Dieses Jahr in Tel Aviv: Dare to dream – wage zu träumen!

Träumen ist den Israelis nicht fremd, Wagnisse auch nicht … Und so findet diesen Mai der Eurovision Song Contest in Tel Aviv unter dem Motto „Dare to dream“ statt. Im Vorfeld geht es um Themen wie Israel-Boykott, Einreisesperren und das Fehlen von Unterkünften.

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Dare to dream. Egal, wer den Pokal heimträgt: Tel Aviv weiß, wie man Partys feiert. © Flash90

Es war das vierte Mal, dass ein israelischer Song auf dem ersten Platz des Eurovision-Wettbewerbs landete. Nach A ba ni bi und Hallelujah war Israel 1979 beziehungsweise 1999 Gastgeberland, und als im gleichen Jahr in Jerusalem mit Dana International wieder eine israelische Sängerin gewann, wurde der Austragungsort für das Jahr 2000 aus Kostengründen an die Niederlande weitergegeben. Jetzt, gerade rechtzeitig, um diesen Zwanzig-Jahre-Rhythmus einzuhalten, ergatterte im letzten Mai in Lissabon Netta Barzilai den begehrten Pokal. Glücklich und überwältigt rief sie in das Publikum: „Nächstes Jahr in Jerusalem!“ Später fügte sie noch hinzu: „Wir wollen allen zeigen, was für ein wunderbares Land Israel ist, wie offen und herzlich die Menschen hier sind.“ Aber weil die Dinge in und um Israel des Öfteren kompliziert werden, wurden sofort beide dieser Statements in Frage gestellt.

Widersprüche und Boykott. Gleich zu Anfang kamen widersprüchliche Meldungen zum Ort der Veranstaltung: „Die Eurovision wird in Jerusalem stattfinden oder gar nicht“, bestimmte Kulturministerin Miri Regev, und auch Premierminister Benjamin Netanjahu verkündete, der Austragungsort der Großveranstaltung werde natürlich die Hauptstadt sein. Da­raufhin wurden sogleich Bedenken aus der Ecke der Religiösen laut, dass der Schabbat verletzt werden könnte, weil das Event zwar am Samstagabend beginnt, Proben und Vorbereitungen aber schon Stunden davor ablaufen müssen. Schließlich gab es eine Ausschreibung, und die Auswahl fiel auf Tel Aviv, was die Dinge insofern erleichtert, als Tel Aviv lockerer mit dem Ruhetag umgeht. Dennoch mussten sich die Veranstalter verpflichten, den Schabbat nicht zu verletzen. Die zugelassenen Probestunden und spezielle Arbeitserlaubnisse werden noch ausgehandelt werden müssen.

 »Hier ist Europa vereint, und die Werte,
für die der Contest steht, nämlich
Einigkeit
und Zusammenhalt werden erhalten.«
Ola Sand

Als nächstes waren sofort Boykottaufrufe der palästinensischen BDS-Bewegung (Boycott, Divestment, Sanctions) zu hören, die den Contest zu politisieren versuchten und alle Länder dazu aufriefen, von einer Teilnahme in Israel, egal ob in Jerusalem oder in Tel Aviv, abzusehen. Ihr etwas konstruiert klingendes Argument lautet, dass Israel die Kunst benutze, um von seinen Verletzungen der Menschenrechte abzulenken, und die Eurovision werde als „Art Wash“ von Verbrechen gegen das palästinensische Volk verwendet. Einige Staaten, wie etwa Irland, scheinen mit diesen Ansichten zu kokettieren, doch inzwischen gab es aus diesem Grund noch keine Absagen, und 42 Länder haben sich für das große Finale im Kongresszentrum von Tel Aviv angemeldet.
Allerdings wurde damit wieder die Frage aktuell, ob Eurovision-Fans, die ausdrücklich die BDS-Argumente vertreten, die Einreise verweigert werden soll. Die Statuten der Europäischen Broadcasting Union verlangen ausdrücklich, dass allen Fans, die dem Event beiwohnen wollen, der Zutritt beziehungsweise die Einreise genehmigt wird, egal welcher Religion, Rasse oder politischen Ansichten sie sind. Israel stimmt dem zu, solange die Sicherheit im Land nicht gefährdet und das israelische Recht nicht verletzt wird. Damit ergibt sich schon ein gewisser Widerspruch zu den Bedingungen des Wettbewerbskomitees, der noch auszudiskutieren sein wird. Eurovisions-Chef Jon Ola Sand, der zuvor bereits mit viel Diplomatie zu den diversen Streitpunkten zwischen den israelischen Politikern vermittelt hat, stellt dazu in einem viel zitierten Interview mit der Tageszeitung Haaretz unwiderruflich die Richtlinien des Song Contests klar: „Politik hat auf dem Contest nichts verloren, der Fokus soll auf die Musik gerichtet sein. Wir wollen nicht, dass die Eurovision als Plattform für politische Ziele missbraucht wird. Wenn also ein Fan hierherkommt, um auch politische Ziele zu verfolgen, ist das nicht in unserem Sinne. Wir wollen, dass die Fans nach Israel kommen und Spaß haben.“

