
Anfang Dezember erhielt László Krasznahorkai den Literaturnobelpreis. In seiner unverwechselbaren Sprache dankte er mit einem langen, verschlungenen Satz über Würde, Rebellion und schließlich auch Hoffnung. Sein Zitat beschreibt die Menschheitsgeschichte: „Du gabst den Dingen Namen, entdecktest Liebe, erfandest Empathie, flflogst ins All – und stehst nun im Schlamm, bewegst dich nicht, versinkst. Bravo, dein Weg durch die Evolution war atemberaubend – nur leider unwiederholbar.“
Das Jahr 2025 war kein großes historisches Drama. Es glich eher einem schlechten Theaterstück, in dem die Illusion von Handlung wichtiger war als echte Lösungen. Die politischen Akteure agierten wie Schauspieler, die sich nur noch auf ihre wütenden Monologe konzentrierten. Sie klangen scharf, aber inhaltsleer. Es war ein Jahr, in dem die Herausforderungen und Konflikte nicht wichen – ein Jahr voller Geister, die man rief und dann nicht mehr loswird.
Teil dieser Verwirrung war, dass festgelegte Rollen vertauscht wurden, und damit wurde vieles unklar: Wer ist Freund, wer Feind? Wer Opfer, wer Täter? Was ist Verteidigung, was Krieg? Und wo hört Kritik auf und wo beginnt die pauschale Verurteilung?
Eine Rolle blieb jedoch unverändert besetzt: die Rolle des Sündenbocks. Diesen Part spielten – wie so oft in der Geschichte – Jüdinnen und Juden weltweit. „An allem sind die Juden schuld“ – dieser alte, tödliche Vorwurf forderte immer wieder seinen Preis: Heimatverlust, Enteignung und allzu oft das Leben unschuldiger Menschen.
Auch heuer begann es mit Worten – mit Hassworten, die immer lauter wurden. Und am Ende in Terror und Gewalt in Manchester und Sydney mündete. Und dann wird den Toten und Trauernden auch noch der politische „Kontext“ nachgeworfen: „Antizionismus“ soll die Morde erklären, tatsächlich aber geschehen sie im leeren Raum des Hasses, durch nichts begründet. (Und zwischen diesen Klammern frage ich mich dann doch: Hieß es nicht Anti-Apartheid-Bewegung und nicht Anti-Südafrika-Bewegung? Und wer für die Souveränität der Ukraine eintritt, gehört zur Anti- Kriegs-Bewegung – nicht zur Anti-Russland-Bewegung.)
Der Zustand einer Gesellschaft zeigt sich daran, wie stark der Antisemitismus in ihr wirksam wird – wie bei einem Lackmustest. Krasznahorkais Testergebnis lautet: Wir stehen im Schlamm, wir stecken in unserer Evolution fest; und diese Lage betrifft letztendlich uns alle – Krisen fragen nicht nach religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit. Am Ende aber fifindet der Autor auch die Hoffnung: „[…] die Rebellion, an die ich denke, wird anders sein, denn diese Rebellion wird sich auf das Ganze beziehen.“
Falls Kalenderjahre, wie zahlreiche Menschen, auch Neujahrsvorsätze fassen, so sollte sich das neue Jahr sich mehr Stille, mehr Empathie und mehr Zusammenarbeit vornehmen – um die politischen und ethischen Krisen endlich zu überwinden, und damit unter anderem auch unsere zerbrechliche Demokratie zu schützen.
Mein Text ist zu lang geworden und erwähnt so vieles nicht – nicht die vielen Konflflikte weltweit, nicht den Hunger, nicht das Leid. Spricht auch nicht über Wahlen, die Europas Zukunft prägen werden. Und erwähnt nur kurz die Freudentränen und kleinen Wunder, die uns trotz allem auch heuer nicht verwehrt geblieben sind – wie die lange erhoffte Heimkehr aller noch lebenden israelischen Hamas-Gefangenen.
Weil der Platz auf dieser Seite nun knapp wird, erlaube ich mir, nur noch kurz meinen Dank auszusprechen: Ich danke allen, die auch diesen 14. Jahrgang von WINA ermöglicht und begleitet haben. Und damit danke ich vor allen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, denn erst Sie verleihen beim Lesen diesen Buchstaben wirklich ihren Sinn. Ich wünsche uns allen, dass das kommende Jahr ein fulminantes Stück wird. Und, dass wir genügend Kraft und Willen haben, um miteinander Düsteres zu überwinden. Und vor allem wünsche ich uns allen: Frieden. Frieden. Frieden.
* sämtliche Zitate von László-Krasznahorkai sind seiner Rede am 07. Dezember 2025 in Stockholm entnommen, die er anläßlich der Preisverleihung hielt. Das Original finden Sie auch unter www.nobelprize.org/prizes/literature/2025/krasznahorkai/lecture/
** An allem sind die Juden Schuld, Couplet des deutschen Komponisten Friedrich Hollaender, 1931.























