
Wer im Dezember das Neubauer Bezirksmuseum sucht, muss sich mehr als sonst durch die engen historischen Gassen des Neubauer Spittelbergs schlagen. Stehen hier doch für mehrere Wochen dicht an dicht die bunt beleuchteten und behängten Stände des „Weihnachtsmarktes am Spittelberg“. Der zählt seit Langem schon zu den beliebtesten und meistbesuchten der Stadt, und auch das Neubauer Bezirksmuseum, das seine Heimat in einem der bezaubernden Pawlatschenräume des historischen „Amerlinghauses“ aus dem 1700 hat, ist mit seiner Geburtsstunde im Jahr 1966 schon seit Langem ein Ort der Traditionen mit Tradition. Dabei war das Museum nicht immer an diesem Standort. Als es vor 60 Jahren vom Wiener Volksliedforscher Georg Kotek (1889–1977) „im Einvernehmen mit Bezirksvorsteher Otto Limanovsky* gegründet“ wurde, wie es im Handbuch der Wiener Bezirksmuseen** heißt, war von einem Umzug auf den Spittelberg noch keine Rede. Die ersten Jahre fand man sich im in zwei Depoträumen in der Schule in der Zieglergasse 49, ehe es 1977 in eigene Räume im damals frisch revitalisierten Amerlinghaus ging. Der Umzug in das kurz zuvor besetzte historische Herz des Spittelbergs war kein einfacher, und bis heute wirkt das Museum, obwohl es sich Raum an Raum mit zahlreichen anderen Kulturinitiativen über dem stets gut besuchten „Amerlingbeisl“ befindet, fast wie ein Fremdkörper. Das mag, resümiert Monika Grußmann, seit 2019 Leiterin des Museums, an der nicht unumstrittenen Zusammenführung Mitte der 1970er-Jahre gelegen haben. So war Georg Kotek eine, wie es so gerne im euphemistischen Wiener Sprachgebrauch heißt, „nicht unumstrittene Person“. 1889 in Wien geboren, wechselte der studierte Jurist und langjährige Mitarbeiter der Wiener Elektrizitätswerke mehrfach seine politische „Heimat“, war Mitglied der SDAP, danach Unterstützer des austrofaschistischen Ständestaats und ab 1938 so genannter „Anwärter“ für die NSDAP-Mitgliedschaft. Noch 1944 betonte er im Zuge der Aufnahmebemühungen, dass er sich in der von ihm herausgegeben Zeitschrift Das deutsche Volkslied streng an das „Arierprinzip“ halte.

Erinnerungsarbeit ohne Erinnerung. Wie vielen andere auch diente es Kotek nach Kriegsende, nicht schon während der „illegalen“ Zeit der NSDAP deren Mitglied gewesen zu sein. So war es auch möglich, dass man ihn 1959 mit der Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien und 1966, im Jahr der Museumsgründung, mit der Raimund-Zoder-Medaille auszeichnete. Kotek baute das neue Museum zu einem beachtlichen Teil mit eigenen Beständen auf. Seine eindrucksvolle Bibliothek zu Volksliedern mit über 7.000 Bänden hinterließ er jedoch nicht seiner Neubauer Gründung, sondern dem Österreichischen Volksliedwerk, das auf Basis eben dieses Nachlasses seine wichtige Sammeltätigkeit weiter ausbauen konnte.
Für Monika Grußmann ist es wichtig, auch die Entstehungsgeschichte des von ihr seit 2019 geleiteten Museums zu vermitteln. Gerade in einem Bezirk, der so zentral und auf so vielfältige Weise jüdische Wiener Stadtgeschichte erzählt wie Neubau, bemühen sich Grußmann und die zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen vor allem darum, Bezirksgeschichte als lebendige und alltagsnahe Stadtgeschichte zu vermitteln. Dass die Arbeit in allen Wiener Bezirksmuseen ehrenamtlich ist, sieht die Leiterin dabei als positiven Mehrwert, denn: „Es gibt hier kein Honorar außer Zufriedenheit!“ Und daher, lacht sie, „gibt es auch keine Neider:innen“. Hier wird kollektiv ebenso an Ausstellungen gearbeitet wie Küche, Tische und Böden geputzt und bei Veranstaltungen ausgeschenkt wie Besucher:innen durch die Bestände geführt, moderiert und Neues geplant. Dass man mit der Arbeit des Museums „zufrieden“ ist, liegt also in den Händen aller, die hier nicht nur zu den Öffnungszeiten sichtbar an der Vermittlung von Bezirks- und Stadtgeschichte teilhaben.
