Dokter God

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Anne Landsmans Familienroman aus dem jüdischen Südafrika: Abgesang auf einen Vater in zwei Stimmen. Von Alexander Kluy

Merkwürdig, wie verschlungen manchmal die Wege der Literatur sind. Da ist der Roman Wellenschläge der südafrikanischen Jüdin Anne Landsman, die seit Längerem in New York lebt, bereits 2007 erschienen. Und erst jetzt gibt es die großartige Übersetzung Miriam Mandelkows zu lesen. Hieß das Buch im Original The Rowing Lesson, wörtlich: die Ruderlektion, so nun auf Deutsch Wellenschläge. Was nicht nur in erster Anmutung poetischer ist, sondern in zweiter viel präziser. Denn wie ans Ufer sanft anbrandende Wellen ist dieses Buch dramaturgisch-erzählerisch angelegt.

Rassistisches, antisemitisches Südafrika

Es geht um Erinnerung, um Geschichte, um Historie im Großen wie im Kleinen, en gros und en détail, vor allem um eine Tochter, Betsy, die in New York als Malerin mit ihrer Familie lebt, und ihren Vater Dr. Harold Klein, der mehr als 40 Jahre als Landarzt in der westlichen Kapprovinz, auf halber Strecke zwischen Kapstadt und Port Elizabeth, praktizierte und nun, es ist kurz vor dem Jahr 2000, nach einem Sturz und einer misslungenen Schulteroperation im Koma liegt, aus dem er vielleicht nicht mehr erwacht, weshalb seine Familie, Frau Stella, Tochter Betsy und Sohn Simon, sich im Spital versammelt hat.

So melancholisch, ja traurig die Ausgangssituation ist, so anmutig, ja berückend ist Landsmans Sprache.

Erzählt wird von 60 Jahren, von den 1930er-Jahren bis ans Ende des letzten Jahrhunderts. Erzählt wird die Familiengeschichte der Kleins in einem rassistischen, auch antisemitischen Südafrika in der Region um die Ortschaften George und Wilderness an der Garden Route und in der Nähe des Touw River, auf dem gerudert wird, in unterschiedlichen Konstellationen und zu unterschiedlichen Zeiten. Harolds Vater hat einen Kramladen, stirbt Ende August 1939, Harold, da schon für Medizin in Kapstadt inskribiert, kann sein Studium weiter- und fortführen und beenden. Und kehrt zurück in die Gegend, wird zum allseits beliebten und geschätzten Arzt, zu „Dokter God“, der selbstbewusst, auch jähzornig und wütend und monoman ein Leben für andere führt, sich dabei seiner Frau und seiner Kinder entfremdet. Problemlos wird von der Vergangenheit im Präsens erzählt, die Erzählstimmen verschlingen sich, es entsteht hochsuggestive Prosa. So melancholisch, ja traurig die Ausgangssituation ist, so anmutig, ja berückend ist Landsmans Sprache.

Denkt man an südafrikanische Literatur, dann fallen einem gerade einmal zwei Namen ein, die mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichneten Nadine Gordimer und J. M. Coetzee. Ab jetzt muss man dazu Anne Landsman zählen.

© Verlag Schöffling & Co.

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