
Daheim ist Robert Dornhelm hier offensichtlich nicht. In der riesigen Dornbacher Villa, von Friedrich Schmidt, dem Architekten des Wiener Rathauses, für sich selbst erbaut, wirkt der polyglotte Filmregisseur irgendwie verloren in den Fluchten der frisch renovierten leeren Räume, die überall den Blick auf den parkartigen Garten freigeben. Nachdem sein Haus in Malibu im Januar dem großen Feuer zum Opfer gefallen ist, hält sich Dornhelm nun öfter auch in Wien oder in seiner Villa in Mougins auf, wenn er nicht gerade für viele Monate irgendwo filmt, wie zuletzt in Ungarn. Sichtbar am wohlsten fühlt sich der leidenschaftliche Koch in der geräumigen Küche. Hier fanden wohl auch die meisten Gespräche zwischen ihm und seinem jahrzehntelangen Freund „Micki“, Michael Köhlmeier, statt, die oft damit endeten, dass Dornhelm für sie beide kochte. Köhlmeier, der begnadete Erzähler und Autor, befand sich dabei in der Rolle des Zuhörers und gelegentlichen Stichwortgebers, während Robert munter plaudernd vom Hundersten ins Tausendste abschweifte, eine Episode die andere ergab und alle zusammen eine bruchstückhafte Lebensgeschichte, die von Köhlmeier freundschaftlich sanft redigiert in Buchform gebracht wurde.
Eine Art Scheherezade in dreizehn Tagen soll der „Roman einer Biografie“ sein und ist wohl beides nicht. Als Roman zu wenig fiktiv, als Biografie zu wenig faktisch und keineswegs chronologisch, mäandert die Erzählung in lebhaften Szenen zwischen Zeiten und Schauplätzen, einer ganz subjektiven Dramaturgie folgend, die vor allem der Kindheit einen ganz großen Raum widmet. Doch letztlich sind das Genre oder dessen Bezeichnung auch egal, man hört Dornhelm einfach gern zu, beim Lesen wie beim Reden.
Beim bitteren Tee, der Hausherr hat nach längerer Suche keinen anderen gefunden, kommen wir sogleich auf seine prägende Kindheit zu sprechen.

WINA: Sie sind als ungarisch-jüdisches Kind im rumänischen Temesvar aufgewachsen, das sogar noch nach dem Krieg ein Mikrokosmos von Kulturen und nationalen Konflikten war. Ihre Erinnerungen daran erscheinen noch äußerst lebendig und detailreich zu sein.
Robert Dornhelm: Ja, bis heute, nach 70 Jahren. Mein älterer Bruder Peter und ich sind mehrsprachig, ungarisch, deutsch und rumänisch aufgewachsen, das Jüdische betraf mich allerdings kaum. Es gab in Rumänien auch weniger Antisemitismus als etwa in Österreich, ich selbst hab’ davon nie etwas gespürt. Nur ein einziges Mal gab es in meiner Schule, der Lenau-Schule, einen Vorfall. Da hat ein Mathematiklehrer, Professor Fritz, einem sehr frechen jüdischen Gesellen einmal gesagt: Das ist ja hier keine Judenschule! Dieser Schüler hat es seinen Eltern erzählt, und drei Tage später gab es diesen Professor Fritz nicht mehr. Er wurde rausgeschmissen, und das war mitten im Kommunismus.
Sie erzählen viel von Ihrem Großvater, der zu den Feiertagen in den Tempel ging. Hatten Sie noch eine traditionelle Erziehung?
Es gab unseren Rabbiner, den Rabbi bácsi, zu dem wir jeden Samstag zur jüdischen education gehen sollten; ein freundlicher, keineswegs fanatischer älterer Herr, der uns halt ein wenig erzählt hat. Ich bin auch gern hingegangen, denn es roch so gut bei ihm. Es gab immer Nüsse und ein, zwei Jaffa-Orangen, die ersten Orangen in meinem Leben. Sie wurden aufgeteilt, und jeder hat ein paar Spalten bekommen. Die Schale ist dann in Zuckerwasser eingeweicht worden, und ein, zwei Wochen später hat man sie mit Zuckerguss bekommen. Das war himmlisch. Damit wollte man uns das Gelobte Land irgendwie schmackhaft machen. Meine Mutter war eher antireligiös eingestellt. Sie wollte nach ihrem Tod auch verbrannt werden, aber das war für meinen Vater nicht akzeptabel. Er hat nach ihrem Tod aufgehört zu essen und zu trinken, bis er selbst starb.
