Editorial

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Keine höhere Macht, sondern ganz normale Menschen, haben das Tor zur Hölle von Auschwitz-Birkenau geschmiedet. © Markus Schreiber / AP / picturedesk.com

Vor 75 Jahren haben die Soldaten der sowjetischen Armee die Tore zur Unterwelt geöffnet und die wenigen Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau von ihren unvorstellbaren Qualen befreit.
Auschwitz wurde zur Zäsur in der Geschichte der westlichen Welt und steht für all das, was nicht Menschlichkeit ist. Für das Unvorstellbare und Unbegreifbare. Für das Ende einer Gesellschaft, die sich aus den Fängen dieser Hölle nie wieder wirklich befreien konnte.
Auschwitz stellt uns jene Fragen, die sich davor niemand zu stellen gedacht hätte: Kann noch an G-tt oder an das Gute im Menschen geglaubt werden? Gibt es noch Kunst nach Auschwitz? Haben die Überlebenden die Hölle wirklich überlebt, und wie weit tragen wir sie alle ein Stück in uns weiter? Was macht Auschwitz mit den Nachgeborenen? Und was bedeuten Schuld, Pflicht und Vergebung nach den Krematorien? Doch die Antworten auf all diese Fragen können weder Auschwitz noch die dort vernichteten Seelen noch die immer leiser werdenden Zeitzeugen geben. Und vor allem kann die Frage nicht beantwortet werden, wie all das geschehen konnte. Wie wurden ganz normale Menschen zu hassenden, mordenden Bestien werden – und wie konnten Millionen zu Opfern dieses tobend-geordneten Wahns werden?

»Es gibt die Ungeheuer, aber sie sind zu wenige, als dass sie wirklich gefährlich werden könnten. Wer gefährlich ist, das sind die normalen Menschen«
Primo Levi

Wir haben unzählige Antworten darauf – doch die eine Antwort gibt es nicht. Hätten wir sie, so hätte die Gesellschaft danach alles getan, um auch nur annähernd Ähnliches zu verhindern – doch Tötung aus „rassistisch motivierten“ Gründen gab es auch nach 1945 – und auch in Europa.
Die Zahl der Chancen, Hoffnungen, Lieben und der Gelächter, die in Auschwitz vernichtet wurde, ist nicht messbar und vor allem nicht begreifbar. Generationen tragen die Vernichtungslager in ihren Genen – ihr Denken, Fühlen und Glauben wird noch durch die Gaskammern mitbestimmt. Auschwitz ist ein Ort, ein Friedhof, eine Gedenkstätte. Auschwitz ist eine Warnung, eine Alarmglocke, das lauteste Signal, um daran zu erinnern, wozu der Mensch fähig ist, wohin Rassismus, Verleumdung humanistischer Werte und moralischer Zerfall führen.
75 Jahre nach der Befreiung leben wir in einer Welt, in der gesellschaftliche Regeln und Normen infrage gestellt werden. In der die Gesellschaften sich immer mehr polarisieren und isolieren. Eine Welt der Ismen, die immer heftiger das Sprechen, Denken und Fühlen vergiften. Die Gedenkkultur sollte sich heute nicht mehr im Erinnern erschöpfen, denn sie ist eines der stärksten Instrumente im Kampf gegen den neuerlichen Zerfall humanistischer und liberaler Werte. Sie hat die Möglichkeit, uns alle daran zu erinnern, dass das Schienennetz in die Krematorien über viele kleine Wiesenwege führte und dass die Aufseher in Auschwitz nicht über Nacht durch böse Magie plötzlich verzaubert wurden, sondern ganz normale Menschen waren, die aus Gier und Neid und angeheizt durch das Streichholz populistischer Parolen ihre moralische Grenzen zunehmend fallen ließen. Wir leben heute in einer anderen Welt, und es sind nicht die gleichen Menschen. Aber es ist das gleiche Böse. Doch das Böse ist kein Wesen, ist nicht Auschwitz, sind nicht die miesen Ismen. Das Böse ist vermutlich etwas, das nur wir Menschen im Menschen erkennen und aufhalten können. Denn das Böse ist keine höhere Macht, sondern sehr menschlich.

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