Editorial

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Foto: Flash 90

Neulich am Nachmittag überkam mich am Schreibtisch der Winterblues. Zwar war kalendarisch bereits Frühling, doch immer noch Dunkelheit und schwere Wintermäntel. Nun aber sollte es soweit sein: nicht nur die lästige Zeitumstellung, sondern auch das Pessach-Fest und die Erinnerung an den Auszug des jüdischen Volkes aus Ägypten stehen vor der Tür. Seit Jahrtausenden gedenken wir jedes Jahr der Sklaverei und der Möglichkeit, sich daraus zu befreien – als Volk, aber auch als Individuum. Denn jede Jüdin und jeder Jude soll am Pessach feiern, als wären sie persönlich der Unterdrückung entkommen. Und so feiern wir eine Woche lang nicht nur die kollektive Freiheit, sondern auch die ganz persönlich. Ein Recht, für das im Laufe der Geschichte Millionen sterben mussten und das heute noch immer nicht selbstverständlich ist. Angesichts von Krieg, Flucht und Elend werden wir täglich an dieses unser Privileg erinnert.

Vor 70 Jahren erhielten Jüdinnen und Juden – darunter Tausende, die erst kurz zuvor aus der Knechtschaft des Nationalsozialismus befreit worden waren – ein weiteres Freiheitsgeschenk: Im Mai 1948 wurde der Staat Israel ausgerufen und damit allen Juden weltweit die Wahlfreiheit gegeben, weiterhin (und von nun an freiwillig) in der Zerstreuung, der Diaspora zu leben oder in Israel. Keine einfache Entscheidung, die heute angesichts der weltweit steigenden antisemitischen Vorfälle immer schwieriger wird. So gedenken wir diese Woche auch der 85-jährigen Holocaust-Überlebenden Mireille Knoll, die von ihrem Nachbarn in Paris ermordet wurde. So wie Lucie Halimi, die 2017 ebenfalls in Paris zu Tode kam. Man spricht stets von Einzelfällen, von Einzeltätern. Doch diese Einzelnen werden immer mehr, ein Anstieg antisemitisch motivierter tätlicher Angriffe ist weltweit zu verzeichnen. Angesichts dieser Entwicklungen wünsche ich uns, dass wir weiterhin und noch sehr lange freiwillig entscheiden können, ob und weshalb wir nach Israel gehen. Dass wir weiterhin in Freiheit feiern können, egal wo wir sind.

Jeder von uns erlebt dunkle Zeiten im Leben, ob Krankheit, Verlust oder andere traumatische Erlebnisse, aus denen wir uns befreien müssen. An unseren persönlichen Sieg über die Dunkelheit sollten wir am Sedertisch denken und in uns feiern. Denn das Wissen um die Möglichkeit der Überwindung der Unfreiheit gibt uns die Kraft, alle weiteren Unfreiheiten zu überwinden.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein frohes Pessach-Fest und einen lichten Frühlingsbeginn.

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