Editorial

„Mensch-sein heißt Bewusstsein und Verantwortlich- sein.“ Viktor Frankl

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Zeitzeuge Benno Kern erzählt in einem aktuellen Virtual-Reality-Projekt von seinem Leben und Überleben. © Zinner / Parlamentsdirektion, 2023.

Über acht Jahrzehnte lang hatten wir das Privileg, uns auf unsere Zeitzeug:Innen verlassen zu können, die von den Konzentrationslagern erzählten, von den vielen Wegen, die sie dorthin geführt hatten und von ihrem harten Kampf zurück ins Leben. Sie waren Mahner und Gewissen zugleich. Die Generation der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen verlässt nun langsam die Bühne der Geschichte und lässt uns mit der Frage zurück, wer nach ihnen bereit sein wird, die Verantwortung für die Erinnerung zu tragen und wie sich dieses Erinnern in Zukunft gestalten soll.

Die Antwort findet sich nicht in einem einzelnen Projekt, einer Institution oder einem Buch. Sie findet sich in Menschen, die diese Verantwortung übernehmen.

Erinnerung erschöpft sich nicht im Bewahren von Fakten. Sie ist mehr als das Wissen um Daten, Orte und historische Abläufe. Erinnerung verlangt Haltung und Vision.

Die Überlebenden haben uns nicht nur erzählt, was geschehen ist. Sie haben uns gelehrt, wachsam zu sein gegenüber jenen Mechanismen, die Ausgrenzung, Entmenschlichung und Hass möglich machen. Sie haben uns gezeigt, wie zerbrechlich Frieden und Demokratie sein können und wie schnell eine Gesellschaft bereit ist, wegzusehen und über das Unrecht zu schweigen.

Gerade deshalb ist das Weitergeben dieser Berichte heute wichtiger denn je. Denn die Zeitzeugen verlassen uns in einer Zeit, in der Antisemitismus wieder eindeutig, sichtbar und spürbar wird. In einer Zeit, in der Verschwörungstheorien Hochkonjunktur haben, historische Vergleiche leichtfertig gezogen werden und in der die Bereitschaft schwindet, die Komplexität der Geschehnisse zu erfassen. Und weil das Ausmaß des Antisemitismus oft wie das Fieberthermometer einer Gesellschaft wirkt, ist die Erinnerung an die Schoa weit mehr als nur ein Blick zurück. Sie ist ein Prüfstein für den Zustand unserer Demokratie und ein Kompass für die Zukunft.

Viele, denen wir in dieser Ausgabe begegnen, sind Menschen, die ihre Verantwortung in diesem Sinne erkannt und übernommen haben. Der junge Gedenkdiener, die Lehrerin, die Antisemitismus im Klassenzimmer nicht unwidersprochen lässt, die Historikerin, die Dokumente sichert, oder der Autor, der Zeitzeugenstimmen aufbewahrt. Sie alle übernehmen Verantwortung für etwas, das größer ist als sie selbst.

Sie erinnern uns daran, dass Erinnerung nicht bloß rückwärtsgewandt sein sollte. Vielmehr kann sie uns dabei helfen sicherzustellen, dass das, was einmal möglich war, nie wieder geschieht – weder hier noch anderswo, weder heute noch morgen, weder uns noch anderen Menschen.

Die Generation der Überlebenden hat uns ihre Geschichten anvertraut. Nun liegt es an uns, auch mit Hilfe dieser Erzählungen, die Zukunft zu gestalten. Denn Erinnerung ist kein Erbe, das man besitzt, vielmehr ist sie ein Werkzeug, mit dessen Hilfe wir uns den Herausforderungen und der Komplexität der Gegenwart stellen können. Unsere Großeltern waren Zeugen. Unsere Eltern wurden zu Bewahrern ihrer Erinnerungen. Die Aufgabe unserer Generation ist es, dafür zu sorgen, dass aus Erinnerung Verantwortung wird.

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