Die zu Unrecht Vergessenen

Der Germanist Albert C. Eibl trägt als Verleger Wesentliches zur Wiederentdeckung jüdischer Autorinnen zwischen 1910 und 1930 bei.

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Albert C. Eibl. „Da hatte ich den präsumptiven Verlagsnamen bereits im Kopf: Das vergessene Buch.“ © Reinhard Engel

Sein strahlendes Lächeln lässt einen Lottogewinn vermuten, doch Albert C. Eibl hält keinen Wettschein in Händen, sondern einen Packen vergilbtes Papier. Ungestüm fächert er die mit einer mechanischen Schreibmaschine getippten Seiten auf: „Das ist die deutsche Originalfassung von Leben verboten, dem Hauptwerk von Maria Lazar aus dem Jahr 1933. Das war vermutlich ihr erster Roman, den sie im dänischen Exil schrieb und der bislang nur in einer gekürzten englischen Fassung unter dem Titel No right to live bei Wishart & Co in London erschienen ist.“
Der Münchner Germanist, Jahrgang 1990, ist zurecht freudig aufgeregt, denn es ist ihm gelungen, seit der Gründung seines Verlages „Das vergessene Buch“ (DVB) 2014 bereits zwei Bücher der jüdischen Wiener Schriftstellerin Maria Lazar der Vergessenheit zu entreißen. Und noch mehr: Jüngst wurde auch ihr Einakter Der Henker erfolgreich am Akademietheater aufgeführt. „Judith Lazar, die Tochter der Autorin, ist jetzt 96-jährig in Northampton gestorben, und so kam ich über einen gemeinsamen Bekannten, Markus Oezelt, zu diesem Typoskript: Es ist eigentlich ein Thriller mit hoher literarischer Qualität und einem tollen Spannungsbogen.“ Leben verboten erscheint im Frühjahr 2020.
Doch wie kommt ein 24-Jähriger auf die Idee, erstens einen Verlag zu gründen und zweitens sich auf großteils vergessene jüdische Literatinnen aus der Zwischenkriegszeit zu spezialisieren?
Eibl war zehn Jahre alt und der Älteste von sieben Geschwistern, als seine Familie nach Varese, Italien, übersiedelte. Nach dem Abschluss des Europäischen Abiturs (EB) an der Scuola Europea di Varese ließ er sich in Zürich nieder und schloss dort einen Bachelor in Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft ab.

»Im Gegensatz zu vielen anderen Kulturschaffenden,
ahnte Lazar schon früh, dass die braune Suppe

nach Österreich schwappen würde.«
Albert C. Eibl

Warum wählte er als Germanist Zürich als Studienort aus? „Zürich hatte eine angesehene Fakultät, ich wollte etwas Neues für mich entdecken – und die Stadt war nicht weit von meiner Familie in Varese.“ Dennoch wurde ihm mit der Zeit Zürich „kulturell zu engstirnig“, und Wien war die nächste Station: „Wien ist die richtige Stadt, wenn man Sehnsucht nach dem Vergänglichen hat“, lacht Eibl, der seinen Master in Deutscher Philologie an der Universität Wien mit Auszeichnung abschloss.
Die Idee, einen Verlag zu gründen, beschäftigte ihn schon in Zürich, dennoch führten erst die atmosphärischen Anregungen in Wien und eine Vorlesung bei Johann Sonnleitner, außerordentlicher Professor für neuere deutsche Literatur an der Universität Wien, zur Konkretisierung seiner Pläne. In dieser Vorlesung zur österreichischen Literatur der Zwischenkriegszeit hörte der deutsche Student zum ersten Mal die Namen Marta Karlweis und Maria Lazar. „Da hatte ich den präsumptiven Verlagsnamen bereits im Kopf: Das vergessene Buch. Nach einem Brainstorming mit meinem Vater, der eine Bibliothek mit 12.000 Bänden Weltliteratur zu Hause hat, und Gesprächen mit einigen Buchhändlern, war ich überzeugt, dass diese nicht verlegten Autorinnen doch eine aufregende Sparte sein könnte, bei der es sich anzusetzen lohnt.“

Nachholbedarf. Albert C. Eibl stellte anfänglich fest, dass die Literatur der Vertriebenen in Deutschland präsent war, aber in Österreich durchaus Nachholbedarf bestand. Er wagte den Sprung ins kalte Wasser, denn er hatte keinerlei Erfahrung als Verleger. Wo fand er die verborgenen Schätze jener Literatur zwischen 1910 und 1930, die er seit fünf Jahren wieder ans Licht bringt? „Ich habe in der Nationalbibliothek das einzige greifbare Exemplar von Maria Lazars aufwühlendem Familienroman Die Vergiftung – ohne Deckblatt – gefunden. Damit bin ich zu Professor Sonnleitner gegangen und haben ihm angetragen, mein Herausgeber zu werden und mit einem Nachwort die Autorin literarisch einzuordnen. Obwohl ich ihm finanziell nichts Aufregendes bieten konnte, machte er mit.“
2014 erschien Die Vergiftung als erstes Buch, 2015 der zweite Roman der gleichen Autorin Die Eingeborenen von Maria Blut. „Dieser Roman spielt in der fiktiven Provinzstadt Maria Blut und schildert auf raffinierte Weise das Heranreifen des Nationalsozialismus in Österreich“, so Eibl. „Im Gegensatz zu vielen anderen Kulturschaffenden, ahnte Lazar schon früh, dass die braune Suppe nach Österreich schwappen würde.“ Sie fand weder in der Schweiz noch hierzulande einen Verlag, der sich traute, den Roman zu veröffentlichen. Das berichtete später ihre Schwester Auguste Lazar, die in der DDR als Schriftstellerin reüssierte: Erst 1958 – zehn Jahre nach dem Selbstmord Marias – wurde er in der DDR, aber nur in einer gekürzten Fassung veröffentlicht.
Der Grazer Germanistin Brigitte Spreitzer verdankt Eibl den Hinweis auf Else Jerusalem: Sie provozierte mit ihrem realistischen Roman aus dem Rotlichtmilieu, der 1909 unter dem Titel Der heilige Skarabäus im S. Fischer Verlag herauskam, einen großen Skandal. „Zwischen 1909 und 1911 erlebte dieser Roman, den ich 2017 publiziert habe, rund 40 Neuauflagen.“