„Man muss wirklich dafür sorgen,
dass alles gemacht wird.“
Monika Grußmann
Kleiner Raum mit vielfältigen Möglichkeiten. Aufgrund der im Vergleich mit den anderen Wiener Bezirksmuseen winzigen Museumsfläche ist es, so Grußmann, nicht möglich, das Museum mit einer Dauerausstellung zu bestücken und weitere Räume für Wechselausstellungen und Veranstaltungen zu nutzen. An ihre erste Begegnung mit dem Museum erinnert sich die Kulturmanagerin daher auch mit einigem Schmunzeln: „2013 war das Museum voll mit Objekten, bis hin zu grau bemalten Styroporsäulen, an denen Efeu-Attrappen hingen. Es hat ein bisschen so ausgeschaut, wie heute unser Depot aussieht, doch so war schlichtweg kein Platz, um Veranstaltungen anzubieten. Daher habe ich mich ganz bewusst für eine neues, mobiles Konzept entschieden.“ Dank der Initiative von Grußmann hat der in drei lose „Abteilungen“ strukturierte schlauchförmige Museumsraum nun einen stetigen „Flow“ erhalten. „Nur ganz wenige Stücke haben einen festen Platz, der ihnen nicht weggenommen wird“, schmunzelt sie und zeigt auf zwei riesige funktionstüchtige Webstühle, zwei der Prunkstücke des Museums, von denen der eine, ein Jacquard-Webstuhl, aus einer Seidenweberei in der Andreasgasse stammt. Und so findet man tatsächlich bei fast jedem Besuch Objekte an anderen Stellen, die Neubauer Bezirksgeschichte immer wieder neu strukturiert und dadurch neu kontextualisiert. Natürlich wären, weiß Grußmann, mehr Räume, vor allem auch für die wertvolle Archivierungsarbeit und die immer beliebteren Veranstaltungen, wichtig und notwendig. Doch aus der historisch gewachsenen (Raum)Not eine Tugend zu machen, zählt zu den besonderen Qualitäten gerade dieses Museums.
Eine weitere Besonderheit, auf die Grußmann gerne hinweist, ist, dass mehr als die Hälfte ihres Teams „nicht im Pensionsalter“ ist. Das ist, erzählt sie, auf der einen Seite eine nicht unwesentliche und oft nervenaufreibende zeitliche Herausforderung, die auch mit einigen Hürden verbunden ist, Schlagwort: Ausstellungsdienste. Auf der anderen Seite bedeutet ein so gemischtes Team auch, dass hier eine Vielzahl an Interessen Raum finden kann. Die „ältestes Mitarbeiterin ist 84, die jüngste 17“, freut sich Grußmann nicht nur in Hinblick auf das große Thema generationenübergreifendes Arbeiten. „Das tut etwas mit der Art, wie gemeinsam an Bezirksgeschichte gearbeitet wird und wie sie auch vermittelt werden kann. Das hat einen Effekt darauf, wie man Museum denkt, was man ausstellt, wie man konzipiert, was man priorisiert. Das ist ganz verschieden.“ So gibt es ein sehr lebendiges „Gartenteam“, aktuell arbeitet ein weiteres Team an Ehrenamtlichen im Rahmen einer Medienausbildung an einer Filmdokumentation über das Museum und Neubauer „Lieblingsorte“, und in einer weiteren generationenübergreifenden Arbeitsgruppe wird seit einiger Zeit intensiv an der facettenreichen Geschichte der Seidenarbeiter:innen und Seidenmanufakturen in Neubau gearbeitet, die schon seit der Eröffnung der Räume optisch wie thematisch das inhaltliche Kernstück des Museums bilden. Die Teams, betont Grußmann den für sich wesentlichen Aspekt der aktiven und aktivierenden Partizipation, „sind selbstorganisiert. Und es ist jederzeit möglich, sich an eine Arbeitsgruppe anzuschließen. Oder eben auch mit ganz neuen eigenen Ideen und Projekten zu uns zu stoßen.“

Fokus jüdische Bezirksgeschichte. Eine weitere Gruppe, die seit mehreren Monaten mit Begeisterung an die gemeinsame Arbeit geht, nennt sich „Lizkor“ – Erinnerung – und widmet sich im Speziellen jüdischen Bezirksbewohner:innen. Einer der Ausgangspunkte war hier die Kontaktaufnahme einer in Israel lebenden bildenden Künstlerin, deren Vater einst in der Neubaugasse aufwuchs, ehe er aufgrund seiner jüdischen Herkunft noch als Jugendlicher zur Flucht gezwungen wurde. Erst vor Kurzem konnte eine kleine Delegation des Museums in Israel ein umfangreiches Interview mit der Tel Aviver Künstlerin führen, und aktuell wird bereits an der Dokumentation der Lebensgeschichte des lange Zeit „vergessenen“ Neubauers gearbeitet, aber auch an Ideen für eine Ausstellung und Wien-Reise seiner Tochter spätestens 2027. Fotos, Videos und weitere Recherchen ergänzen das Einstiegsprojekt von Lizkor, das sich nur als eines von vielen weiteren geplanten sieht. Andere Projekte zur jüdischen Bezirksgeschichte umfassen etwa auch geplante Veranstaltungsreihen zur Theater-, Kino- und Filmgeschichte des bekannten „Wiener Filmbezirks“, zu Literatur, Musik und vieles mehr.
