In den kommenden Monaten begibt sich WINA auf einen langen Spaziergang durch die Bezirksmuseen der Stadt Wien.
„Das Bezirksmuseum ist eine Bildungsinstitution“
Seit wann gibt es das Bezirksmuseum Leopoldstadt, und wo genau ist es im Bezirk beheimatet?
Georg Friedler: Das Bezirksmuseum ist, wie die meisten anderen Wiener Bezirksmuseen, vor rund 60 Jahren gegründet worden. Die Initiatoren waren der damalige Bezirksvorsteher Hubert Hladej und Josef König sen., dessen Sohn extra für das Museum einige in der Dauerausstellung zu sehende Dioramen gebaut hat und später Gemeinderat im Bezirk und SPÖ-Behindertensprecher wurde. 1963 wurde der Verein gegründet, 1968 das Museum eröffnet, dessen erster Leiter Ferdinand Hiebner war.
Das Museum war von Anfang an im Magistratischen Bezirksamt für den zweiten Bezirk beheimatet. 1966 wurde der Hof des Amtshauses überdacht und so die heutigen Räume des Museums geschaffen, wobei im Eröffnungsjahr auch das Zirkus- und Clownmuseum hier beheimatet war, ehe dieses auf den Ilgplatz 7 umgezogen ist.
Wie sind Sie persönlich an das Museum gekommen?
Ich selbst bin ein Kind vertriebener jüdischer Wiener:innen und wurde noch in der Emigration in Frankreich geboren. Beide waren nicht nur jüdisch, sondern auch im Widerstand; sie waren also doppelt gefährdet. Durch meine Eltern wurde ich von klein auf politisch sozialisiert und mein Interesse an Geschichte geweckt.
Ich erinnere mich, dass ich beim ersten Besuch von der Dichte des Bestandes erschlagen war. Als ich dann 2014 Leiter wurde, habe ich begonnen, das Museum neu zu konzipieren und die Räume neu zu gestalten. Damals wurde mir vom Bezirksvorsteher Karlheinz Hora und seinem Vorgänger, Gemeinderat Gerhard Kubik, die Leitung des Bezirksmuseums anvertraut.

den Highlights des Museums. © Bezirksmuseum Leopoldstadt
Das heißt, dass Sie Ihre historische Expertise, aber auch Ihr biografisches Wissen von Beginn an hier im Museum eingebracht haben?
Es war für mich tatsächlich das Allererste, entsprechend der Geschichte und Bevölkerungsstruktur des zweiten Bezirks den Bereich, der sich der jüdischen Geschichte widmet, wesentlich zu vergrößern. Bis dahin gab es hier tatsächlich nur ein „jüdisches Eck“ – nicht zuletzt, weil Josef König noch zu jener Generation von Juden gehörte, die sich aus Furcht nicht offen zeigen wollten. Als wir mit der Gestaltung des jüdischen Bereichs fertig waren, hat Hans König gemeint: „Ich gratuliere dir! Das hat sich mein Vater nie getraut!“
Wenn man mir nicht zugesagt hätte, dass ich das umsetzen kann, wäre ich nicht da.
Wie ist der Bereich heute inhaltlich aufgebaut und kontextualisiert?
Den Beginn macht eine historische Tür, von der wir einen Flügel hier ausgestellt haben. Die Tür stammt aus einer ehemaligen Sammelwohnung in der Krummbaumgasse 1. Die Tür weist massive Schäden durch eine Axt auf, mit der die Nationalsozialisten eindringen wollten. Sie hielt aber dank der inneren Blechbeschichtung stand. Dennoch wurden fünf Menschen aus dieser Wohnung deportiert und ermordet. Um diese Tür zu bekommen, habe ich dem Hauseigentümer eine neue Tür angeboten – so hat er eine neue Tür gehabt und wir dieses sehr besondere Stück der Dauerausstellung. Die Steine der Erinnerung vor dieser Adresse haben meine Frau und ich initiiert, und schon 2004 waren wir Teil der Initiative von A Letter To The Stars.
Nach einer Sonderausstellung über jüdische Musiker:innen haben wir einen Teil davon übernommen, der nun ebenfalls in der Dauerausstellung seinen Platz gefunden hat.
Von hier aus geht es zu einer Wand, die sich mit dem Holocaust beschäftigt und die von Brigitte Bailer kuratiert wurde. Hier machen wir auch klar, dass die Wurzeln des Antisemitismus in Wien weit zurückreichen. Hier findet man einen Koffer, der aus einer Sammelstelle stammt. Und von hier aus machen wir auch klar, dass es ganz und gar nicht erwünscht war, dass nach Kriegsende Jüdinnen und Juden wieder nach Wien zurückkamen. Da hat Österreich sehr, sehr lang gebraucht. Bei der Vitrine zur Religion hat Milli Segal uns sehr unterstützt. Besonders freuen mich die Fotos, die wir über das heutige religiöse Leben im Bezirk bekommen haben, denn es ist wichtig, auch diesen Aspekt zu fokussieren. Ein eigener Bereich widmet sich dementsprechend dem Thema Alltagskultur.
bezirksmuseum.at/de/veranstaltungen
Bezirksmuseum Leopoldstadt
Karmelitergasse 9, 1020 Wien
Mittwoch, 16–18:30 Uhr & Sonntag, 10–13 Uhr
Museumsleitung: Georg Friedler
Tel.: +43/(0)664/933 81 870
bezirksmuseum.at/de/museum/leopoldstadt
Es finden sich auch zahlreiche Objekte zu Theatern, Kinos, Musik und den vielen jüdischen Künstler:innen, die hier gelebt und gearbeitet haben.
