„Diese Geschichte gehört hier in Wien auf die Bühne. Punkt. Basta.“

Autorin Shelly Kupferberg über die Dramatisierung ihres an das Schicksal eines Vorfahren angelehnten Bestsellers Isidor. Ein jüdisches Leben am Wiener Akademietheater und welch späte Genugtuung damit verbunden ist.

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Shelly Kupferberg, 1974 in Tel Aviv geboren, lebt seit ihrer Kindheit in Berlin. Die Journalistin und Moderatorin hat sich in ihrem Buchdebüt auf die Spurensuche nach ihrem Urgroßonkel Isidor Geller begeben. © Heike Steinweg

WINA: Wir haben bereits anlässlich des Erscheinens Ihres Buchdebüts 2022 ein schönes Gespräch geführt. Hätten Sie sich damals gedacht, dass es Isidor einmal auf die Burgtheaterbühne schafft?

Shelly Kupferberg: Überhaupt nicht, nein! Ich hatte gar keine Erwartungen, als das Buch erschien, umso schöner war die beachtliche Resonanz. Dass es ein Bestseller und in mehrere Sprachen übersetzt wird, hat niemand erwartet, und schon gar nicht, dass ein Haus wie das Burgtheater sich dafür interessiert. Philipp Stölzl, der Regisseur, kam schon vor Längerem auf mich zu. Er meinte, es sei eine so wienerische Geschichte, er wolle sie für die Burg vorschlagen, ob ich etwas dagegen hätte. Ich fand es natürlich großartig und wusste gar nicht, wie mir geschah.

Isidor erzählt vom Schicksal Ihres Urgroßonkels, der es, aus ärmsten Verhältnissen in Galizien stammend, in Wien zu märchenhaftem Aufstieg und sagenhaftem Reichtum gebracht hatte. Ein Selfmade-Man, Jurist, Dandy, Börsenexperte, Kunstsammler, Mäzen, Womanizer, vielleicht auch Hochstapler, jedenfalls eine schillernde Figur mit tragischem Ende im nationalsozialistischen Wien. Eigentlich ein sehr dramatischer Held. Im Buch ist er nicht immer nur sympathisch gezeichnet. Hat man dieses Charakterprofil für die Bühne beibehalten oder ihn gleichsam weichgezeichnet?

Das ist eine gute Frage. Es gibt jetzt eine Textversion von Caroline Bruckner, Philipp Stölzl hat mitgearbeitet und ich durfte auch ein bisschen schleifen. Bei einem Stück, das es ja noch nicht gab, kann man noch etwas kneten. Da stellt sich auch die Frage, wie zeichnet man diesen Isidor. Es ist schon eine Figur, die man liebhaben soll, aber mir war es ein Anliegen, ihn zutiefst menschlich zu zeigen, weil ja alle Menschen nicht nur sympathische Eigenschaften haben. Seine leicht hochstaplerischen oder autoritären Züge hängen auch davon ab, wie der Hauptdarsteller Stefko Hanushevsky den Isidor gestaltet. Er kann das Filouhafte sehr gut verkörpern, ich fände es aber schon gut, wenn auch das Kalte, Kalkulierende durchkommt.

Zuletzt hatten Sie mir erklärt, Fotos im Buch hätten Sie abgelehnt, denn der Text sollte „ein Kino im Kopf auslösen“. Wie stehen Sie jetzt zur Visualisierung auf der Bühne? Wenn man Isidor im Theater sieht, wird er sich ja mit diesem Bild einprägen.

I In dem Fall bin ich großzügig (lacht)! Natürlich haben Sie recht. Gleichzeitig ist es wunderbar, dass er jetzt eine Variation als wahre Person eingehaucht bekommt. Ich bin vor allem dankbar.

„Vielleicht schauen sie uns
von irgendwo zu und können
es selbst kaum fassen.“

Die Dramatisierung haben Sie in die Hände von Caroline Bruckner gegeben. Wie viel Mitspracherecht hatten Sie da noch? Immerhin sind Sie zum Probenbeginn nach Wien gekommen.

I Stölzl fragte mich anfangs, ob wir das gemeinsam machen sollten. Ich habe noch nie Theater gemacht, wollte es aber gern probieren, und so haben wir gemeinsam einen Plot und einzelne Szenen entwickelt, aber im Detail überstieg es meine Kompetenzen und auch meine Zeit, denn meine Arbeit als Journalistin geht ja weiter. Und so gaben wir es Caroline Bruckner, die sich nur diesem Projekt widmete, natürlich mit gemeinsamem Mitspracherecht. Sie arbeitete über ein Jahr daran, und es ging so zwischen uns hin und her.

Ich nehme an, Isidors letzte Liebe, die zu ihrer Zeit berühmte ungarische Sängerin und Filmstar Ilona Hajmássy, spielt eine wesentliche Rolle.

