Editorial

„Wir brauchen im 21. Jahrhundert ein globales Chanu­kka: ein Fest der Freiheit für alle Glaubensrichtungen der Welt. Denn auch wenn mein Glaube nicht der Ihre und Ihr Glaube nicht der meine ist, kann, wenn jeder von uns frei ist, seine eigene Flamme entzünden. Und so können wir gemeinsam etwas von der Dunkelheit der Welt vertreiben.“ Rabbi Jonathan Sacks z“l

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Welchen Punkt setzt man am Ende eines Jahres, das wohl eines war, das sich in den Geschichtsbüchern, falls es solche in Zukunft noch in dieser Form geben wird, ein längeres Kapitel verdient hat. Ein Jahr, in dem sich so vieles auf den Kopf gestellt hat, in dem wir alles, was wir für selbstverständlich nahmen, plötzlich hinterfragen und neu denken mussten. Ein Jahr, in dem Begriffe wie Nähe, Solidarität, Freiheit, Krankheit und Tod zu Begleitern unseres Alltags wurden und in dem ein Virus auf sehr demokratische Art und Weise sämtliche Gesellschaften unseres Planeten strukturell erschüttert hat. Eine infektiöse organische Struktur, die keine Zellen, sondern nur ein einfaches Programm zur Vermehrung in sich trägt (Virologen mögen meine Vereinfachung entschuldigen), hat eine ganze Welt zum Kniefall und zum Umdenke gezwungen. Zumindest hat sie es versucht.
Ob diese pandemische Zäsur tatsächlich stattgefunden hat, werden wir vermutlich erst im Rückblick erkennen: Wenn dann übervolle Flughäfen, rauchende Industrieanlagen, 1-Euro-Jobs und Siegesposen von Spitzenmanagern nur noch Reminiszenzen der Vergangenheit sind, wenn Solidarbeiträge mit derselben Selbstverständlichkeit gezahlt wie Mund-Nasen-Schutzmasken getragen werden, dann hat die Zäsur wohl stattgefunden. Wenn dann die Verlangsamung zur neuen Normalität wird, wenn wir nach der Quarantäne unser eigenes Brot weiterbacken, alte Strickpullover immer noch auftrennen und neu verstricken und die alte Dame aus der Nachbarwohnung weiterhin fragen, ob sie etwas vom Greißler braucht (und wir weiterhin bevorzugt beim Greißler einkaufen), und vor allem, wenn wir gelernt haben, unsere Kinder viel mehr um uns zu haben, und dies – trotz Chaos – genießen, dann hat uns die Zäsur wohl ein Stück weitergebracht.
Wir haben heuer Abschiednehmen und Loslassen gelernt. Wir haben uns von Menschen verabschiedet, Gewohnheiten, und Erwartungen losgelassen. Die Welt, in die das Virus vor einem Jahr hereinbrach, war mehr von wirtschaftlichen als von humanitäre Interessen geleitet. Eine Welt, in der Rücksichtslosigkeit, Ausbeutung von Mensch und Umwelt, soziale Kälte immer mehr präsent waren, eine Welt, in der geflüchtete Menschen zu Feindbildern wurden, Berichte über Umweltkatastrophen zur Hintergrundberieselung und antidemokratische Entwicklungen zum politischen Alltag. Es war eine Welt, in der wir alle rastlos produktiv waren und diese Produktivität mit rastloser Bespaßung belohnt haben. Doch Rastlosigkeit macht müde, Müdigkeit fragil, und fragile Menschen in fragilen Strukturen brechen zusammen. Und da stehen wir jetzt. „Dank“ eines Virus, das das alles zum Erschüttern gebracht hat und uns alle dazu zwingt, neue Wege zu finden. Denn selbstverständlich können wir uns mit Händen und Füßen dagegen wehren und weiterhin an der alten Welt, den alten Werten, Wünschen, Bildern festhalten und daran arbeiten, so schnell wie möglich dort wieder weiterzumachen, wo wir vor einem Jahr aufgehört haben. Doch die Zerstörung unserer Umwelt, das Erstarken antiliberaler Tendenzen und die damit entstehenden humanitären Katastrophen werden unserer Welt vermutlich mehr Leid zuführen, als es diese Pandemie je vermag. Und dieses Leid werden wir dann nicht mehr bequem von zu Hause stoppen können.
Deshalb wünsche ich uns allen, dass wir gesund und durch jene Erfahrungen gestärkt das Jahr 2020 verlassen, die uns ermöglichen, eine Zäsur herbeizuführen, die sich tatsächlich ein Kapitel in den Geschichtsbüchern verdient hat und auf die wir alle eines Tages mit Stolz zurückblicken können.

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