ikonen des kollektiven Bildgedächtnisses bezeichnet werden: Einzelne seiner Aufnahmen stehen als Synonym für den Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939), die Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 oder die Geburt des jüdischen Staates, dessen Entwicklung Capa von 1948 bis 1950 in mehreren Reisen dokumentierte.* Bis er selbst Opfer eines Krieges wurde: Im Auftrag des Life Magazins soll er am 25. Mai 1954 die Evakuierung verwundeter Soldaten aus Dien Bien Phu in Vietnam fotografieren. Dabei tritt er auf eine Antipersonenmine und stirbt mit 40 Jahren. Seine letzten Fotografien zeigen einen Minensuchtrupp bei der Arbeit sowie jenen Wall, auf dem Capa kurz nach der Aufnahme auf die tödliche Mine tritt.

Doch es gab auch den humorvollen, scharfsinnigen Capa, der seine Kamera auf ganz andere Situationen des Lebens richtete. Vornehmlich diesem Aspekt widmete sich die Ausstellung Robert Capa – Fotografie oltre la guerra (Fotografien jenseits des Krieges). Im derzeitigen Alltag – angesichts des grausamen Krieges mitten in Europa – beherrschen einen zwei Gedanken: Man freut sich zwar über die Ablenkung und die schönen Seiten in Capas Leben. Doch plötzlich zuckt man in der Erkenntnis zusammen, in welcher Lebensgefahr Reporter und Fotografen in früheren und gegenwärtigen Kriegen arbeiten.

Robert Capa, als zweiter von drei Söhnen, in eine jüdische Schneiderfamilie geboren, entwickelt schon sehr früh ein politisches Gewissen und engagiert sich im linken Spektrum. Bereits mit 18 Jahren muss er ins Gefängnis, weil er gegen den ungarischen Reichsverweser Miklós Horthy demonstriert hat. Nach kurzer Haft wird er 1931 vor die Wahl gestellt, Ungarn zu verlassen oder vor Gericht gestellt zu werden. Capa emigriert nach Berlin und beginnt ein Studium der Journalistik an der Deutschen Hochschule für Politik. Nebenbei jobbt er als Fotolaborant beim Ullstein Verlag.

Gerda Tarot und Robert Capa in Paris. Fotografiert von Fred Stein. © Fred Stein / dpa Picture Alliance / picturedesk.com

Sein Talent für Fotografie entdeckten zwei Persönlichkeiten, die in der Folge auch zu Capas eifrigen Förderern zählten: Die ungarisch-jüdische Fotografin Éva Besnyö lebte im selben Budapester Haus wie die Familie Friedmann. Sie motivierte ihn, beim Deutschen Photodienst (Dephot) als Assistent anzuheuern. Diese Fotoagentur gründete und leitete der Wiener Simon Guttmann, der 1933 nach Frankreich und später nach London emigrierte, wo er eine eigene Pressefotoagentur betrieb. Bereits 1932 sorgte Guttmann dafür, dass Capa seine ersten Fotos im Berliner Weltspiegel, veröffentlichte: Diese zeigen Leo Trotzki bei einer Rede in Kopenhagen.

Mit der Machtübernahme der Nazis in Berlin floh Robert Capa zuerst nach Wien und schließlich nach Paris. Dort begannen sich im Herbst 1934 die privaten und professionellen Verbindungen zu verflechten. Die Stuttgarter Sozialistin und Jüdin Gerta Pohorylle war ebenfalls nach Paris geflohen, wo sie bald darauf Capas Schülerin und Lebensgefährtin wurde.

Sie hatte auch die Idee zur Namensänderung, um sich für die künstlerische Karriere interessanter zu machen. Robert nahm den Namen seines Bruders Cornell Capa an – und aus Gerta Pohorylle wurde Gerda Taro. In Paris freundeten sich die beiden mit den bereits arrivierteren FotografenKollegen André Kertész, David „Chim“ Seymour und Henri Cartier-Bresson an.

Bereits 1935, also ein Jahr vor dem Militärputsch in Spanien, entsandte Fotoagent Simon Guttmann das junge Paar gemeinsam mit Chim Seymour auf eine Fotoreportage nach Spanien. Mit Ausbruch der Kämpfe 1936 kehrten sie als politisierte Menschen in das geplagte Land zurück. In den folgenden Monaten fotografierten Taro und Capa die Gräuel des Spanischen Bürgerkrieges für verschiedene internationale Zeitungen. Taro war damit die erste Frau, die an einer Kriegsfront fotografierte. Am 25. Juli 1937 wurde sie während eines Angriffs der deutschen Legion Condor von einem Panzer überrollt, als sie aus der Kampfregion flüchten wollte. Ihr Trauerzug in Paris wurde von Pablo Neruda und Louis Aragon angeführt und artete in eine Protestkundgebung gegen den Faschismus aus. Niemand Geringerer als Alberto Giacometti gestaltete ihren Grabstein.