I Ja, Stölzl interessiert vor allem diese Beziehung, und er wollte die Geschichte anhand des Paares erzählen. Für mich fühlt sich das Ganze wie eine Familienaufstellung an. Auch der Prozess der Theaterwerdung war eine Art Familienaufstellung. Du nimmst eine Figur aus dem Buch, stellst sie in anderen Konstellationen auf die Bühne und schaust, was hat die eine mit der anderen zu tun. Die Personage wurde ein bisschen eingedampft, wobei das Ensemble doch ziemlich groß ist, und viele spielen mehrere Rollen.

Das Buch ist im Schweizer Diogenes Verlag und somit auf quasi neutralem Boden erschienen. Mit der Dramatisierung kehrt Isidor nun nach Wien zurück. Nur hier konnte sich von der Jahrhundertwende bis zum Nationalsozialismus „ein jüdisches Leben“ wie das seine vollziehen. Was erwarten Sie von diesem Resonanzraum?

I Ich hatte großes Glück, dass dieses Buch vor dem 7. Oktober 2023 herauskam. Es wäre danach komplett anders, wenn überhaupt rezipiert worden. Und es wären andere Fragen gestellt worden. Ich hatte zirka 200 Lesungen, aber die Frage nach dem Nahostkonflikt kam so gut wie nie. Schwerpunkt war das plötzliche Zerbröseln der demokratischen Strukturen, der große Raubzug der Nazis, die auch materielle Vernichtung der Juden, das war für viele Neuland, insofern lag das Interesse ganz woanders. Nun haben wir andere Zeiten und andere Debatten. Wie das jetzt gelesen wird, ist für mich noch eine große Frage. Das Burgtheater hat gesagt, diese Geschichte gehört hier in Wien auf die Bühne. Punkt. Basta. Ohne Wenn und Aber. Das Verbrechen fand hier statt, und dem wollen wir uns stellen. Dieses klare Bekenntnis hat mich sehr gefreut, was aber noch nicht heißt, dass das Publikum oder die Kritik das so sehen.

„Das Verbrechen fand hier statt,
und dem wollen wir uns stellen.“
Shelly Kupferberg

Isidors von ihm sehr geförderter Neffe war Ihr Großvater, der österreichisch-israelische Historiker Walter Grab, der, wie er selbst sagte, 1938 aus Wien „herausgeschmissen“ wurde und nach Palästina keineswegs als Zionist ging. Ihre Mutter hat mir das einmal eindrücklich erzählt. Können Sie sich vorstellen, was er zu seiner späten Burgtheaterkarriere gesagt hätte?

I Ach, das hätte ich zu gern gewusst. Meine Mutter sagt ja dauernd, wenn der Walter das noch erlebt hätte, er wäre vor Glück zersprungen. Ich habe mir nochmals alte Interviews mit ihm aus den Rundfunkarchiven angehört, er war ja durch und durch Wiener, und an einer Stelle sagt er: „Wie oft war ich im Burgtheater, im Akademietheater und in der Volksoper!“ Er war als junger Mann ständig am Stehplatz. Ich bin ja kein besonders religiöser Mensch, aber vielleicht schauen sie uns von irgendwo zu und können es selbst kaum fassen. Ich habe Walters tiefe Hassliebe zu dieser Stadt noch erlebt, nichts konnte ihn so sehr rühren wie Wien und die deutschsprachige Kultur. Ich fühle mich so beglückt für ihn und Isidor.

Was bleibt von einem Menschen, wenn nichts von ihm bleibt? Diese Frage motivierte Sie, die Geschichte Ihres kinderlosen Urgroßonkels Isidor Geller zu recherchieren. Dabei sind Sie auf erstaunlich viel Material gestoßen. Unter anderem eine Aufstellung seines beträchtlichen Vermögens, von dem so gut wie nichts restituiert wurde. Nun ist aber doch sogar recht viel von ihm geblieben. Eine späte Genugtuung?

I Ja, das ist es. Er ist ja präsent, wie ich es nie geahnt hätte. Sein Leben hat mein Leben verändert. Ich bin jetzt eine Autorin, die ihr zweites Buch geschrieben hat, die als Schriftstellerin Einladungen erhält, was ich mir nie erträumt hätte. Ich habe all das nicht gesucht, aber es hat mich gefunden und mein Leben bereichert. Letztendlich ist Isidor daran schuld, und das ist auch eine Form der „Restitution“. Den Menschen, über die ich schreibe, nützt das natürlich überhaupt nichts, aber ich merke, das Publikum lässt sich von diesen prallen Lebensgeschichten berühren, erst relativ spät kommt ja dieses dunkle Loch der Shoah. Wenn man es schafft, Menschen zu berühren, und man miteinander sehr ehrlich ins Gespräch kommt, ist das eine sehr konstruktive Art der Erinnerungsarbeit, und dann ist auch hoffentlich etwas gewonnen. Immerhin.

