WINA: Am heutigen Standort der AK Wien befand sich von 1938 bis 1943 die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“. Sie war, unter der Leitung von Adolf Eichmann, die Schaltstelle der systematischen Beraubung sowie der Vertreibung und Ermordung österreichischer Jüdinnen und Juden. Von hier aus organisierte die Zentralstelle die Deportation von über 49.000 Männern, Frauen und Kindern aus Wien. Als Zeichen der Erinnerung initiierte die AK Wien 2021 einen künstlerisch-wissenschaftlichen Ideenwettbewerb für die Gestaltung einer zeitgemäßen Installation im Foyer des AK-Hauptgebäudes. Von den zwölf Einreichungen hat sich die Jury einstimmig für Ihr Konzept der Dauerausstellung Schaltstelle des Terrors entschieden. Sie sind beide Nachgeborene von Schoa-Überlebenden, warum wollten Sie sich dieses schreckliche Thema antun?
Arye Wachsmuth: Die Geschichte des historischen Ortes während der NS-Zeit kannten wir. Hierzu gab es eine Vorgeschichte: 2015 fragte uns Wolfgang Schlag von den Wiener Festwochen, ob wir für eine Gruppenausstellung die Tätergeschichte des „Hotel Metropol“, dem berüchtigten Gestapo-Hauptquartier am Morzinplatz im Ersten Bezirk, aufarbeiten wollen. Damals haben wir uns gefragt: Können wir uns als Nachfahren des Holocaust diesem Thema widmen, und wenn, wie? Auf keinen Fall sollte es eine Leerstelle bleiben, und so wagten wir uns daran.
Sophie Lillie: Das haben wir gemacht, und die Recherche für das Festwochen-Projekt zeigte uns, dass gar nicht wenige der „erfahrenen“ Mitarbeiter:innen aus der „Eichmann-Zentralstelle“ nach deren Schließung 1943 für den Gestapo-Betrieb am Morzinplatz übernommen wurden. So hatten wir schon einige Lebensläufe am Radar. Die Ausstellung am Morzinplatz war temporär, dort gibt es von den Gebäuden auch keine Spuren mehr. Daher gibt es keinen anderen vergleichbaren Täterort in Wien als die Prinz- Eugen-Straße 20–22.
Mit Ihrer Entscheidung, an diesem historischen Ort den Fokus auf die Täter und Täterinnen im Mitarbeiterstab Adolf Eichmanns zu lenken, haben Sie sich als jüdische Historikerin und als jüdischer Künstler die Aufgabe noch erschwert: Im Zentrum der Installation finden sich 30* biografische Abrisse, die den privaten Hintergrund und beruflichen Werdegang einzelner Mitarbeiter:innen der Zentralstelle und ihrer Karrieren im NS-Regime darstellen. Welche Botschaft möchten Sie beide durch Ihre aufwändige historische Forschung aussenden, bei der Sie über 40.000 Dokumente ausgewertet und insgesamt rund 60 Mitarbeiter:innen nachweislich identifiziert haben?
SL Die Botschaft der Installation ist eindeutig und klar: Der Terror fand im Herzen der Stadt, vor den Augen aller statt. Nichts war anonym oder gesichtslos. Die bereitwilligen Unterstützer:innen des Nationalsozialismus waren Männer und Frauen mit Namen und Anschrift, die sich ohne Skrupel über alle Regeln des persönlichen Anstands hinwegsetzten und bar jeder Humanität handelten. Das muss man aufzeigen: Wenn man konkrete handelnde Täter und Täterinnen nicht benennt, dann relativieren sich die Verbrechen.
Arye Wachsmuth, unter einer der riesigen Infoschriften an der Wand hängt ein Glasobjekt von Ihnen, ist das eine Metapher für die Schoa?
AW Ja, mit schwarzem Abgrund, denn der Holocaust entzieht sich allen Beschreibungen und Darstellungen – weist gleichzeitig aber auf Terror, Unmenschlichkeit und Zerstörungswillen hin. Auch eine Karte genau gegenüber schafft mit den Zielorten von Deportationen aus Wien schließlich eine topografische Verbindung zum historischen Ort.