Die Juden in Temesvar wurden in der Shoah vergleichsweise weniger verfolgt, sondern eher später im Kommunismus als Kapitalisten, wie Ihr Vater, der viele Jahre eingesperrt war.
Ja, so war es. Es gibt sogar ein Foto von meiner Mutter, wie sie mit deutschen Soldaten reiten gegangen ist. Sie war eine tolle Reiterin, die auch Turniere gewonnen hat. Das muss Anfang der 1940er-Jahre gewesen sein. Den Antisemitismus gab es da noch nicht so richtig, das hat in der Bukowina und in Czernowitz angefangen, bei den Schtetl- Juden, den Orthodoxen, die uns allen nie so sympathisch waren, muss ich gestehen. Und sie sind es mir bis heute nicht. Ich habe gerade in New York gedreht, als Yitzchak Rabin ermordet wurde, da haben die Orthodoxen in Williamsburg getanzt und gerufen: „The enemy is gone!“

Die Schtetl-Juden von damals waren arme, meist ungebildete Menschen. Das war sicherlich ein Klassenunterschied zu den reichen Dornhelms und den kultivierten städtischen Juden. Hat man sich von ihnen absetzen wollen?
Ja, aber nicht nur wir. Eigentlich waren alle anderen Juden dort auch schon einen Schritt weiter in der Assimilation und haben sich kaum von den anderen in der Bevölkerung unterschieden. Dabei finde ich nichts Schlimmes, es ist nicht, wie man bei anderen Volksgruppen sagt, dass sie dadurch ihre Identität verlieren.
»Ich bin totaler Antinationalist, die Ähnlichkeit
zueinander macht uns alle zu Menschen.«
Haben Sie Ihre Identität nicht verloren?
Nein, gar nicht. Ob man jetzt rumänische Volkslieder singt oder eine andere Sprache spricht, es ist total legitim, dass ich auch diese Farbe mitgenommen hab. Ich bin totaler Antinationalist, die Ähnlichkeit zueinander macht uns alle zu Menschen. Natürlich gefallen mir die Folklore, die Sprache und die Eigenheiten der Region. In Temesvar hatten wir das Slawische, Serben, russische Besatzungssoldaten, Ungarn, Kroaten. Die Sprache in unserem Gymnasium war Deutsch, aber mit ganz verschiedenen Sprachmelodien, je nachdem, ob ein Sachse oder ein schwäbischer Lehrer gesprochen hat.
Heute sind Sie Ehrenbürger von Temesvar. Was gibt Ihnen das?
Null. Ich habe auch den Goldenen Schlüssel der Stadt. Und ich habe dort ein Haus, das sie nicht zurückgeben. Das ist sehr verletzend, weil bereits mein Großvater ihnen geschrieben hat, aber es kam nie eine Antwort. Die haben natürlich die Häuser und Wohnungen nach 1990 verscherbelt. Persönlich würde es mir nicht viel bedeuten, wenn ich es zurückbekäme, aber es geht um ein Gerechtigkeitsgefühl, weil mein Vater fünf Jahre Gefängnis hinter sich hat als Kapitalist, und die neuen Kapitalisten benehmen sich genauso wie die alten Betrüger. Es ist nicht die freie Marktwirtschaft eingetreten, sondern Bestechlichkeit und Unanständigkeit.
Bewundernswert ist bei allen Erzählungen Ihr Gedächtnis, aber natürlich erinnert man sich an manche Dinge lieber als an andere. Und das Gedächtnis schönt auch, oder nicht?
Und es macht auch manche Dinge dunkler, und manche Dinge, die nicht so gut waren, hat man vergessen oder ausgelöscht, weil man sich nicht erinnern will. Andere haben sie sich mir mehr eingeprägt, vielleicht weil ich sie auch schon öfter erzählt habe und sie mir wichtiger sind.
Sie kamen mit Ihrer Familie 1961 nach Wien. War das ein Kulturschock?
