„Der Friede ist kein Zustand, den man erobern kann, sondern eine Art zu sein.“ Antoine de Saint- Exupéry

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Krieg zerstört nicht nur Leben und Lebensraum, sondern auch die Erinnerungen. ©APA-Images / REUTERS / Ronen Zvulun

Frieden ist nicht die Abwesenheit von Krieg, sondern eine Tugend, eine Geisteshaltung, eine Neigung zu Güte, Vertrauen, Gerechtigkeit, wie Baruch de Spinoza sagte.

Wir sangen soeben Dayenu am Sedertisch und zählten dabei Strophe um Strophe auf, was alles schon genug gewesen wäre: Die Befreiung allein, die Teilung des Meeres allein, das Manna allein „würde uns genügt haben.“ Diese Übung in radikaler Dankbarkeit ist eine der subversivsten Pessach-Traditionen – ein direkter Widerspruch zum Imperativ unserer Zeit von „immer mehr, immer schneller, immer größer.“

Ihre Melodie schließt den Kreis zum zentralen Konzept von Tikun Olam, der „Reparatur der Welt“. Oft stellen wir sie uns monumental vor – große Gesten, die die Welt im Handumdrehen heilen. Eine Vorstellung, deren Größe uns lähmt. Doch was, wenn wir einfach eine leise Dayenu-Praxis beginnen? Uns jeden Abend darauf konzentrieren, die eine Sache zu finden, für die wir Dayenu singen könnten? Für ein Lächeln im Treppenhaus, einen Wangenkuss der uns entwachsenden Kinder, oder für den fragilen Frieden um uns herum. Diese Revolution der Aufmerksamkeit wäre ein radikales Gegenmittel zur Kriegsrhetorik, die uns immer öfter umgibt und in Anspannung hält.

Jeder Krieg, auch der nur gedachte, zerstört Menschen und Möglichkeiten. Mit jedem Getöteten verschwindet ein Buch aus der Weltenbibliothek, verliert ein nicht gesungenes Lied seine Melodie und ein unausgesprochenes Wort seine Bedeutung. Schon die brutale Rhetorik des Unvermeidlichen erstickt im Keim, was Spinoza die „Geisteshaltung“ des Friedens nannte: jene Neigung zu Güte, Vertrauen und Gerechtigkeit, die Raum braucht, um zu atmen. In einer Welt, die nur noch in Freund und Feind geteilt wird, verhallt die Melodie von Dayenu in den Zwischenräumen, und alle Energie fließt in die Vorbereitung ihrer Zerstörung, nicht in ihre Reparatur.

Der Krieg erklärt den Frieden für naiv. Er serviert uns Feind und Freund, teilt die Welt in einfache Kategorien und darin liegt auch seine verführerische Kraft. Dabei ist er so ohrenbetäubend laut, dass wir unsere eigenen Gedanken nicht mehr hören können. Auch nicht die Frage, die wir uns täglich stellen sollten: Was kann ich heute reparieren? Eine Beziehung? Ein Missverständnis? Ein gebrochenes Herz oder ein Stück Erde? Und wenn uns diese kleinen Reparaturen gelängen – wäre es genug, um den fragilen Frieden zu bewahren?

Allein die Erkenntnis dieses „Genug“ wäre schon eine enorme Reparaturarbeit. Dayenu! Und doch wäre sie erst der Anfang.

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