Eine leider schon verstorbene Mitarbeiterin hat hier Wesentliches geleistet und neben den Lebensdaten auch Wohnadressen und vieles mehr recherchiert.
Besonders freut mich, dass wir auch Objekte zu Johann Strauss Sohn haben, denn seine jüdische Herkunft wurde lange Zeit ja sehr bewusst unterschlagen. Die Uraufführung seines Donauwalzers im nahen Diana-Saal im Frühling 1867 war übrigens ein Flop – erst die von Strauss selbst dirigierte neuerliche Aufführung bei der Pariser Weltausstellung im selben Jahr machte An der schönen blauen Donau dann zum Welterfolg.

Wie entstehen die Sonderausstellungen?
Wir haben je nach Thema ein bis zwei Sonderausstellungen im Jahr – und sie beginnen im Grunde immer mit einer Idee. Diese Idee ist meistens in irgendeiner Form historisch bedingt. Dann verteilen wir die Aufgaben im Team, sodass alle in die Recherche zu unterschiedlichen Aspekten gehen, und dann führen die Grafikerin und ich alle inhaltlichen Ergebnisse mit den passenden Objekten sowie grafisch zusammen.
So ist beispielsweise das Thema der aktuellen Schau, die sich durch fünf Schwerpunktthemen zieht, „80 Jahre Bezirksentwicklung“ und war damit ein Teil des Jahresschwerpunkts „Wien 1945“. Die Sonderausstellungen bestücken wir zudem nicht nur aus dem Museumsbestand, sondern bringen hier auch Material aus anderen Quellen. Ich tue mir dabei vielleicht ein bisschen leichter als andere, da ich als Architekt und Stadtplaner in diesen Bereichen jahrzehntelange Erfahrung mitbringe.
2026 ist das Jahresthema der Arge der Wiener Bezirksmuseen Wasser. Planen Sie dazu einen Beitrag?
Tatsächlich hatten wir bereits 2020 die Ausstellung Wie die Donau nach Wien anlässlich 150 Jahre Donauregulierung konzipiert. Nur: An dem Tag, an dem wir den Öffnungstermin hatten, haben wir erfahren, dass wir Covid-bedingt schließen müssen. Die Ausstellung lief zwar, konnte aber in den folgenden Jahren nicht so stark besucht werden wie andere Sonderschauen. Daher haben wir uns entschlossen, Teile dieser Ausstellung anlässlich des Jahresschwerpunkts Wasser der Wiener Bezirksmuseen noch einmal aus unserem Archiv herauszuholen.
Finden wir im einen Raum die Sonderausstellung sowie daran anschließend den von Ihnen und Ihrem Team hervorragend aufgebauten Schwerpunkt zur jüdischen Geschichte und Gegenwart des Bezirks, so bietet der zweite Raum an unterschiedlichen Stationen Einblicke in die allgemeine Bezirksgeschichte sowie wesentliche Orte bzw. historische Momente, etwa die großen Bahnhöfe, Donau, Prater, um nur einen Bruchteil aufzulisten.
Ein Publikumsliebling ist das Diorama mit 250 Figuren, das die Rotenstern-Barrikade auf der Praterstraße im Zuge der Revolutionsereignisse von 1848 zeigt.
Ein besonders schönes Objekt ist auch die Originalrosette des ehemaligen Nordbahnhofs, die man auch auf einem historischen Foto sehen kann. Sie wurde mit einem Kran hereingehoben, bevor der Lichthof dann überdacht wurde. Auch das ist eine der vielen Geschichten, die dieses Museum erzählen kann.
Ebenfalls gerne besucht wird der Schaukasten zur ersten Sparkasse für die Wiener Allgemeinheit, die hier im Bezirk gegründet wurde. Und ein großer Teil unseres Museums widmet sich dem Prater in allen seinen Facetten. Ein Highlight ist hier das 1,5 Meter hohe Modell des Riesenrads, dass einer glaubwürdigen Erzählung nach in den Dreißigerjahren vom damals arbeitslosen Leopold Küchler aus zahllosen abgebrannten Zündhölzern angefertigt wurde, um nicht verrückt zu werden. Allein die Renovierung hat hunderte Stunden gebraucht, und ich weiß schon jetzt: Beim Abtransport im Zuge der bevorstehenden Umbauarbeiten werde ich vor lauter Nervosität nicht dabei sein.