Touristen-Boom und hohe Preise. Inzwischen wird Israel sich auch auf den zu erwartenden Touristen-Boom vorbereiten müssen. Gleich nach der Kundmachung von Netta Barzilais Sieg sollen die Zimmerreservierungen im Internet sowohl für Jerusalem wie auch für Tel Aviv in die Höhe geschnellt sein und parallel damit die Preise für Hotelzimmer und Ferienwohnungen. Man rechnet in Tel Aviv für den Mai, der ohnehin immer ein sehr starker Fremdenverkehrsmonat ist, mit zusätzlichen 20.000 Touristen aus dem Ausland. Die müssen erst einmal untergebracht, verköstigt und zufriedengestellt werden. Der Zimmerpreis für die beiden Nächte von 17. bis 19. Mai beträgt in den luxuriöseren Hotels an der Tel Aviver Strandpromenade bereits an die 3.300 Dollar für zwei Nächte (17.–19. Mai 2019) und kann noch weiter ansteigen. Und auch Airbnb wird wohl mit den etwa 9.000 Short-Term-Mietwohnungen in Tel Aviv deftig absahnen. Neben dem vorausgesagten Mangel an Unterkünften in Tel Aviv sind dabei auch das Transportwesen, effektive Touristeninformation und das allgemein hohe Preisniveau eindeutige Problemzonen, und das Tourismusministerium arbeitet bereits fieberhaft an Vorschlägen für Verbesserungen. Die Busrouten sollen in Fremdsprachen aufgelegt werden und nicht, wie bisher, nur auf Hebräisch abrufbar sein. Es sollen zusätzliche Taxis und Sheruts, die typisch israelischen Sammeltaxis, aufgestellt werden, und die Tarife für die Fahrten sowie die Preise für Imbisse und Getränke sollen reguliert werden. Auch bei den berüchtigten Sicherheitschecks bei der Einreise und bei den Kontrollen am Eingang zu den Veranstaltungen will man sich um einen möglichst touristenfreundlichen Modus bemühen.

© Flash90

Im Charles-Clore-Park an der Tel Aviver Strandpromenade wurde bereits mit dem Bau des Eurovision Village begonnen, wo es zehn Tage lang durchgehend Auftritte und Übertragungen von ehemaligen Song Contest-Siegern geben wird und für alle, die es nicht mehr geschafft haben, Tickets für das Kongresszentrum zu ergattern, das Semifinale sowie auch das Finale der Eurovision live ausgestrahlt werden sollen. Die Bühne der eigentlichen Veranstaltung wird von Bühnendesigner Florian Wieder gestaltet werden, der ein Konzept von beweglichen Dreiecken vorgestellt hat, die an den Davidstern, das Symbol des jüdischen Staates, erinnern sollen. Als Moderatorin war Super-Woman Gal Gadot angedacht, die aber wegen anderer Buchungen absagen musste. Wer an ihre Stelle treten soll, wurde noch nicht verlautbart. Die Investitionen für die Megaveranstaltung werden auf 24 Millionen Euro geschätzt.
Was die Zukunft der Eurovision betrifft, ist Ola Sand trotz Brexit und der allgemeinen Skep­sis in Europa optimistisch. „Ich glaube, dass gerade wegen der Veränderungen, die gerade in Europa vor sich gehen, die Eurovision noch wichtiger wird. Denn hier ist Europa vereint, und die Werte, für die der Contest steht, nämlich Einigkeit und Zusammenhalt werden erhalten.“ Und für die Teilnehmer hat Mister Eurovision auch noch einen guten Tipp: „Eine gute Show ist nicht genug, man muss das gesamte Paket präsentieren – Barzilais Message für das Empowerment von Frauen war toll, aber der Grund dafür, dass sie gewonnen hat, war, dass sie diesen ‚Wow-Effekt‘ kreiert hat, der das Publikum und die Jury für sie eingenommen hat.“
Wer auch immer dieses Jahr den Pokal heimträgt: Tel Aviv weiß, wie man Partys feiert, und die Stimmung wird sicher bestens sein. Doch damit alles klappt und alle potentiellen Hindernisse aus dem Weg geschafft werden, wird es noch viel diplomatisches Feingefühl brauchen.

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