Beinahe zwei Jahr nach dem 7. Oktober ist vieles klarer geworden – und vieles bedrohlicher. Israel, das für Generationen von Jüdinnen und Juden der sichere Hafen war, rückt in der Wahrnehmung der Welt immer weiter in die Isolation. Während es um seine Existenz kämpft, wachsen ringsum Stimmen, die das Land dämonisieren, seine Selbstverteidigung delegitimieren und seine Bevölkerung moralisch als Geisel nehmen.
Für uns in der Diaspora ist das mehr als ein fernes politisches Problem. Denn je mehr Israel zum Sündenbock gemacht wird, desto mehr werden antisemitische Zwischenfälle, Schmähungen, tätliche Angriffe Teil unserer neuen „Normalität“. Und Israel, lange der ‚sichere Hafen‘, ist uns auf einmal doppelt entrückt: geografisch fern – und politisch, weil seine Existenz von Politik und Gesellschaft – erschreckenderweise –immer öfter in Frage gestellt wird.“
Israel ist heute zum „Juden unter den Staaten“ geworden. Der Vorwurf des Genozids, der Aushungerung der Bevölkerung des Gazastreifens klingen wie eine Reminiszenz an mittelalterliche Anschuldigungen, mit denen unsere Vorfahren Jahrhunderte konfrontiert und verfolgt wurden: Kindermörder, Brunnenvergifter, Feinde der Menschheit. Was damals Pogrome auslöste, treibt heute Demonstrationen, Tribunale und Boykottkampagnen an. Nichts wurde aus der Geschichte gelernt. Die Drohungen werden lauter, das Vertrauen immer kleiner und die Temperaturen um uns immer kühler. Gilt doch Antisemitismus nicht nur als eine Bedrohung für Juden und Jüdinnen, sondern auch als Barometer für die Gesundheit jeder demokratischen Gesellschaft, wie WJC-Präsident Ronald S. Lauder es formulierte.
„Es ist natürlich legitim, die Politik der israelischen Regierung zu kritisieren.
Aber Antizionismus bedeutet die Ablehnung des Existenzrechts Israels.
Und das ist Antisemitismus.“
Katharina von Schnurbein
Und trotzdem hat dieses Jahr auch gezeigt, dass jüdisches Leben widerstandsfähig ist. Familien, Gemeinden, Freundeskreise sind enger zusammengerückt und haben dabei gelernt, genauer hinzuschauen, wem wir vertrauen können. Jüdische Identität besteht eben nicht nur im Rückblick auf Katastrophen, sondern vor allem im Beharren auf Leben – trotz allem. Und vielleicht liegt in diesem Paradox auch der Schlüssel. Im modernen Hebräisch heißt mashbeer Krise. Im biblischen Hebräisch aber bezeichnete mashbeer den Geburtsstuhl, den Ort der Wehen und Geburt. Eine Krise ist also nicht nur Schmerz und Gefahr – sie ist auch der Beginn von etwas Neuem. Aus den Wehen dieser Zeit muss ein neues, friedliches Kapitel entstehen. Ein Gedankenspiel, das ich von jener Mutter hörte, die Ausdauer, Verlust und Resilienz seit dem 07. Oktober 2023 lebt: Rachel Goldberg-Polin* , deren Sohn Hersh verschleppt und ermordet wurde.
* In: Call Me Back! mit Dan Senor und Rachel Goldberg-Polin. 15. September 2025, https://www.youtube.com/@CallMeBackPodcast.
Rosch ha-Schana, das wir bald feiern, gilt in der jüdischen Tradition als der Tag, an dem die Welt geboren wurde, der Tag der Erschaffung von Adam und Chava. Wenn wir also das neue Jahr begrüßen, dann nicht nur als Neuanfang für Juden, sondern als Möglichkeit für die ganze Menschheit. Ein Neubeginn, der nicht auf Schuldzuweisungen beruht, sondern auf Verantwortung, Frieden und Respekt vor dem Leben aller Wesen.
Möge das neue Jahr Wege aus der Krise eröffnen. Mögen alle Gefangenen nach Hause finden, alle verwundeten Seelen und Körper in der Region wieder genesen – und mögen alle unversehrt und rasch den Frieden erleben.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien
Schana Towa we Gmar Chatima Towa!


























