Diversität statt Multikulturalität

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Wiens Stadträtin für Gesundheit und Soziales, Sonja Wehsely, schöpft ihre Widerständigkeit und ihre soziale Sensibilität auch aus der eigenen Biografie. Interview: Anita Pollak

WINA: Aus dem, was über Ihre Biografie bekannt ist, wird klar: Sie sind offenbar stark von Ihren Wurzeln geprägt. Vom Elternhaus, von der Geburtsstadt, vom Grätzel. Empfinden Sie das selbst auch so?

Sonja Wehsely: Ich denke schon, dass der Zweite Bezirk und mein Grätzel nicht zufällig zu mir gekommen sind, sondern dass alles mit der Geschichte meiner Familie richtig und gut zusammenpasst und dass man die Familiengeschichte mit sich trägt.

„Alles, was dazu führt, dass Systeme sich ab-schließen, steht der Integration im Weg.“

Sie stammen väterlicherseits aus einer Wiener jüdischen Familie. Haben Sie Kindheitserinnerungen, die mit dem Judentum in irgendeiner Weise zu tun haben?

❙ Die Familie war ganz assimiliert und nicht religiös, doch ich habe bleibende Erinnerungen an meinen Onkel Fritz, der nach England flüchten musste und nach dem Krieg dort geblieben ist. Er kam regelmäßig am 24. Dezember zu uns und sagte: „Warum feiert Ihr Weihnachten?“

Wie hat Ihre väterliche Familie den Holocaust überlebt?

❙ Die Generation meiner Großeltern hat es in alle Richtungen verstreut, sie sind nach Großbritannien, andere nach Israel oder in die Schweiz gegangen, die Eltern meines Vaters sind aber wieder zurückgekommen. In der Urgroßeltern-Generation gibt es auch Opfer, die im KZ ermordet wurden.

Es hat nach dem Krieg eine Gruppe kommunistischer atheistischer Juden gegeben, zu denen auch Ihre Eltern teilweise gehörten. Haben Sie davon etwas mitbekommen?

❙ Vom Kommunistischen an sich nicht, aber vom Politischen schon. Das grundsätzliche Eintreten für Freiheit und Gerechtigkeit, sich gegen Ungerechtigkeit aufzulehnen und Mitverantwortung für die Gestaltung der Zukunft zu übernehmen, das ist das, was ich mit der Muttermilch mitbekommen habe. Ich war dann in der sozialistischen Jugend, und das hat mich politisch geprägt.

Ihre geografische Heimat, die Leopoldstadt, vertreten Sie heute auf Gemeindeebene. Die so genannte „Mazzesinsel“ ist ja in den letzten Jahren viel jüdischer geworden. Es gibt mehr Orthodoxe im Straßenbild, mehr koschere Geschäfte und Lokale. Was halten Sie von dieser sichtbaren soziologischen Veränderung?

❙ Wir sind ein sehr großer Bezirk mit starkem Wachstum und über 100. 000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Wir haben viele Neubaugebiete, viel Altbau und gut gemischte Bereiche, wo Menschen wohnen, die wenig verdienen, aber auch solche, denen es sehr gut geht, d. h. wir sind im Kleinen ein Abbild Wiens, abgesehen davon, dass wir erfreulicherweise wieder eine sehr starke jüdische Bevölkerung haben, die auch sichtbar ist.

In der Leopoldstadt scheint das „Multikulti“, das Nebeneinander verschiedener Kulturen, relativ spannungsfrei zu funktionieren. Worauf führen Sie das zurück?

❙ Es funktioniert gerade im Karmeliterviertel sehr gut, es gibt auch enge Kontakte zwischen der Bezirksvorstehung und den jüdischen Organisationen, das hat eine lange Tradition in der SPÖ Leopoldstadt, was auch darauf zurückzuführen ist, dass einer meiner Vorvorgänger, Edgar Schranz, jüdische Wurzeln hatte und schon in den 80er-Jahren in dieser Frage sehr engagiert war. Ich spreche aber lieber von Diversität als von Multikulturalität, weil es ganz klar ist, das Menschen, wo immer sie herkommen, das mit haben, woher sie kommen. Ich bin der Meinung, dass eine starke Demokratie eine Vielfalt aushalten kann und diese auch befruchtet. Die Grundlagen des Zusammenlebens sind aber für mich die Menschenrechte und die Verfassung, das betrifft die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, die Chancengleichheit, für die wir kämpfen, und da gibt es nicht nur Weiß und Schwarz, da gibt es auch „Bunt“. Das Miteinander wird in einer modernen Weltstadt, und das ist Wien erfreulicherweise, immer auch die Vielfalt darstellen.

