Editorial

„Die Dinge, die wir am meisten brauchen, sind jene, vor denen wir uns am meisten fürchten, wie Abenteuer, Intimität und authentische Kommunikation. Wir wenden unsere Augen ab und bleiben bei den bequemen Themen.“ Charles Eisenstein

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© Kunihiko Miura / AP / picturedesk.com

Und die Welt stand still. Für ganze sechs Stunden. Natürlich nicht die ganze Welt. Nur die virtuelle. Und selbstverständlich auch nicht die gesamte virtuelle, nur ihre für uns vermeintlich wichtigen Gegenden – die Social Media. Und die reale Welt drückte und drückte und drückte herum und nichts hat sich getan. Klang ein wenig wie: „Hilfe! Ich habe das Internet gelöscht!“Sechs Stunden Leere später entschuldigte sich Mark Zuckerberg über seinen Twitter(!)-Account: „Sorry for the disruption today – I know how much you rely on our services to stay connected with the people you care about.“ Um mit den Menschen, die Ihnen wichtig sind, in Verbindung zu bleiben!? Ein Algorithmen-Netzwerk, das mich mit jenen in Verbindung hält, die mir wichtig sind?
Nur einige Tage zuvor sah ich mir die „reißerische“ Doku Social Dilemma auf Netflix an und war dabei, alle Geräte, die sich fürs Surfen eignen, aus unserer Wohnung, aus unserer Nähe, aus unserem Leben zu verbannen, mir Kuverts, Papier und Briefmarken zu besorgen und unsere kleine Höhle wieder ganz nach old school zu stylen.

„Ich glaube nicht, dass unsere Spezies überleben kann, wenn wir das
nicht in Ordnung bringen.“

„Ich glaube nicht, dass unsere Spezies überleben kann, wenn wir das nicht in Ordnung bringen. Wir können keine Gesellschaft haben, in der, wenn zwei Menschen miteinander kommunizieren wollen, dies nur möglich ist, wenn es von einer dritten Person finanziert wird, die sie manipulieren will“, sagt Jaron Lanier, einst mächtiger Pionier bei der Erschaffung virtueller Realitäten. Heute ist der ehemalige Schulabbrecher, Universitätsdozent, Komponist und Sohn von Holocaust-Überlebenden einer der wichtigsten und klügsten Kritiker der sozialen Medien und unter anderem Autor von 10 Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen solltest. Er behauptet, dass es natürlich nicht darum geht, ob wir die Werbeeinschaltungen, die uns über unsere Accounts angeboten werden, auch nützen oder nicht. Vielmehr geht es um jene Manipulation, die unser Verhalten unmerkbar langsam, aber stetig ein wenig verändert. Große Wahlen, Katastrophen, gesellschaftliche Großereignisse werden dabei zu unendlich großen Versuchslabors der Programmierer und Mathematiker bei Google, Facebook, Instagram & Co. und wir darin zu freiwilligen Versuchstieren. Oder lesen Sie immer alle Cookie-Bestimmung durch, vertiefen sich in Nutzungsbedingungen von Suchmaschinen, bevor Sie sich in den Schlaf surfen, oder überlegen Sie sich ausgeklügelte Passwort-kombinationen für Ihre Accounts? Ich bin eher von der ungeduldigen Sorte und will Inhalte schnell konsumieren, meine Recherchen erledigen und mich über die Postings jener amüsieren, oder ärgern, die mir wichtig sind. Und dabei nicht darüber nachdenken, warum Facebook während des Ausfalls pro Stunde allein in den USA etwa 545.000 Dollar an Werbeeinnahmen ausfielen. Und was das eigentlich wirklich bedeutet. Nämlich, dass das Unternehmen mit unserer Sehnsucht nach Kontakt und Kommunikation zum Mächtigen wurde. Dabei wären Nachdenken und Eigensinn (auch) in diesem Zusammenhang mehr als angebracht.
Das Lesen unserer aktuellen WINA-Ausgabe fordert zwar keine so komplizierten Überlegungen. Ich hoffe aber dennoch, das es Ihnen für zumindest sechs stille Stunden ähnlich viel Freude macht wie uns.

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