„Diese Gemeinde bietet Vielfalt in der Einheit unter einem Dach“

Oberrabbiner Jaron Engelmayer spricht über seine Vorfreude auf die neuen Aufgaben sowie seine Erfahrungen in der Jugendarbeit und stellt die gemeinsame Suche nach Lösungen über ein von oben verordnetes Leben.

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Oberrabbiner Jaron Engelmayer. „Gegangen bin ich mit dem Gedanken an die Kandidatur, weil mich das Erlebnis zu den Feiertagen sehr berührt hat.“ © Stefan Volk / laif / picturedesk.com

Wina: Letztes Jahr waren Sie zu den Hohen Feiertagen als Gastrabbiner im Wiener Stadttempel eingeladen. Ihrem Auftreten und Ihren Draschot wurde höchstes Lob zuteil. Sie verbrachten gemeinsam mit Ihrer Familie die Feiertage in Wien. Kam Ihnen schon damals der Gedanke, dass Sie hier vielleicht die Position des Oberrabbiners anstreben könnten?
Jaron Engelmayer: Gekommen bin ich als Gastrabbiner und mit keinem anderen Gedanken. Gegangen bin ich mit dem Gedanken an die Kandidatur, weil mich das Erlebnis zu den Feiertagen sehr berührt hat. Das hat dazu geführt, dass ich mir die Kandidatur zu überlegen begonnen habe.

Was waren Ihre Motive, sich für diese Position zu bewerben?
I Zunächst einmal das Gefühl zusammenzupassen. Die IKG Wien ist eine wunderbare Gemeinde, sie bietet Vielfalt in einer Einheit unter einem Dach. Sie verfügt über eine starke Infrastruktur und ein bewusstes, gelebtes Judentum. Das sind sehr interessante und schöne Vorteile.

Was sagte Ihre Familie dazu, dass sie Israel verlassen müssen, um wieder in der Diaspora zu leben?
I Zuerst einmal mussten wir uns alle an den Gedanken gewöhnen, dass wir das Leben, das wir uns in Israel aufgebaut haben, verlassen. Wir sind eine zionistische Familie und bleiben das auch. Aber inzwischen haben wir uns auf die neue Situation eingestellt und sind voller positiver Erwartung. Das darf ich auch im Namen der Familie sagen.

Sie sind orthodox und haben sich in Köln auch in der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands (ORD) engagiert. Jene Personengruppen, die im Wiener Stadttempel beten, gehören zum Großteil den liberalen oder traditionellen Strömungen des Judentums an. Wie streng religiös werden Sie Ihr Amt anlegen?
I Den Begriff „ein orthodoxer Sympathisant“ hat ein geschätzter Kollege geprägt, gemeint ist damit Folgendes: Ich lebe nicht orthodox, aber die Synagoge, in die ich meistens nicht gehe, soll orthodox geführt sein. Das ist eine sehr zutreffende Beschreibung: Man ist zwar liberal, sucht aber das authentische Judentum, das sich an die Tradition hält, das die Halacha als großen Leitfaden des Judentums über die Jahrhunderte und Jahrtausende verankert sieht.
Ich habe in meiner Laufbahn immer genau diese Gemeinden gesucht und gefunden, sowohl in Deutschland wie auch in Israel. Ich suche nicht die religiösen Gemeinden, denn meine Freude und Genugtuung ist es, sich mit Am Israel (dem Volk Israel) verbinden zu können in vielen verschiedenen Facetten. Ich empfinde das als etwas, das zusammengehört. Auch wenn es manchmal schwierige Fragestellungen oder Situationen gibt, ist es eine lohnende Herausforderung, das halachisch leiten zu können und damit zu versuchen, dies alles unter einen Hut zu bringen.