Was mir auch wichtig ist und daher einen eigenen Schwerpunkt findet: Die Wurzeln der modernen Bildhauerei liegen – und zwar durchgehend – im zweiten Bezirk. So wurden die beiden erhaltenen Pavillons der Wiener Weltausstellung im Prater von 1873 bereits von Kaiser Franz Joseph I. Bildhauern zur Verfügung gestellt. Anton Hanak gründete hier eine Schule, Hrdlicka, Avramidis, Gironcoli und andere arbeiteten hier, und Ulrike Truger war die erste Frau, die hier ein Atelier erhielt. Fritz Wotruba hatte auch sein Atelier in der Böcklinstraße, und die Bildhauer:innen-Ausbildung der Akademie der bildenden Künste befindet sich ebenfalls in der Nähe, im Prater.
„Aufgrund meiner persönlichen
Geschichte ist mir ein politisch
bewusster Zugang zu dem, was
wir ausstellen, sehr wichtig.“
Georg Friedler
Gibt es besondere Anliegen, die Sie in Ihrer Arbeit als Museumsleiter einem breiteren Publikum vermitteln wollen?
Aufgrund meiner persönlichen Geschichte ist mir ein politisch bewusster Zugang zu dem, was wir ausstellen, sehr wichtig. So machen wir auch, seit ich das Museum leite, jedes Jahr rund um das Gedenken an das Novemberpogrom 1938 eine Veranstaltung.
Ein weiteres wichtiges Anliegen ist es, Frauen im Besonderen in den Fokus zu stellen.
Wir haben insgesamt zirka alle zwei Wochen Veranstaltungen, und wenn weniger als 60 Besucher:innen kommen, bin ich enttäuscht. Unsere Angebote kommen wirklich gut an und reichen von Lesungen über Musik und Gespräche bis zu vielem mehr.
Kommt auch internationales Publikum in das Museum, gerade zum Thema jüdische Leopoldstadt?
Ja. Es kommen sogar internationale Studierende und natürlich Nachfahr:innen auf der Suche nach Spuren ihrer Familienmitglieder. Aber in diesen Fällen verweise ich gerne auf das DÖW oder die IKG.
Bei der Fülle an Ausstellungen, Veranstaltungen und Projekten hat man das Gefühl, dass Sie mit einem großen Team arbeiten?
Das schwankt – aber im Moment sind wir nur sechs Personen, das ist tatsächlich das untere Limit. Ich habe aber das Glück, dass in diesem kleinen Team eine Grafikerin ist, mit der ich von Beginn an sehr gut zusammenarbeite, sodass ich mit ihr den Großteil der Ausstellungen selbst gestalte.

Was ist für die nahe Zukunft geplant?
Konkret ist es so, dass das Museum am 2. Juli 2026 geschlossen wird und es in den kommenden Jahren zum Umbau des gesamten Gebäudes kommt. 2029 ist die Wiedereröffnung geplant, von da an wird das Museum im ausgebauten Dachgeschoss des Bezirksamts beheimatet sein.
Das heißt, Sie arbeiten aktuell intensiv an den Umzugsplänen?
Ja. Wir sind zurzeit am Inventarisieren des Bestands und am Verhandeln, was die Größe und Gestaltung der neuen Museumsräume betrifft.
Werden Sie den Umzug und die Neugestaltung im Obergeschoss persönlich betreuen?
Ja! Aus meinen persönlichen beruflichen Erfahrungen weiß ich zwar, dass zehn Jahre ein Zeitraum ist, in dem man neugierig, gespannt, kreativ ist. Was darüber hinaus dauert, wird dann mühsam, und das soll es nicht werden. Aber da ich Architekt bin, will ich diesen Umzug doch noch begleiten.
Gibt es für die Ausstellung in den neuen Räumen bereits Wünsche von Ihnen, auch an etwaige Nachfolger:innen oder neue Mitarbeiter:innen?
Das Bezirksmuseum ist eine Institution, die nicht nur Sammlungen zur Schau stellt, sondern es muss so strukturiert sein, dass es die Geschichte und das Sein und die Vielfalt des Bezirks vermittelt. Was ich mir daher wünsche, ist, dass wir es noch schaffen, die Geschichte des Bezirks systematisch darzustellen. Und damit meine ich nicht eine einfache Chronologie, sondern wirklich die Verbindung von Stadt- und Bezirksgeschichte; was passiert zeitgleich in Europa; wie sah die Bevölkerungsstruktur zu dieser Zeit aus, wie die wirtschaftliche Situation; was für Gewerbe, welche Industriezweige gab es …? Es wäre jetzt die ideale Zeit, diesen Schritt zu machen und im neuen Museum auch eine neue Dauerausstellung nach meinen Maßstäben anbieten zu können. Dann aber gebe ich die Museumsleitung sehr gerne ab.
Ihr Motto?
Das Bezirksmuseum ist eine Bildungsinstitution.























