Editorial

0
287
Erinnern ist wie ein unerträgliches Brennen in den Seelen der Überlebenden. Holocaustüberlebende Judith Neumark, 91 Jahre, Kibutz Geva. Foto: Aus der Fotoserie „Leben nach dem Überleben“ © Helena Schätzle / laif / picturedesk.com

Ein junger Mann von etwa 25 Jahren – schneeweißes Haar, ausgemergelt und keine 24 Kilogramm schwer – wankt durch die apokalyptischen Gänge zwischen den Baracken. Er hängt sich bei seinem besten Freund ein. Er weiß, dass von nun an alles anders wird. Es ist der 6. Mai 1945, es ist das Konzentrationslager Mauthausen, der junge Mann heißt Tamás Gazda. Er hat – nach Jahren der Zwangsarbeit in Ungarn, dem Todesmarsch von Westungarn über das Burgenland bis Mauthausen und nach Monaten in der Hölle dieses Konzentrationslagers – überlebt. Nach einer langen Irrfahrt zurück nach Budapest erfährt er, wer es aus Familie und Freundeskreis nicht geschafft hat. Unter anderem sein Vater und seine erste Frau.
Eine Geschichte von vielen, die wir so oft gelesen und gehört haben. Nicht anders als die meisten Überlebensgeschichten, nichts „Besonderes“. Außer für mich, denn hätte er – mein Großvater – nicht überlebt, würde ich diese Zeilen nun nicht schreiben können.
Er hat nicht gesprochen, nichts erzählt – alles, was ich weiß, habe ich von meiner Mutter, und das ist ungefähr das, was ich hier niedergeschrieben habe. „Von Generation zu Generation werden wir uns erinnern“, lernen wir in der jüdischen Lehre. Und wir Juden sind mit einer langen Erinnerung an Verfolgungen und Katastrophen „ausgestattet“.
Erinnern ist oft schmerzhaft – ein unerträgliches Brennen in den Seelen der Überlebenden. Und in denen jener, die nur noch eine vage Erinnerung geerbt haben. Bilder, die immer verschwommener werden, je weiter wir uns von den Flammen entfernen. Sie haben sich jedoch tief in unser Unterbewusstsein eingebrannt – und haben die Aufgabe, Millionen kleiner Alarmanlagen gleich zu warnen, wenn die Weltgeschichte wieder einmal eine Richtung einnimmt, die die Menschheit näher an die Flammen führt.
74 Jahre nach der Befreiung ist die Hitze der Flammen wieder spürbarer. Eine aktuelle Umfrage der Claims Conference unter österreichischen Erwachsenen über deren Wissen über Holocaust und Antisemitismus zeigt erschreckende Zahlen: 25 Prozent der Befragten glaubt, dass „nur“ eine Million oder weniger Juden während des Holocaust ermordet wurden, 42 Prozent kannten Mauthausen nicht – dafür glauben 38 Prozent, dass der Nationalsozialismus erneut an die Macht kommen kann. Zahlen, die uns erschaudern lassen – die Alarmanlagen läuten wieder. Vor allem dann, wenn gleichzeitig ein Vizekanzler von „Bevölkerungsaustausch“ spricht, ein Journalist massiven Angriffen ausgesetzt wird, weil er eine Plakataktion hinterfragt hat, und Menschen erneut mit Ratten verglichen werden.

»Diese Erinnerung an unser Leid
und an die Verbrechen der Nationalsozialisten
soll deshalb auch zukünftig […] ein zentraler Aspekt der großen Menschenrechtsdebatte sein,
die weltweit geführt wird.«

Noach Flug (1925–2011),
Auschwitzüberlebender

 

Erinnern und niemals vergessen: Das ist wohl unsere einzige Möglichkeit, um noch rechtzeitig umzukehren, um die Weltgeschichte wieder in die Richtung zu lenken, die auch dem Mauthausen-Schwur aller ehemaligen politischen Gefangenen des Konzentrationslagers gerecht wird: „Wir werden einen gemeinsamen Weg beschreiten, den Weg der unteilbaren Freiheit aller Völker, den Weg der gegenseitigen Achtung, den Weg der Zusammenarbeit am großen Werk des Aufbaus einer neuen, für alle gerechten, freien Welt. Wir werden immer gedenken, mit welch großen blutigen Opfern aller Nationen diese neue Welt erkämpft wurde.“
Nicht nur der Staat Israel wurde aus den Flammen der Schoah geboren, auch die Europäische Union wurde nach dem alles vernichtenden Weltkrieg als Friedensprojekt gegründet – in der Hoffnung, dass alle nachfolgenden Generationen in einem freien, gerechten und antifaschistischen Europa leben können. Angesichts der aktuellen Entwicklungen in vielen Mitgliedsstaaten scheint diese Hoffnung weit weg zu rücken. Noch können wir etwas tun, noch haben wir die Wahl – und auch die Pflicht –, ein vereintes Europa zu wählen, das – auch in Erinnerung an die Opfer – die Menschenrechte aller Bürger, und den Schutz der Verfolgten und Erniedrigten sicherstellt.
„Von Generation zu Generation erinnern“ muss nicht unbedingt eine neue Richtung nehmen, wie es derzeit öfters proklamiert wird – sie muss nur die eine Richtung beibehalten: das „Nie wieder“ so laut wie möglich hinauszuschreien und mit allen Möglichkeiten einer freien und demokratischen Gesellschaft auf ihre wahre Bedeutung hinzuarbeiten.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

*

code