„Die Botschaft der Installation ist eindeutig und klar:
Der Terror fand im Herzen der Stadt, vor den Augen aller statt.“
Sophie Lillie
Soll die Installation insgesamt als Gegengift wirken?
SL Uns war besonders wichtig, nichts zu beschönigen, keine Euphemismen zu verwenden, weil ja bekanntlich die Österreicher diese Zeit gerne als ein „dunkles Kapitel der Geschichte“ umschreiben, so als wäre das etwas Ungreifbares, weit in der Vergangenheit geschehen, nach dem Motto, da kamen irgendwelche Deutsche, und die waren Nazis – aber wir haben nichts gewusst und gesehen. Das öffentliche Gedenken an die NS-Zeit versteckt sich zu oft hinter den Opfern – da man ja selbst nur Opfer war. Daher war für uns klar, dass wir einen öffentlich zugänglichen Lernort gestalten wollen, der sich an ein breites Publikum richtet und die Verantwortlichen für den Terror klar benennt. Mit großem Respekt vor den Opfern wird der Blick auf jene Männer und Frauen gerichtet, die Verbrechen ausführten und den größten persönlichen Profit aus dem Untergang der jüdischen Bevölkerung zogen.
AW Künstlerisch war das gar nicht so leicht umzusetzen: Da das AK-Foyer nur begrenzt Platz hat, war es uns wichtig, in dem, was wir hier tun, die maximale Eindeutigkeit zu erlangen. Das haben wir durch vier Begriffe strukturiert: Entrechtung, Enteignung, Deportation, Ermordung. Auch der Jury gefiel das, denn sie schrieb: „In einer Art ‚Nachschlagwerk‘ ist die Aufbereitung sehr bewusst in einer zurückhaltenden Form gestaltet, die gleichermaßen eine Verklärung der Täter vermeidet und die Opfer vor voyeuristischen Blicken zu schützen trachtet.“ Das war auch für uns die Bestätigung, dass es der richtige Zeitpunkt war, so etwas in Österreich zu machen.

BILD: Olga Tenger und ihr Enkel Alex, der Vater von Wachsmuth, um 1930. Tenger konnte trotz Vormerkschein nicht mehr gerettet werden und wurde 1942 in Sobibór ermordet. © Lillie/Wachsmuth, ÖNB, ANNO, © Lillie/Wachsmuth; © Klaus Pichler/AK
Die Ausstellung entreißt somit die NS-Täter:innen ihrer Anonymität – nicht, um sie zu vermenschlichen, sondern, im Gegenteil, um die Verantwortung dem Einzelnen zuzuordnen. Doch wer waren diese Menschen? Waren es großteils Opportunisten oder nur überzeugte Antisemiten?
SL Der typische männliche Mitarbeiter war um 1910 in Wien geboren und stammte aus einfachen Verhältnissen; zumeist hatten sie nach der Pflichtschule Lehrberufe erlernt, hatten Jahre der Arbeitslosigkeit hinter sich. Viele kamen vom Bundesheer. Für sie alle bedeutete die Arbeit in der Zentralstelle einen sozialen Aufstieg mit neuem Stolz und Status, aber auch beachtlichem Einkommen. Mit größter Brutalität und Perfidie kosteten sie ihre neue Machtstellung aus und fanden Gefallen an der Hilflosigkeit ihrer Opfer.
Adolf Eichmann setzte bei seiner Personalauswahl bevorzugt auf Kameraden aus der Österreichischen Legion, die sich – wie er selbst – ab 1933 aufgrund des Verbots der NSDAP nach Deutschland absetzten und erst 1938 in die Heimat zurückkehrten. Dieser harte Kern der „Alten Kämpfer“ unterstützte Eichmann zunächst in Wien, später in Prag und Berlin, und er entsandte sie als Deportationsexperten quer durch das besetzte Europa.
Sophie Lillie ist Kunst- und Zeithistorikerin. Sie studierte an der Columbia University (Master of Arts) und promovierte anschließend in Kunstgeschichte in Wien. Sie hat sich als Provenienzforscherin im Bereich Restitution einen internationalen Namen gemacht; zusätzlich hat sie den Forschungsschwerpunkt „Privates Sammeln in Wien vor 1938“. Lillie verfasste zahlreiche Publikationen zu den Themen NS-Kunstraub und Restitution, u. a. die Monografien Was einmal war: Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens (2003), Portrait of Adele Bloch-Bauer (2006), Feindliche Gewalten: Das Ringen um Gustav Klimts Beethovenfries (2017).
