Drei Frauen und eine Schicksalskette

David Grossmans neuer Roman Was Nina wusste verdichtet eine wahre Geschichte um eine fatale Entscheidung.

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David Grossman: Was Nina wusste. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Hanser, 352 S., € 25,70

Was Kriege und politische Verwerfungen an menschlichen Tragödien auslösen können, davon kann der Israeli David Grossman manches Lied singen und hat es in vielen Büchern bereits getan. An Evas Lebensgeschichte, die ihm die damals bereits alte Dame in ihrem Kibbuz vor 20 Jahren erstmals erzählte, interessierte ihn aber offenbar weit mehr als deren zeitgeschichtliche Dimension. Nachdem Dokumentationen über sie geschrieben und gefilmt wurden, war die 1918 geborene Eva Panic-Nahir in Jugoslawien eine durchaus bekannte und respektierte Frau. Seit der ersten Begegnung fasziniert von ihrer Persönlichkeit, widmet ihr Grossman nun einen aus facts und fiction gestrickten Roman, in dem sie als 90-jährige Vera nochmals zurückschauen muss auf eine Entscheidung, die das Schicksal dreier Frauengenerationen überschattete.

Es ist „eine Kettenreaktion, wie das bekannte Lied vom Lämmchen, Chad Gadja.“

Traumata Vera, Tochter Nina und Enkelin Gili sind einander in Liebe und Hass, Anziehung und Abstoßung verbunden. Die Enkelin liebt die Großmutter, die sie gemeinsam mit Vater Rafi aufzog, als Nina Kind und Mann verlassen hatte. Vera wiederum hat Nina verlassen, als diese noch keine sieben Jahre war. Wie es dazu kam und was daraus folgte, das ist die ganze Geschichte.
Als sie sich mit 17 in Milos verliebt, ist Vera die Tochter einer wohlhabenden, äußerst kultivierten jüdischen Familie in einer kroatischen Kleinstadt, er Sohn blutarmer serbischer Bauern aus einem weltabgeschiedenen Dorf. Als Veras Vater von deren geheimer Liebe erfährt, droht er, sich aus dem Fenster zu werfen. Sie schlägt ihm kühl vor, das Fenster für ihn zu öffnen, und heiratet Milos, der letztlich auch das Herz des Vaters erobert. Fortan wird Vera kompromisslos ihren Weg gehen und zu ihrer großen Liebe Milos stehen.
Im Faschismus als Kommunisten und Partisanen aktiv, geraten die beiden in den Nachkriegsjahren als angebliche Stalinisten in Titos Fänge. Milos wird gefangen genommen und erhängt sich. Noch geschockt von der Nachricht soll Vera auf der Stelle unterschreiben, dass er ein Verräter gewesen ist. Dann dürfte sie unbescholten und mit einer Pension ausgestattet zurück zu ihrer kleinen Tochter Nina. Vera entscheidet sich ohne Bedenken für die Ehre ihres unschuldigen toten Ehemannes und überlässt damit ihre Tochter einem ungewissen Schicksal. Sie selbst kommt als Häftling auf die als „Titos Gulag“ berüchtigte Felseninsel Goli Otok, wo sie über zwei Jahre lang unbeschreiblicher Willkür, Folter und Demütigungen ausgesetzt ist.
Wie ein Fluch lastet dieser Schritt über Ninas Leben, selbst als beide schon in Israel leben, wo Vera im Kibbuz einen Witwer heiratet und dessen Sohn Rafi ihre Tochter Nina. Lebenslang wird dieser Mann sie lieben, auch wenn sie immer wieder abhaut und sich fremden Männern an den Hals wirft. Denn Mutter kann Nina nicht sein, und auch ihre Tochter Gili fühlt sich unfähig zur Mutterschaft. Es ist „eine Kettenreaktion, wie das bekannte Lied vom Lämmchen, Chad Gadja“, resümiert Gili das generationsübergreifende Trauma. Erst als sich alle drei gemeinsam mit Rafi nach Kroatien und Goli Otok aufmachen, wird sich dieser Schicksalsknoten lösen.
Gili, Filmerin wie ihr Vater, dessen „Scriptgirl“ sie war, filmt und protokolliert diesen Psychotrip. Hinter ihrem weiblichen Erzähler-Ich tritt Autor Grossman eher beobachtend als interpretierend zurück. Ein etwaiges Urteil über die aus moralphilosophischer Sicht zumindest ambivalente Entscheidung überlässt er den Lesenden. Hätte Vera nicht eher ihre kleine Tochter beschützen müssen, als ihren toten Helden zu verteidigen?

„Larger than life“ sei Eva, hat Grossman festgestellt, und dieser Aussage kann man auch auf Youtube nachspüren, in einem israelischen Streifen über diese kathartische Reise nach Goli Otok, die im Roman noch um einiges dramatischer, spannender und pathetischer ausfällt als im realen Leben. Klein und zart, elegant, geschminkt und nur körperlich gebeugt, steht die alte Kämpferin vor der Kamera unbeugsam zu ihrer einstigen Haltung.
Und die Tochter steht daneben, staunend, leidend, liebend. David Grossman, der sich mit unglaublicher Empathie in die weibliche Psyche einfühlt, zeichnet sie gebrochener und alles rundherum zerbrochener, doch stellenweise mag man denken, es ist von allem ein bisschen viel, zu viel.

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