»Ich suche nicht die religiösen Gemeinden,
denn meine Freude und Genugtuung ist es,
sich mit Am Israel (dem Volk Israel)
verbinden zu können
− in vielen verschiedenen Facetten.«

Ist das machbar und realistisch?
I G-tt sei Dank hatte ich sehr gute Lehrer, darunter auch mein großes Vorbild Rav Nachum Elieser Rabinovitch, Leiter der Talmud-Hochschule, Rosch-Jeschiwa von Birkat Mosche in Ma’ale Adumim bei Jerusalem. Er ist leider im Mai 2020 verstorben. Er war als halachischer Gelehrter weltweit anerkannt, und es war bezeichnend für ihn, immer auf die Bedürfnisse der Gemeinde einzugehen, ihre Probleme nie zu ignorieren. Er hat die Fragesteller ernst genommen und versucht, auch mittels der Halacha vereinbare Wege zu finden.
Das ist für mich ein wichtiger Leitfaden: einerseits, die Richtlinien der Halacha nicht zu verlassen, sonst würde ich mich ja als orthodoxer Rabbiner verleugnen; aber andererseits zu schauen, wie man gemeinsam Lösungen findet und so dem Anliegen der Menschen ebenfalls gerecht wird. Wenn Rav Rabinovitch gesehen hat, dass er laut Halacha etwas erleichtern kann, dann hat er das gemacht, ohne nach links oder rechts zu schauen. Das war großartig. Falls das aber nicht möglich war, wusste ich, da verläuft die Grenze, und wir müssen damit leben. Rav Rabinovitch war eine der anerkanntesten halachischen und spirituellen Größen der modernen Orthodoxie und des religiösen Zionismus der letzten Jahrzehnte.
Einer seiner berühmtesten Schüler war der langjährige britische Oberrabbiner Jonathan Sacks.

Wie wollen Sie die sogenannten „Drei-Tages-Juden“, also jene, die nur zu Rosch ha-Schana und Jom Kippur in den Tempel kommen, animieren, auch während des gesamten Jahres die Synagoge aufzusuchen?
I Eine Zauberformel gibt es dafür nicht, mit Abrakadabra wird es nicht gehen. Aber man kann vieles anbieten, damit sich die Menschen angesprochen fühlen. Hilfreich ist eine gute Atmosphäre, die man nur über persönlichen Kontakt herstellen kann, damit man sich sozial, intellektuell und spirituell gut aufgehoben fühlt. Meine bisherige Erfahrung zeigt, dass zielgruppenorientierte Projekte, die den Menschen auch sinnvoll erscheinen, erfolgreich sind.

Wie stehen Sie zur viel diskutierten Thematik der Bat-Mizwa-Zeremonie für Mädchen auf der Bima?
I Im Vordergrund steht das völlig legitime Bedürfnis, dass für die Bat Mizwa etwas Ebenbürtiges wie bei der Bar Mizwa stattfindet, wodurch man anzeigt, dass das Kind jetzt als reife erwachsene Person in die Gemeinschaft aufgenommen wird und das auch in der Synagoge zur Geltung kommt. In Köln hat man schon einen Modus Vivendi gefunden, und soviel ich weiß werden auch in Wien Zeremonien ermöglicht. Ich finde es gut, dass es bereits eine Basis gibt, auf der man aufbauen kann. Soweit ich gehört habe, wurde das in Wien bisher gut aufgenommen.

Welche Lösung hat man in Köln gefunden?
I In Köln begleiten die Gabbaim, also die Mitglieder des Tempelvorstands, das Mädchen von der Frauenempore zur Bima, wo sie dann eine Rede vor der gesamten Gemeinde hält. Ich habe in Köln auch darauf hingewiesen, dass außer dem Rabbiner einzig das Bat-Mizwa-Mädchen diesen speziellen Status hat. Die Burschen lesen zwar aus der Thora, halten aber keine Rede. Das finde ich schön, und das ist im Rahmen der Halacha absolut zulässig.