Allerorts nehmen antisemitische Tendenzen, Schmierereien etc. zu. Beobachten Sie das auch in der Leopoldstadt, wo vergleichsweise viele Juden leben?

❙ Antisemitismus hat ja mit dem Dasein von Jüdinnen und Juden nichts zu tun. Ich maße mir da kein Urteil an, ich möchte es auch nicht negieren, aber wo ich wohne, und zwar mittendrin, sehe und erlebe ich es nicht.

Bei den akuten Problemen mit den islamischen Kindergärten sind die konfessionellen Kindergärten und natürlich auch jüdische Kindergärten zur Sprache gekommen. Welche Rolle darf Religion in der vorschulischen bzw. schulischen Erziehung Ihrer Meinung nach überhaupt haben bzw. wie sehr steht Religion prinzipiell der Integration im Wege?

❙ Bei diesem Thema geht es mir ganz stark um Versachlichung, und ich halte alle Themen der Integration für vollkommen ungeeignet, um daraus politisches Kleingeld zu schlagen. Die Diversität ist eine Realität, und ich glaube, dass sie gut ist, auch für diese Stadt, unter Spielregeln, an die sich alle zu halten haben. Für alle muss dasselbe gelten. Wir haben ein Wiener Kindergartengesetz, und wir haben in Österreich keine laizistische Rechtslage. Meiner Meinung nach muss jeder Form des Totalitarismus, der Radikalisierung Einhalt geboten werden. Da kann es null Toleranz geben. Davon zu trennen ist die Religionsausübung. Die Frühkind-Pädagogik eignet sich meiner Meinung nach nicht für Religion im Vordergrund, diese muss, wenn es sie gibt, immer im Hintergrund bleiben. Kinder sollen spielerisch gefördert und für die Schule vorbereitet werden. Alles, wo Religion im Hintergrund ist, ist aus meiner Sicht tragbar, alles, wo Religion den Ton angibt, ist nicht tragbar. Alles, was dazu führt, dass Systeme sich abschließen, steht der Integration im Weg.

Sie sind das, was man eine in der Wolle gefärbte Rote nennen könnte. Wie stark bestimmt das Soziale, das Sozialistische Ihre Identität und Ihre politischen Ziele?

❙ Meine Identität hat auch mit der Geschichte meiner Familie zu tun, wo immer gekämpft wurde, die im Widerstand war. Das ist sicher eine Minderheitsgeschichte, wenn man sich so die Geschichten von Österreicherinnen und Österreichern anschaut.

Ich bin der Meinung, dass Politik die Aufgabe hat, die Lebenssituation von Menschen zu verbessern. Den starken Staat und die starke Stadt brauchen die Schwachen. Das wird oft nicht so gesehen, aber dafür mache ich Politik. Das ist das Schöne bei der Kommunalpolitik, dass man die Ergebnisse auch sieht. Wir haben zum Beispiel in den letzten fünf Jahren alle alten Pflegeheime in Wien geschlossen und durch neue ersetzt.

Woher kommt Ihr großes feministisches Engagement?

❙ Ich habe eine starke Mutter, aber auch einen starken Vater, der im Haushalt immer mehr gemacht hat als andere Väter damals. Für mich bedeutet Feminismus aber einfach Gerechtigkeit. Geschlechtergerechtigkeit. Ich bin für die Frauenquote, weil sie das Mittel gegen die 100-prozentige Männerquote ist, das sieht man in allen Bereichen. Johanna Dohnal hatte Recht, wenn sie gesagt hat, mehr Frauen in Führungspositionen bedeutet weniger Männer in diesen. Dass es gleich viele durchschnittliche Frauen wie durchschnittliche Männer in Führungsfunktionen geben könnte, bis dahin haben wir noch einen weiten Weg.

Sie vertreten immer eindeutig antifaschistische Positionen und haben ein besonderes Sensorium für faschistische oder präfaschistische Tendenzen. Wo sehen Sie ein absolutes No go, was Allianzen bzw. Koalitionen mit Parteien oder Personen eines solchen Hintergrunds betrifft?

❙ Das ist absolut inakzeptabel und Punkt! Da gibt es bei mir null „Situationselastik“.

Bild: © Franz Gruber / picturedesk.com

Sonja WEHSELY
wurde 1970 in Wien-Leopoldstadt geboren. Die SPÖ-Politikerin ist seit ihrer Jugend politisch tätig, war 1992/93 Vorsitzende der Sozialistischen Jugend Wien und wurde mit nur 26 Jahren 1996 Abgeordnete zum Wiener Landtag und Gemeinderat. 2004 wurde sie Stadträtin für Integration, Frauenfragen, Konsumentenschutz und Personal, seit 2007 ist sie Stadträtin für Gesundheit und Soziales.

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