Arye Wachsmuth wurde 1962 in Hamburg geboren und wuchs in Tel Aviv auf. Er studierte Fotografie an der Hamburger Fotoschule und Visuelle Mediengestaltung an der Universität für angewandte Kunst Wien. Die Themen seiner künstlerischen Untersuchungen sind Technologie, Geschichte und deren Wahrnehmung. Um 2013 begann er, Fluchtbewegungen zu dokumentieren und sich verstärkt mit dem Thema Flucht auseinanderzusetzen; 2015 kam die Freiwilligenarbeit an den Grenzen dazu, zuletzt in Bosnien im Camp Ausstellungen im In- und Ausland, zuletzt DECEROCIDE (Stories of Traumatic Pasts, Weltmuseum, Wien, 2020–2021), Censorship and Freedom of Expression (Galerie Rudolf Leeb, Wien; Galerija Forum, Zagreb; Moderna Galerija, Ljubljana). 2022 Kunst-am-Bau-Projekt auf dem Friedhof St. Martin in Linz, Gedenkort für auf der Flucht verstorbene Menschen.
Besonders interessant und wichtig ist Ihr Fokus auf Täterinnen: Generell herrschte die Meinung, insbesondere von Apologeten, dass die Frauen „nur unschuldige“ Mitläuferinnen waren. Wie schätzen Sie deren Taten nach Ihrer Recherche ein?
SL Ohne die Frauen wäre dieser reibungslose Ablauf nicht möglich gewesen: Sie administrierten die Zentralkartei der jüdischen Bevölkerung, den Versand der Postkarten mit der Einberufung, also auch die brutale Durchschleusung von Jüdinnen und Juden im Sammellager, bei der entschieden wurde, wer auf den nächsten Transport kam. Sie haben ihre Chefs begleitet, um Wohnungen auszuräumen und zu versiegeln.
Das heißt, die Enteignung von Wohnungen zeigt auch den unmittelbaren persönlichen Profit des Einzelnen?
SL Ja, natürlich! Der Raubzug gegen die jüdische Bevölkerung wird von Hass und Sozialneid geschürt und ist untrennbar mit dem eigenen Aufstieg verbunden. Sehr deutlich sieht man das im Fall von Alois Brunner** und dessen Braut Anna Röder, die 1942 in die enteignete Villa der Familie Jonas-Weiss übersiedeln, einem großbürgerlichen Anwesen im Herzen des Währinger Cottage. Der Gegensatz zur eigenen Herkunft könnte kaum krasser sein: Brunner ist Sohn burgenländischer Kleinbauern, seine Frau wächst als Arbeiterkind in einer Zimmer-Küche- Wohnung in Wien, Rudolfsheim-Fünfhaus, auf. Für den erfolglosen Schaufensterdekorateur, der als Massenmörder Karriere macht, ist das schöne neue Domizil ein ultimatives Statussymbol.
Das administrative Tagesgeschäft der Zentralstelle erledigen weibliche Hilfskräfte. Ein zentrales Anliegen Ihrer Arbeit ist die Abbildung der Lebensläufe dieser Frauen, die in der Forschung bis dato nur am Rande vorkommen. Wer war die typische weibliche Täterin?
SL Die typische Büroangestellte ist zehn Jahre jünger als ihre männlichen Vorgesetzten und hat nach der Pflichtschule eine Handelsschule besucht oder einen Schreibmaschinenkurs beim Bund Deutscher Mädel (BDM) absolviert. Es sind aber nicht nur Sekretärinnen: Zwei Mitarbeiterinnen kommen von der Polizei und eine von der Post. Die älteren unter ihnen haben eigenständige Verbindungen zur NSDAP aus der Verbotszeit vor 1938, die jüngeren kommen aus den NS-Vorfeldorganisationen. Vielfach rekrutierte sich das Korps der Kanzleikräfte über Empfehlung einer Freundin oder Schwester.

Waren sie Zeuginnen von Gewaltausübung?
