Editorial

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Eine Gedenkveranstaltung im Palais Epstein am 27. Jänner 2018. © Marta S. Halpert

Warum wir uns jederzeit für die Freiheit entscheiden können lautet der Untertitel von Edith Eva Egers Buch Ich bin hier und alles ist jetzt*. Eger, die als Psychologin in den USA arbeitet, erzählt darin ihre Geschichte. Eine Geschichte, die im Košice der 30er-Jahre beginnt – ein 16-jähriges Mädchen, das plötzlich aus dem Ballettsaal, aus der ersten Liebesbeziehung, aus der Familie gerissen und in das Konzentrationslager Auschwitz verschleppt wird. Und dort, mitten in der Hölle, angesichts der Vernichtung, entscheidet sie sich für das Leben, für die Freiheit ihrer Seele, während sie um ihr Überleben kämpft. Heute, 73 Jahre nach ihrer Befreiung, vermittelt sie als Psychologin Patienten und Lesern ihre Überlebensstrategie: die Möglichkeit zu verstehen, wie wir den Ort der Finsternis verlassen können, sei er um oder in uns.

Diesen Weg ist auch Prof. Rudolf Gelbard gegangen. Er hat als Jugendlicher das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt, er hat sein Leben im Wien danach neu aufgebaut, und er ist seit jeher ein Kämpfer. Zuerst hat er um sein Leben gerungen, danach gegen die Opfer­rolle und das Vergessen, gegen rechtsextreme Tendenzen und gegen die neuerlichen Anfänge, die es abzuwehren gilt. Er ist eine warnende Stimme unserer Gesellschaft und wurde dafür nun erneut ausgezeichnet: Den Ute-Bock-Preis für Zivilcourage hat Gelbard gemeinsam mit Helga Feldman-Busztin, ebenfalls Zeitzeugin und Mahnerin, erhalten. Beide haben sich entschieden, zu bekämpfen, was sie einst zu Opfern gemacht hat. Sie beide haben nach der Finsternis der Schoah Familien gegründet, Berufe erlernt, ein neues Leben aufgebaut und als Zeitzeugen uns gelehrt, aufmerksam zu sein, die Zeichen rechtzeitig zu erkennen. Ein Erbe, das wir in diesem Gedenkjahr und in Zeiten, in denen junge Männer immer noch Nazilieder singen – und nun auch noch aus der Dunkelheit in das politische, mediale und damit gesellschaftliche Licht treten – mit noch mehr Verantwortung antreten müssen und werden.

»Wir jüdischen Intellektuellen, die dem Märtyrertod unter Hitler entronnen sind, haben nur eine einzige Aufgabe. Mitzuwirken,
dass das Entsetzliche nicht wiederkehrt
und nicht vergessen wird.«

Max Horkheimer

2018 ist wieder ein Jahr, in dem Gedenken und Erinnern großgeschrieben werden. Aber wer muss bei offiziellen Veranstaltungen mitgedenken, miterinnern? Die Überlebenden und wir, deren Nachkommen, brauchen diese Rituale nicht, denn wir werden ohnehin durch die weißen Flächen auf der Familienlandkarte, durch unsere kollektive Erinnerung ständig daran erinnert.

Auch deshalb haben wir die Freiheit zu entscheiden, wann, wo und vor allem mit wem wir uns erinnern möchten, und mit wem nicht. Die Stühle, die für die IKG-Führung bei offi­ziellen Gedenkveranstaltungen mit FPÖ-Politikern reserviert werden und derzeit leer bleiben, sprechen eine klare und eindeutige Sprache!

* Edith Eva Eger: Ich bin hier, und alles ist jetzt. Warum wir uns jederzeit für die Freiheit entscheiden können. btb Verlag 2018, 480 S., 22,70 Euro

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