Packen vergilbtes Papier: die deutsche Originalfassung des Hauptwerkes von Maria Lazar, Leben verboten. © Reinhard Engel

Wo sieht Eibl Gemeinsamkeiten dieser österreichisch-jüdischen Autorinnen? „Sie waren assimilierte Jüdinnen, die Religion nicht praktizierten, und trotzdem wurde sie ihnen später zum Problem. Obwohl sie altersmäßig weit auseinander waren, besuchten Else Jerusalem, Marta Karlweis und Maria Lazar die berühmte Eugenie-Schwarzwald-Schule und waren gut vernetzt“, erzählt der Jungverleger. „Im Salon von Maria Lazar fand die erste Lesung von Elias Canettis Stück Hochzeit statt. Hermann Broch, der anwesend war, hat Canetti an den S. Fischer Verlag empfohlen. Das muss man sich erst vorstellen: Der spätere Nobelpreisträger wurde im Wiener Salon der Lazar entdeckt.“
Für das heutige Lesepublikum sei diese Literatur nicht veraltet, weil es literarisch brillante, zeitkritische Panoramen sind, in denen sich die Autorinnen mit satirischer Spitze und ironischem Blick auch mit ihrer eigenen Lebensrealität auseinandersetzen. Auch wenn sie sich mit Frauenschicksalen beschäftigen, kommen diese nicht besser weg als die Männer. Dennoch endet Marta Karlweis’ Verführerroman Ein österreichischer Don Juan von 1929 mit dem Verdikt: „[…] denn in Schuldige und Unschuldige teilt ja ihr Männer die Welt.“
Apropos Männer: Gemeinsam mit dem deutschen Bestsellerautor Alexander von Schönburg (Die Kunst des stilvollen Verarmens) erarbeitet Eibl gerade das zweite Buch, das im Herbst 2020 erscheinen wird – und diesmal ist auch der Autor männlich. Dabei geht es um die Überlebensgeschichte des Carl Lászlo aus dem ungarischen Pécs, der als 20-Jähriger in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau kam und auf abenteuerliche Weise fliehen konnte. Seine unter die Haut gehenden fiktionalisierten Erinnerungen an seine Zeit in Auschwitz veröffentlichte er im Selbstverlag 1955 unter dem düster-ironischen Titel Ferien am Waldsee.
Nach dem Krieg etablierte sich Lászlo erfolgreich als Psychoanalytiker und Kunstsammler in Basel. Auch dieses Buch ist seit seinem erstmaligen Erscheinen zu Unrecht völlig in Vergessenheit geraten.
Ist das Verlagswesen ein luxuriöses Hobby, oder kann man davon leben? „Mittlerweile ist es kein Verlustgeschäft“, erzählt der risikofreudige Jungunternehmer. „Ich komme auf einen ganz ordentlichen Stundenlohn, weil ich im Schnitt pro Woche nur einen Arbeitstag dafür einsetze. Die Bücher tragen sich selbst, ich hatte das Glück, dass sie gut rezensiert wurden. Ich bin auf keinem Buch sitzen geblieben, im Gegenteil, einige gibt es bereits in zweiter Auflage.“
Zusätzlich arbeitet Eibl für andere Verlage, z. B. betreute er zuletzt das Marketing und die Öffentlichkeitsarbeit für eine Alexander-von-Humboldt-Gesamtausgabe für dtv. Gleichzeitig arbeitet Eibl an seiner Dissertation.
„Ich möchte nicht nur in einer Sparte aktiv sein. Wenn ich jetzt verlegerisch tätig bin, dann will ich gleichzeitig meine germanistische Ausbildung voranbringen. Da mich die Zwischenkriegszeit und der Nationalsozialismus interessieren, promoviere ich über Ernst Jünger in der Zeit des Dritten Reiches. Dabei geht es um Zensurpolitik und ‚verdeckte Schreibweise‘.“
Längerfristig hat Albert Eibl noch ein Ziel: „Ich würde Das vergessene Buch gerne als Imprint für einen größeren Verlag aufbereiten. Da würde ich vier bis acht Bücher pro Jahr unter meiner Marke machen, aber mit einem viel breiteren Vertriebsnetzwerk. Das würde meinen literarischen Wiederentdeckungen ganz andere Möglichkeiten eröffnen.“

Link zur Vorbestellungsseite: http://dvb-verlag.at/book/leben-verboten/

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