Beim NENI Wien beginnt alles genau dort: an der Oberfläche. Farbe auf Untergrund, etwas, das man wegwischen kann. Technisch zumindest. Und doch bleibt es. Weil es nicht nur Farbe ist.
Der Spruch, der hier entstellt wurde, lautet: Neni. Filled with love. Love ist durchgestrichen worden. Daneben steht in schwarz gehalten: Hate. Auf der anderen Seite stand: Neni. Made to share. Share wurde ebenfalls durchgestrichen, ein fein säuberlich gerader Strich, der den Alltag aufhebt. Hier lautet die schwarze Schrift: Waste.
Wird man es gewohnt, dass solches passiert? Nicht als Ausnahme, sondern als Wiederholung. Als Muster, das sich leise einschreibt in Orte, die eigentlich nur Orte sein wollen. Ein Restaurant, das Hummus serviert, wird plötzlich zu etwas anderem erklärt. Nicht von sich selbst, sondern von außen. Das Restaurant ist Zielscheibe, aber auch Projektionsfläche. Die Projektionsfläche wird nicht hinterfragt. Die Projektionsoberfläche wird zum dünnen Eis, das dünne Eis knackt bei Betreten. Betreten Sie jene Lokale, die angegriffen wurden. Solidarität kittet die Risse in spröde splitternde Fläche, die unter den Füßen nachzugeben scheint. Haben Sie keine Angst. Treten Sie ein und lassen Sie die Hoffnung nicht fahren!
726 GEMELDETE VORFÄLLE IN EINEM HALBEN JAHR, sagt die Statistik der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien. Eine „andauernde Überflutung“. Überflutung heißt: Es hört nicht auf. Es verteilt sich. Es sickert in den Alltag. Es gefriert, das Gefrorene knackt und bildet Risse. Erst Haarrisse. Später seildicke Risse.
Nichts, was die Stadt zum Stillstand bringt. Aber genug,
um jemanden daran zu erinnern, dass Sichtbarkeit
nie selbstverständlich ist.
Und dann steht jemand morgens vor diesem Lokal, vor dieser beschmierten Fläche, und muss entscheiden, wie der Tag weitergeht. Aufsperren oder nicht. Wegwischen oder fotografieren. Anzeigen oder ignorieren. Love. Hate.
Es ist diese Entscheidung, die man in keiner Statistik findet. Waste. Share.
So wie man auch die anderen Geschichten kaum sieht: Menschen, die wegen ihrer Sprache aus einem Lokal verwiesen werden – so ein mutmaßlicher Vorfall im 15. Bezirk. Oder eine Beschimpfung, ein einziges Wort – „Terroristin“ –, das einen Abend kippen lässt.
Es sind keine Einzelfälle mehr, auch wenn sie einzeln passieren. Sie bilden Hassperlen, die sich schon doppelt um den Hals legen. Sie wiegen schwerer als die Gesamtheit der Einzelperlen gemeinsam. Eine Hassperlenkette wiegt mehr als die Summe ihrer Teile.
Vielleicht liegt die Gewalt gerade darin, dass sie so klein wirken kann. Ein Wort. Ein Satz. Ein Schriftzug. Nichts, das die Stadt zum Stillstand bringt. Aber genug, um jemanden daran zu erinnern, dass Sichtbarkeit nie selbstverständlich ist. Dass sie kosten kann. Im leichteren Fall Geld. Im schlimmsten Fall das Leben. Dass ein Lokal wie das NENI nicht einfach nur ein Lokal ist. Sondern ein Ort, der gelesen wird. Beschrieben wird. Überschrieben wird. Es liegt an allen, die Überschreibung zu adressieren. Eine Überschreibung darf niemals definieren, was darunter steht.

