SL Selbstverständlich. Wir wissen, dass sie nicht nur die täglichen Gewaltexzesse der Wachtruppen an ihrem Arbeitsplatz tolerierten, sondern sich besonders in der neuen Rolle gefielen, sich über andere zu erheben und diese zu demütigen. Sie sahen, wie verzweifelte Menschen Schlägertrupps gegenüberstanden, und belustigten sich an deren Leid. Es machte ihnen nichts aus, wenn eine 90-Jährige niedergerempelt oder einem anderen der Hut vom Kopf geschlagen wurde.
Wo fanden Sie diese Berichte?
SL Die Arbeiterkammer hat sehr umfangreiches Quellenmaterial aus deutschen und österreichischen Archiven zusammengetragen, unter der Leitung von Florian Wenninger vom Institut für Historische Sozialforschung (siehe Kasten dazu). Es gibt sehr detaillierte Aussagen von Überlebenden, die das nach 1945 zu Protokoll geben. Die Aussagen von weiblichen Mitarbeiterinnen der Zentralstelle erschienen mir im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen ehrlicher: Die Frauen galten als „Hilfskräfte ohne Entscheidungsbefugnis“, daher hatten sie keine strafrechtliche Verfolgung zu befürchten. Dennoch nahmen sie Gewaltund Unrechtsakte zumindest billigend in Kauf und verweigerten bewusst Gerechtigkeit, Empathie und Solidarität. Manche von ihnen bezeugten ihr Wissen über den Massenmord. Ein Eingeständnis der eigenen Mitverantwortung sucht man aber vergeblich.
AW Der Apparat war ja auch überschaubar: Wenn auch nur wenige Frauen ausgesagt haben, dass sie wissen, was hier geschehen ist, müssen es die anderen am Schreibtisch nebenan auch gewusst haben. Vielleicht sind die Mitarbeiterinnen der Zentralstelle keine Entscheidungsträgerinnen, aber ein wesentliches Rad im Terrorapparat: Sie unterfertigten alle Dokumente, tippten die Transportlisten – ohne sie hätte nichts funktioniert.
Florian Wenninger, Politikwissenschafter und Historiker, ist Leiter des Instituts für Historische Soziallforschung, einer Gründung des ÖGB und der Bundesarbeiterkammer, das ein umfassendes Archiv besitzt und mit einem akademischen Forschungsteam arbeitet. Das IHSF hat die Recherchen von Sophie Lillie und Arye Wachsmuth vier Jahre unterstützt.

der Zentralstelle für jüdische Auswanderung 1938–1943 Böhlau 2025, 448 S., € 40,-
„In der Zentralstelle wurde Bürokratie zu einem Gewaltakt der Hände, die Formulare stempelten, und der Blicke, die das Leid der Opfer ungerührt, mitunter wohl auch amüsiert zur Kenntnis nahmen“, so definiert es IHSF-Leiter Florian Wenninger. Die Betonung der individuellen Verantwortung an diesem Täterort findet der Zeithistoriker besonders wichtig: In der Zentralstelle wurde das Böse bürokratisiert und normalisiert. Die dort handelnden Personen machten es unscheinbar, kalkulier- und kontrollierbar – und gerade dadurch total.
Es sei auch betont, dass sich die AK der Geschichte ihres Standortes in diesem Umfang stellt, obwohl sie keine Verantwortung für die Taten der Nazis trägt. „Das hat schlicht mit der räumlichen Nähe zu tun, die keinen Platz für moralische Neutralität lässt“, so Wenninger. Mit der Erforschung der Täter:innen-Geschichte der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ und der Aufbereitung des Themas für eine breitere interessierte Öffentlichkeit möchte die AK Wien einer demokratiepolitischen Verantwortung nachkommen. Workshops für Jugendliche und diverse Schüler:innen-Gruppen sollen anhand der hier gezeigten Materialen abgehalten werden.
Der Großteil des Mitarbeiterstabs kam aus Österreich, nur ein paar erfahrene Verwaltungsbeamte kamen aus Deutschland. Wer waren die Schläger?
