„Je geformter eine Maschine ist, um so besser ist sie. Je genormter jedoch der Mensch – 
je mehr er einer Durchschnittsnorm entspricht – um so ab-trünniger ist er der ethischen Norm.“

Viktor Frankl

Zwei qualvolle, nicht enden wollende Jahre haben wir damit verbracht zu warten, zu hoffen und immer wieder zu verzweifeln. Jetzt, endlich, sind sie zu Hause – es gibt keinen lebenden gefangenen Israeli mehr in Gaza.

Doch die Erleichterung ist keine substanzielle, sie bietet nur Raum für  lange Verdrängtes: für eine tiefe, schwere Müdigkeit, für Wut, Trauer, Sorgen und  Misstrauen.

Wut über das Geschehene. Und darüber, wie ohrenbetäubend laut die Welt geschwiegen hat, seit jenem schwarzen Tag, dem 7. Oktober 2023, an dem alles begann. Und wie rasch die Opfer-Täter-Umkehr stattgefunden hat, noch bevor die Toten bestattet und die Geschichten der Überlebenden erzählt waren.

Trauer über das Unwiederbringliche – über Leben, die ausgelöscht, über Seelen, die gebrochen wurden und über eine Gesellschaft, die tief traumatisiert zurückbleibt.

Angst davor, wie schnell eine Welle des Hasses entstehen kann, von der das jüdische Volk schon so oft mitgerissen wurde.

Und schließlich der tief sitzende Vertrauensverlust gegenüber einer Welt, die „nie wieder“ sagt und „schon wieder“ macht.

Der 7. Oktober hat nicht nur Leben, sondern auch Gewissheiten zerstört: das Vertrauen in die eigene Sicherheit, in die moralische Klarheit der Welt, in die Möglichkeit, als Jude sichtbar und dennoch sicher zu sein und sich dabei als Teil einer offenen Gesellschaft zu fühlen.

Doch wir haben Jahrtausende solcher Erschütterungen überlebt und ihre Traumata verarbeitet. Die jüdische Antwort auf Trauma war nie das Vergessen, sondern stets das Erinnern. Wir sollen weinen, aber nicht daran zerbrechen.

Darum zerschlagen wir bei jeder Hochzeit auch ein Glas – mitten im Moment größter Freude – Scherben als Sprache des Erinnerns an die Trauer in uns. Und ebendiese Trauer schärft unsere Sinne und lässt uns dankbar sein für Liebe, Tanz und Hoffnung, die dem Leben Sinn verleihen.  In diesen Tagen der Rückkehr spüren viele von uns deutlich, dass diese Dankbarkeitsübung wichtig und notwendig ist, und wie schwer sie einem trotzdem manchmal fällt. Die Rückkehr der Geiseln schließt einen Kreis, sie ist jedoch keine Heilung, sondern der Anfang eines neuen Kreises, in dessen Mitte die innere Genesung steht. Sie stellt die ehemaligen Geiseln und ihre Familien, die israelische Gesellschaft und die Diaspora vor große Aufgaben. Allem voran das  Vertrauen wieder zu finden: Das Vertrauen in uns, ineinander und in die Welt.

Was uns heilt, sind weniger die politischen Antworten als die zwischenmenschlichen: eine gemeinsame Gedenkveranstaltung mit Kerzen, die Besinnung auf die unmittelbare Gemeinschaft, auf die eigene Identität. Vor allem aber darauf, wer und was unserem Leben wirklich Sinn stiftet.

Weder der kollektive, noch der individuelle Schmerz wird vergehen. Deshalb müssen wir ihn umwandeln und integrieren: in Bewusstsein, in Verantwortung, in Dankbarkeit. Und weil wir als Gemeinschaft verletzt wurden, werden wir auch als Gemeinschaft wieder heilen können – und dabei jene Mütter, Väter und Kinder stützen, deren Schmerz durch den Verlust ihrer Liebsten kaum zu ertragen ist.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here