Sie sind als Oberrabbiner einer Einheitsgemeinde auch für die anderen Bethäuser und orthodoxen Stibel zuständig. Werden Sie sich in der zionistischen Misrachi oder in der orthodoxen Grünangergasse nicht wohler fühlen als im Chor-bestückten Stadttempel?
I Ich hoffe, mich in vielen Synagogen wohlfühlen zu können und zu dürfen. Der Stadttempel ist der angestammte Platz des Oberrabbiners, und ich hoffe, dass wird auch mein Zuhause. Den Wiener Chor habe ich zu den Feiertagen sehr genossen, denn ich bin großteils mit Chorgesang aufgewachsen: Mein Vater singt heute noch im Tempelchor in Zürich.
Ich hoffe natürlich, auch in anderen Synagogen Wiens zu beten, aber ich werde mich sicher nicht in die Interna woanders einmischen, denn meine Zuständigkeit liegt im Stadttempel und diese Aufgabe ist groß genug.

Haben Sie konkrete Vorstellungen, wie man die Jugend an die Religion und ihre Gesetze stärker anbinden könnte?
I Auch hier ist der Ansatz zur gemeinsamen Suche ganz wichtig. Man muss sich zusammensetzen und schauen, was man machen kann und möchte. Mit vorgefertigten Plänen zu kommen und diese den Menschen von oben herab zu verordnen, daran glaube ich nicht. Man kann die Dinge nicht alleine auf die Beine stellen, das funktioniert nicht. Es gilt, im persönlichen Austausch die individuellen Interessen zu erkunden, dann hat man als Rabbiner vielleicht die Chance, das im weiteren Sinn in das Judentum zu verpacken und anzubieten. Auf unserem ersten Posten in Aachen haben wir, meine Frau und ich, sehr gute Erfahrungen mit Studenten gemacht. Wir haben in kleinen Gruppen angefangen und sind ständig gewachsen. Als wir nach drei Jahren Aachen verließen, hatten sich die Studenten schon alles alleine organisiert, nur weil sie das Sinnvolle begeisterte.

Wird die aktuelle und nicht absehbar zu Ende gehende Corona-Krise unser Leben maßgeblich beeinflussen?
I Ja, ich glaube schon. Erstens hoffen und beten wir dafür, dass die Krise zu Ende geht und dass ein Mittel zum Schutz aller gefunden wird. Ein Teil der Veränderungen, die stattgefunden haben, werden bleiben, aber ich bin da kein Experte. Aus religiöser Sicht kann ich nur sagen, dass ich hoffe, dass das Schlechte vergeht, aber man vielleicht positive Änderungen, die man sich für die persönliche Ebene vorgenommen hat, doch in die Zukunft retten wird können.

Repräsentieren Sie gerne? Wird Ihnen das öffentliche Auftreten auch Spaß machen?
I Zunächst einmal ist es eine große Ehre, so etwas machen zu dürfen, Und dort, wo Wohlwollen vorhanden ist, macht es auch Freude.

Jaron Engelmayer
wurde 1976 in Zürich geboren, wo er auch das Gymnasium besuchte. Er studierte in den USA an der Yeshiva University New York und in Israel, wo er auch den Militärdienst leistete. Ab 1996 lernte er an der Jeschiwat Birkat Mosche in Ma’ale Adumim und erhielt 2002 seine Smicha. Sie trägt die Unterschriften der beiden damals amtierenden Oberrabbiner von Israel, Bakshi Doron und Meir Lau.
2004 schloss Engelmayer sein Pädagogikstudium ab und arbeitete als Lehrer an der Lauder-Midrascha in Frankfurt, bis er 2005 Rabbiner in Aachen wurde. 2008 ging er nach Köln. Von 2008 bis 2012 war er Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) und danach Mitglied des ORD-Vorstandsbeirats.
Anfang 2015 übersiedelte Engelmayer mit seiner Frau und fünf Kindern nach Israel, wo er Rabbiner der Gemeinde Karmiel wurde. Er spricht Hebräisch, Englisch, Deutsch, Jiddisch, Italienisch, Russisch und Französisch.

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