„Wenn deine Bilder nicht
gut genug sind,
warst du nicht nah genug dran!“
Robert Capa

Capas Aufnahmen aus Spanien begründeten seinen weltweiten Ruhm; insbesondere die Fotografie eines fallenden republikanischen Soldaten im Augenblick seines Todes. Dieses bekannteste Einzelbild des Bürgerkrieges avancierte zu einer fotografischen Ikone des 20. Jahrhunderts. Nach dem tragischen Tod Taros reiste Capa 1938 nach China und berichtete über den chinesischen Widerstand gegen die japanische Besatzung. Im Sommer 1939, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, fand noch die Tour de France statt – und im Auftrag von Paris Match fotografierte Capa diese Rumpfveranstaltung mit lediglich 79 Teilnehmern.

„Ungewöhnlich für die damalige Zeit entschied sich Capa, mit einer kleinen 35-mm-Contax-Kamera zu arbeiten, die ihm sowohl die Möglichkeit gab, viel mehr Bilder zu schießen wie auch schneller und flexibler zu sein“, erzählt uns der Ausstellungstext, der damit auch Capas Credo untermauert: „Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran!“

Ingrid Bergman und Hollywood. Als es in Europa brenzlig wird, übersiedelt Capa 1939 in die USA, wo er für die Zeitschriften Time, Life und Collier’s unter anderem in Nordafrika, in Sizilien sowie am Omaha Beach bei der ersten Landung alliierter Soldaten in der Normandie am 6. Juni 1944 fotografiert und dokumentiert. Nach dem Krieg erhält er die amerikanische Staatsbürgerschaft, kehrt aber immer wieder nach Europa zurück. Im Juni 1945 trifft er in Paris Ingrid Bergman, die zur Unterhaltung der alliierten Truppen auf Europa-Tournee ist. Eine große und intensive Liebesgeschichte entsteht und bringt Capa unversehens nach Hollywood, wo Bergman u. a. Filme mit Alfred Hitchcock dreht. In dieser Zeit entstehen nicht nur atemberaubende Aufnahmen des verliebten Capa von der Schauspielerin, sondern auch die witzigsten Fotos von diversen Hollywood-Größen. „Hollywood ist die größte Scheiße, in die ich je getreten bin.“ (Dieses Robert Capa zugeschriebene Zitat stammt aus dem Dokumentarfilm In Love and War.)

1947 zerbricht die Liebesbeziehung, Capa kehrt nach Paris zurück. Gemeinsam mit Henri Cartier-Bresson, David Seymour und George Rodger gründet er Magnum, die renommierteste Fotoagentur der Welt. Als Genossenschaft organisiert, ist sie im Besitz ihrer Mitglieder. Es war ein Zusammenschluss von humanistisch gesinnten Menschen, die sowohl die Rechte der Fotografen wie auch den Respekt und das Verantwortungsgefühl gegenüber der Öffentlichkeit zum Ziel hatten. Bis heute haben 108 Fotografen die Geschichte dieser Agentur geschrieben, u. a. auch die Österreicher Ernst Haas, Erich Lessing und Inge Morath.

Capa fotografiert weiter, vermeidet jedoch zunehmend die Kriegsberichterstattung. Er reist mit dem amerikanischen Schriftsteller John Steinbeck im Auftrag der New York Herald Tribune einen Monat lang durch die Sowjetunion, um das Leben des einfachen Volkes nach dem Zweiten Weltkrieg zu dokumentieren. Sie besuchen Moskau, Stalingrad, Georgien, die Ukraine.

Im Mai und Juni 1948 und erneut 1949 und 1950 begleitet er die Gründung des Staates Israel mit seiner Kamera und wird Augenzeuge der ersten kriegerischen Auseinandersetzungen. Er fotografiert zusammen mit dem israelischen Kollegen Rudi Weissenstein die israelische Unabhängigkeitserklärung in Tel Aviv durch David Ben-Gurion. Unvergesslich sind seine Fotos von der Ankunft jüdischer Flüchtlinge im Hafen von Haifa. Das Foto einer jungen Frau im weißen Kleid, die einen Koffer schultert, während sich ein kleiner Junge an ihrem Rockzipfel festhält, wurde zur Ikone des zionistischen Narrativs. Auf Drängen des Life Magazins kehrt Capa zur gefährlichen Kriegsberichterstattung zurück: 1954 im Ersten Indochinakrieg braucht die Redaktion dringend einen Fotojournalisten – bei diesem Einsatz kommt er ums Leben.

Ihm zu Ehren stiftete der Overseas Press Club of America 1955 die Robert Capa Gold Medal, mit der jährlich die beste Fotoreportage ausgezeichnet wird, die ungewöhnliche Einsatzbereitschaft und besonderen Mut erfordert.

Um das fotografische Erbe von Robert Capa – rund 70.000 Negative – wie auch anderer Fotografen zu bewahren, gründete sein Bruder Cornell Capa 1966 den International Fund for Concerned Photography. Für diese Sammlung richtete er 1974 das International Center of Photography in New York ein. In seinem Nachlass befinden sich seit 2008 auch über 3.000 lange verschollen geglaubte Negative von Capa, Taro und Seymour aus dem Spanischen Bürgerkrieg, die nach dem Krieg von einem General nach Mexiko in Sicherheit gebracht worden waren. Zum Glück, denn Robert Capas Motto bleibt gültig: „Die Wahrheit ist das beste Bild.“

* Aus urheberrechtlichen Gründen können wir leider keine Fotos von Robert Capa hier veröffentlichen.

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