SL Den niederen Wachdienst erledigt ein Trupp von SS-Männern: Bullige, brutale Schlägertypen wie etwa Ernst Brückler, Alfred Slawik, Robert Walcher oder Anton Zita „regelten“ den Parteienverkehr in der Prinz-Eugen-Straße, patrouillierten in den Sammellagern und begleiteten Deportationszüge in die Konzentrations- und Vernichtungslager.
Vielleicht sind die Mitarbeiterinnen der Zentralstelle
keine Entscheidungsträgerinnen,
aber ein wesentliches Rad im Terrorapparat.
Alois Brunner lernte seine Frau Anna Röder als Mitarbeiterin in der Zentralstelle kennen. Kam es öfter vor, dass sich hier Paare fanden?
SL Es wurden in der Zentralstelle auffallend viele Ehen gestiftet – auch die Liebschaften waren arbeitsrechtlich kein Problem! In den Ausstellungsbiografien haben wir mindesten fünf Paare, die im Sicherheitsdienst des Reichsführers SS ihr privates Glück fanden.
Wie viele aus dem Mitarbeiterstab der Zentralstelle wurden nach 1945 rechtlich belangt?
SL Wenn ich mich nicht irre, wurden vier Männer hingerichtet und außerdem noch Eichmann selbst. Die meisten kamen mit geringen Haftstrafen davon. Am längsten, nämlich neun Jahren, hatte Josef Weiszl abzusitzen. Es musste in jedem Fall die persönliche Schuld des Einzelnen nachgewiesen werden. Die meisten kehrten seelenruhig in ihren Alltag und zu ihren Familien zurück, arbeiteten wieder in ihren erlernten Berufen. Ihr Ziel der Auslöschung jüdischen Lebens haben sie verwirklicht: Jene Männer der Zentralstelle, die sich vor Gericht verantworten mussten, stellten sich selbst gerne als kleines Rädchen dar, als Mitarbeiter im Innendienst, mit Buchhaltungs- oder Besoldungsfragen beschäftigt und ohne Wissen über den eigentlichen Inhalt ihrer Arbeit, nämlich die „Endlösung der Judenfrage“.
Sie haben vier Jahre lang schaurige Biografien gelesen und bearbeitet, wie sehr hat das Ihren Alltag beschwert? Können Sie solche Geschichten einfach ausblenden?
SL Es hat schon mein Leben verändert. Ich mache ja bereits 25 Jahre Provenienz- und Holocaustforschung und bin Kummer gewohnt, aber diese Arbeit hat mich besonders erschüttert. Was genau? Die Niedertracht? S L Alles, die Niedertracht, die Brutalität, der Fanatismus, das war in einem unfassbaren Ausmaß vorhanden. Etwas hat mich immer wieder beschäftigt, und zwar, wie klein diese Leben waren: Diese Familien sind oft über Generationen kaum über ihren Häuserblock hinausgekommen, zumeist waren sogar drei Generationen auf engstem Raum zusammengepfercht. Und ich kenne natürlich als Wienerin all diese Orte, denn die Akten sind mit sehr vielen und genauen geografischen Daten, aber auch intimen Angaben versehen. Ich musste damit umgehen, dass ich hier das Nachbarhaus kenne, dass diese Adresse auf meinem ehemaligen Schulweg lag. Diese Orte sind jetzt plötzlich sehr präsent.
* Rund sechzig Kurzbiografien stehen online zur Verfügung und geben erstmals einen detaillierten Überblick über das Personal der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien. Ein Sammelband, der im Wissenschaftsverlag Böhlau erscheint, ist über den Buchhandel beziehbar und wird einem breiten Publikum überdies kostenlos als open access zur Verfügung stehen.
** Alois Brunner, 1912 in Nádkút (heute Rohrbrunn, Burgenland) geboren, SS-Hauptsturmführer, ab November 1938 Mitarbeiter und ab 1941 Leiter der Zentralstelle für jüdische Auswanderung, organisierte die Deportation der Wiener Juden. Am 9. Oktober 1942 meldete Brunner, dass Wien „judenfrei“ sei. 1954 flüchtete er nach Syrien, wo er jahrzehntelang unter dem Namen Georg Fischer unbehelligt lebte. 2009 wurde er für tot erklärt.























