Zwischen Reiz und Reaktion

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“ Viktor Frankl

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Edith Eva Eger (1927–2026) © APA-Images / Zuma / Howard Lipin

Während wir das Gefühl nicht loskriegen, Spielbälle globaler Krisen in einer zunehmend polarisierten Welt zu sein, ist eine Stimme des Friedens und der Selbstermächtigung still entschlafen: Die ungarisch-amerikanische Psychologin Edith Eva Eger starb 98-jährig und hinterließ uns ein Vermächtnis, das sowohl den Schrecken von Auschwitz als auch ihre radikale Liebe zum Leben und zum Menschen umfasst – eine Lehre über die menschliche Resilienz.

In einer Ära der „Polykrise“ verfallen wir leicht in die Opferrolle und fühlen Ohnmacht. Hier setzt Egers Denken den entscheidenden Kontrapunkt: Sie unterschied messerscharf zwischen dem erlittenen Schmerz und dem Leid, das wir uns durch unsere eigene Geisteshaltung selbst bereiten. „Man kann nicht kontrollieren, was einem widerfährt, aber man kann entscheiden, wie man darauf reagiert.“

Immer öfter bauen wir uns digitale und ideologische Mauern als Schutz, ohne zu bemerken, dass diese eine tiefe Einsamkeit entstehen lassen – zwischen uns und der Welt. Wir sperren uns in unsere „Blase“ ein, gefangen in Echokammern ohne Ausgang.

Die einst junge Tänzerin Edith Eva überlebte Auschwitz und die Todesmärsche, weil sie nicht zuließ, dass ihr die Freiheit im Kopf geraubt wurde. Sie überlebte die Schoa, weil sie sich trotz Grausamkeit, Leid und Verlust nicht als Objekt der Geschichte sah, sondern als Handelnde, die die Wahl, statt Wut Empathie zu empfinden, nicht nur hat, sondern auch ergriff – ohne dabei auch nur eine Minute zu vergessen, was ihr angetan wurde. Vergebung, Empathie und der Mut zur Verletzlichkeit sind in ihrer Philosophie keine Schwächen, sondern die ultimative Form des Widerstands.

Wir leben heute in weit größerem Wohlstand und weit stabilerem Frieden als all die Generationen vor uns. Noch. Unumgängliche Voraussetzungen dafür sind Freiheit und Demokratie; sie entstehen nicht einfach so, sie wachsen nicht auf Bäumen, sondern liegen in unserer Verantwortung. Wie zerbrechlich sie sind, sehen wir immer wieder um uns herum. Wie essenziell sie sind, konnten wir an den Bildern aus Ungarn ablesen – dem Land, in dem Edith Eva Eger geboren und aus dem sie vertrieben wurde –, die uns vom Freudenfest nach der Wahl am 12. April erreichten.

Mögen wir stets die Klarheit bewahren zu erkennen, wenn unsere Freiheit gefährdet wird. Den Mut aufbringen, diese zu verteidigen. Und uns dabei stets fragen, wer wir angesichts der Umstände sein wollen.

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