Wien war das Gegenteil von dem, was wir uns vom goldenen Westen erwartet haben. Die Enttäuschung war groß. Wir wohnten in Lainz, nicht weit vom Altersheim. Da gab es keifende Witwen, und wenn du Ball gespielt hast, wurde sofort geschimpft. Ich hatte das Gefühl, ein anderer zu sein, ein Ausländer, vielleicht Jude, man hat jedenfalls gespürt, man ist kein Hiesiger. Und mit 13 ist man da sehr empfindlich. Umso mehr wollte ich mich assimilieren. Ich bin dann zur Schwimmunion gegangen statt zur Hakoah. Ich war ein sehr guter Schwimmer und Wasserballer und wurde sofort genommen, obwohl sie wussten, dass ich Jude bin. Warum sie das gewusst haben, weiß ich nicht. Zwei Jahre später haben sie es genau gewusst, weil mich die Hakoah ausgeborgt hat.
»So wie Temesvar als Kind für mich
die Welt war, ein Universum, und darin war alles
an Freud, Leid und Hoffnung.«
Robert Dornhelm
Welche Bedeutung hat Israel in Ihrem Leben, im Buch ist das Thema ja ausgespart?
Ich war öfter dort, und bereits vor 30 Jahren haben sie in der Jerusalemer Filmakademie eine Retrospektive über mich gemacht. Unsere Ausreise aus Rumänien ging ja eigentlich nach Israel, aber wir sind in Triest stehen geblieben, und dann haben meine Großeltern, die schon in Wien waren, uns herkommen lassen. Mein Großvater wollte, dass ich Textilhändler werde und das Familienimperium wieder aufbaue. Mein Cousin Ioan Holender [ein ehemaliger Direktor der Wiener Staatsoper] war damals schon Sänger, was meinem Großvater gar nicht gefallen hat. Er meinte, ein Künstler in der Familie reiche. Ich bin dann recht bald Filmer geworden.
Als solcher denken Sie, wie deutlich wird, in Figuren und Szenen. Haben Sie erwogen, Ihr Leben einmal zu verfilmen?
Nein. Wenn, dann nur die rumänische Kindheit. Das Gesamte ist ein Kitsch. Es ist eine zu bunte Mischung, Kraut und Rüben. Als Filmstoff wäre es wie das Meer anmalen. Man muss immer in Mikrokosmen denken. So wie Temesvar als Kind für mich die Welt war, ein Universum, und darin war alles an Freud, Leid und Hoffnung, und ich habe die Welt verstanden in diesem Mikrokosmos, er war überschaubar.
Nicht zuletzt ist das Buch eine „Filmosophie“ (meine Wortschöpfung übrigens), beschäftigt sich also ausgiebig mit Theorie und Praxis des Films, mit seiner Ästhetik, mit Regie und großen Filmschaffenden. Da kommt es auch immer wieder zu lustigen Diskussionen mit Köhlmeier, wer da recht hat und wer sich woran besser erinnert. Hätten Sie jemand anderem so viel über sich erzählt?
Persönliches sicher nicht. Viele Geschichten hat er ohnehin schon gewusst, ich habe mich auch gewundert, dass er das Projekt machen wollte. Es gab davor bereits das Angebot von einem Verlag, eine Biografie über mich zu machen. Damals hat er gesagt, er sei kein Biograf – und hat dann ein Jahr darauf angeregt, es zu machen.
Ihr Vertrauensverhältnis wird spürbar, und Sie haben Köhlmeier auch Intimes anvertraut, z. B. dass Sie nicht beschnitten wurden. Als Leser fühlt man sich zuweilen ein bisschen wie ein Voyeur. Wie geht es Ihnen damit?
Da haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich habe nicht viel nachgedacht beim Reden. Beim Lesen der Fahnen habe ich nur darauf geachtet, dass nichts drin ist, was andere kränken könnte. Ich habe Köhl-meier Carte blanche gegeben, denn ich schätze ihn sehr. Jetzt ist mir auch einiges peinlich, und beim ersten Lesen des Buches bin ich einige Male errötet und hab’ mir gedacht: Scheiße, das hätte ich nicht tun sollen. Aber ehrlich ist ehrlich, und nackt ist nackt. Dafür freu’ ich mich manchmal, dass er mich, was mein Wissen anbelangt, sogar klüger hat erscheinen lassen.
Da Michael Köhlmeier bei unserem Gespräch nicht anwesend war, soll er dazu wenigstens aus einem „Standard“- Interview (19.9.) zitiert werden: „Es ist für einen Autor ein Glücksfall, jemanden zu treffen, dessen private und Familiengeschichte mit jener des Kontinents so sehr in Deckung kommt. Roberts Geschichte wäre ohne die Geschichte des 20. Jahrhunderts vollkommen anders. Das wäre bei mir wahrscheinlich nicht der Fall.“






















