Editorial

„Chanukka steht für die Freiheit, unseren Überzeugungen treu zu bleiben, ohne die Freiheit derjenigen zu missachten, die andere Ansichten teilen.“ Rabbi Jonathan Sacks z”l

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© Cover und S. 01 mit Canva

Unsere Welt dreht sich wie ein Sevivon, manchmal auch viel zu schnell. Zwischen Terminen und Newsfeeds suchen wir dann nach Momenten der Stille – und Chanukka bietet genau das: acht gemütliche Abende, an denen das Entzünden der Kerzen in der Chanukkia den Rhythmus vorgibt.

Die Geschichte von Chanukka erscheint heute mehr denn aktuell und gewinnt dabei auch neue Konturen. Sie handelt von Menschen und von einer Gemeinschaft, die sich nicht unterkriegen und nicht verunsichern ließ. Deshalb erinnert sie uns auch an die Möglichkeit des Wandels und an die Kraft des Handelns, an Mut und an Integrität.

Die Kerzen erzählen über acht Tage hinweg von den Makkabäern, die gegen eine übermächtige Kraft bestanden. Vom Öl-Wunder, von Resilienz, vom Glauben, vom Zusammenhalt, und werden damit sichtbar zu unseren stillen Begleitern durch Krisen und den unruhigen Alltag.

Sie schildern Leid, Verfolgung, Flucht und Verlust, doch beim genauen Zuhören erzählen sie von Überleben, Heilung, Wiederaufbau und Neubeginn. Von der Sehnsucht nach Miteinander, Mitgefühl und Gerechtigkeit.

Ich erinnere mich nicht mehr genau, wo ich über diese Deutung von Schabbat- und Chanukka- Kerzen gelesen habe, aber sie blieb mir lange in Erinnerung: Demnach werden Schabbatkerzen zu Hause, im Kreis der Familie, entzündet und stehen symbolisch auch für Schalom Bajit – den „Frieden des Hauses“, ein spirituelles Ideal für unser Miteinander. Hingegen stellen wir die Chanukkiot mit ihren Kerzen bewusst ans Fenster, dort, wo sie nach außen strahlen, in Dialog mit der Welt treten und die winterliche Dunkelheit für alle erhellen. Ein Stück Tikkun Olam – die „Reparatur der Welt“, das uns allen gebietet, aktiv zur Verbesserung unserer Gesellschaft beizutragen.

An acht Abenden werden die Kerzen in der Chanukkia auch zum Nachdenken einladen: über das Verhältnis von privatem und öffentlichem Sein. Über die Balance zwischen Tradition und Gegenwart. Über Identität, Vertrauen und Gemeinschaft. Die Krisen der letzten Jahre werden noch lange ihre Schatten auf uns werfen, und die Zukunft hält vermutlich noch so manche für uns bereit. Die Handlungsstrategien, wie wir uns in solchen Krisen neu definieren, ohne uns und unsere Identität zu verlieren, finden wir in all unseren jahrtausendealten Erzählungen.

Die Kerzen werden acht Nächte brennen, achtmal uns zum Nachdenken bringen, achtmal werden wir uns mit Freunden und Familie treffen – acht neue Möglichkeiten für die Gemeinschaft und für neue Perspektiven. Und sollten wir diese Chancen heuer nicht nutzen können, so ist es beruhigend, daran zu denken, dass die Chanukka-Wunder und die Kerzenflammen nächstes Jahr im Winter erneut acht Tage lang unsere Vergangenheit und Zukunft miteinander durch Raum und Zeit verbinden werden.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien, wie auch allen Freund:innen und Kolleg:innen viele stille Momente und rauschende Feste voll Sufganiot und Latkes – und uns allen wünsche ich Frieden, um ein wenig zu rasten und zu heilen.

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