Die Suche nach den Wurzeln in der so genannten „Dritten Generation“ hat in den letzten Jahren zu einer Flut meist tragischer jüdischer Familienerzählungen geführt. Die meisten verschwinden allerdings recht bald wieder vom Buchmarkt. Man hat das Gefühl, es ist ein Sättigungspunkt erreicht. Was zeichnet Isidor da besonders aus?

I Ich habe dafür keine Erklärung, mir wird nur oft gesagt, es ist so schön, dass Sie nicht so moralisierend daherkommen. Es war auch nicht mein Anspruch zu belehren.

Meine Vermutung wäre, dass Isidor eine doch sehr saftige, schillernde Gestalt ist und seine jüdische Emanzipationsund Aufstiegsgeschichte, die für diese Zeit keineswegs untypisch ist, auch als eine Art Heldenstück rezipiert wird.

I So sehe ich ihn auch. Vielleicht etwas ungewöhnlich ist, dass sich dann die Urgroßnichte diesen Typen raussucht, also eine gewisse Distanz da ist; man ist emotional nicht mehr so verstrickt. Trotzdem ist, wie wir wissen, die Vernichtung bis heute in jüdischen Familien spürbar. Als europäisch-jüdischer Mensch mit Shoah-Erfahrung in der Familie hast du nicht die Wahl, ob du dich damit befassen möchtest oder nicht. Du musst es, weil diese Erfahrung, die Konsequenzen der Verfolgung und Vertreibung in die Familie eingeschrieben sind. Im Gegensatz zu nichtjüdischen Täter- und Opfergeschichten. Da können Nachfahren sagen, sie wollen sich nicht mehr damit befassen. Sie haben die Wahl. Juden haben sie nicht. Das ist ein ganz großer Unterschied in der Wahrnehmung.


INFOKASTEN
Isidor. Ein jüdisches Leben
Nach dem Roman von Shelly Kupferberg.
Regie: Philipp Stölzl
Akademietheater, ab 28. Februar

Shelly Kupferberg:
Isidor. Ein jüdisches Leben. Diogenes 2022,
256 S., € 24,70

ISIDOR. EIN JÜDISCHES LEBEN

„Mein Urgroßonkel war ein Dandy. Sein Name war Isidor. Oder Innozenz. Oder Ignaz. Eigentlich aber hieß er Israel.“

Mit diesem Auftakt stimmt Shelly Kupferberg bereits den Ton ihres Buchdebüts an, das kein Roman im eigentlichen Sinn ist. Die Faszination, die Isidors Lebensgeschichte auf sie ausübt, wird darin durchgehend spürbar.
Geboren und aufgewachsen im tiefsten Galizien in einer blutarmen orthodoxen Familie, der Vater ein Talmudgelehrter, besucht Israel wie seine Brüder den Cheder, bildet sich aber schrittweise und indem er sich immer weiter von seinem Heimatort entfernt, schulmäßig weiter. In Wien mutiert er nach seinem Jusstudium schließlich zu Dr. Isidor Geller, der Startschuss für seine Karriere. Im Ersten Weltkrieg durch Aktienspekulationen steinreich geworden, wird er Kommerzialrat und berät sogar den österreichischen Staat. In der Beletage eines Stadtpalais in der Canovagasse, ausgestattet mit erlesener Kunst und stilvollem Mobiliar, lädt er jeden Sonntag zu einem Mittagstisch, ein gesellschaftlicher Fixpunkt, bei dem er auch seinen bildungsbeflissenen Neffen Walter stolz vorführt. Seine Geschwister und seine Mutter hat er längst nach Wien geholt und unterstützt sie großzügig. Zweimal verheiratet, geschieden, kinderlos und ein Womanizer, fördert er mit seinen Mitteln und Kontakten auch seine Geliebte, die ungarische Sängerin Ilona Hajmássy, die in Hollywood zum Star wird, während es mit Isidor rapide bergab geht. Nach Hitlers Einmarsch verraten ihn seine Hausangestellten, er wird verhaftet, überschreibt unter Druck den Nazis seinen gesamten Besitz und stirbt als gebrochener Mann 52-jährig am 17. November 1938 an den Folgen der Folterhaft in seiner Wiener Wohnung.
Um dieses Zentralgestirn ihres charismatischen Uronkels herum, gruppiert Shelly Kupferberg andere authentische, aber teilweise auch fiktive Geschichten, die Zeitgeist, Milieu und Atmosphäre rund um Isidors Biografie abrunden. Auch Shellys Großvater Walter Grab, dem die Flucht nach Palästina gelang, zu der er seinen Onkel nicht überreden konnte, ist einer der Helden dieser empathisch erzählten Familiengeschichte.

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