„Jedes Bezirksmuseum in Wien hat eine eigene Aura und eine eigene ‚mission‘.“
Monika Grußmann
Bereits vor einigen Jahren, erzählt Grußmann, gab es ein innovatives Stationen-Projekt eines Neubauer Unternehmers zu jüdischen Orten des Bezirks, das von einer Sonderausstellung im Museum begleitet wurde. Der gewählte Fokus der damaligen Schau*** auf die Verfolgung queerer Personen während des Nationalsozialismus lag der Leiterin dabei besonders am Herzen, und so konnten in diesem Fall auch Sondermittel aufgestellt und eine Publikation realisiert werden. „Das kommt aber nur zustande“, betont Grußmann, „wenn man sich wirklich viel Zeit nimmt, auch Urlaub nimmt, wenn man berufstätig ist, die Einreichungen um öffentliche Förderungen macht und vieles mehr“ – keine leichte und sehr zeitaufwändige Herausforderung, der sich nicht viele stellen können und wollen. „Danach habe ich tatsächlich eine Pause gebraucht“, erinnert sich Grußmann an das Großprojekt von 2022–2023. Doch sind es gerade sichtbare Projekte wie dieses, denen dann so unerwartete wie berührende Anfragen wie jene aus Israel folgen. Und damit wieder neue Projekte, Arbeitsgruppen und leidenschaftliche ehrenamtliche Bezirksforscher:innen. „Ich versuche, das Museum auf soziokratische Beine zu stellen statt Top-down-Themen zu auszurufen, und dann will keine:r daran arbeiten“, erläutert Grußmann ihren Ansatz. Was sie sich noch erhofft, ist, dass es, vor allem, wenn es um jüdische Bezirksgeschichte geht, vermehrt auch zwischen den Teams zu einem angeregten Austausch kommt, etwa, wenn zu Themen wie Seide und Handel, Theater und Kino auch auf spezifische jüdische Bezirksthemen im Besonderen hingewiesen wird. Ein schönes Beispiel ist hier für die Museumsleiterin die neue Warenhausausstellung****, zugleich mobil konzipiert und doch Teil der geplanten festen – aber eben beweglichen – Dauerausstellung. Mit Objekten aus der Museumssammlung wird hier an eine Handvoll wichtiger Neubauer Großkaufhäuser erinnert, ohne, wie im Falle von Gerngroß, deren jüdische Vergangenheit auszublenden.
Bezirksmuseum Neubau
Mi., 17–19 Uhr & Sa., 10–13 Uhr
Museumsleitung: Monika Grußmann; Stellvertretung: DI (FH) Julia Sobota
+43/(0)676/657 25 76; bm1070@bezirksmuseum.at
bezirksmuseum.at/de/museum/neubau/
Pläne für das Jubiläumsjahr. Für 2026 gibt Grußmann erste Einblicke in eine Reihe von Projekten, an denen bereits intensiv gearbeitet wird. So soll aus Anlass des 60-jährigen Gründungsjubiläums in Zusammenarbeit mit dem Volksliedwerk ein Projekt zu eben jenem Gründer des Museums, Georg Kotek, entstehen. Und dabei auch gefragt werden, „von welchem Heimatbegriff wir hier überhaupt sprechen und wen aller dieser Heimatbegriff inkludiert und damit zeitgleich auch ausgeklammert hat“. Auch eine „Dauerausstellung“ soll es bald schon geben, wenn auch eben eine, die sich anders präsentieren will, als es die meisten Museumsbesucher:innen erwarten: „Wunderkammer“ nennt sie Grußmann und erläutert: „Jede und jeder Mitarbeiter:in sucht sich aktuell ein Lieblingsobjekt im Museum aus und soll es nach eigenem Gusto beschreiben. Auch hier will nicht ich vorgeben, was jemanden an einem Objekt zu interessieren hat, aber es wird Anregungen geben.“ Fix ist etwa die Bitte zu recherchieren, wie das Objekt an das Museum kam, also das Anliegen, genauer über Provenienz und etwaige jüdische Vergangenheit eines Gegenstandes zu forschen. „Das Objekt kommt daher, als wäre nichts gewesen“, doch der Schein trügt oft, weiß Grußmann und zeigt auf einen schönen alten Stahlrohrtisch, dessen Hersteller zu den viel- und gutbeschäftigten Neubauer Auftragnehmer:innen des NS-Regimes zählte.
Was Grußmann durch ihre offene, einladende Art der Museumsleitung erhofft, ist, dass zum Beispiel ein Team wie jenes von Lizkor zeigen kann, dass sich jüdische Geschichte durch den ganzen Bezirk zieht und man, wo immer sich eine der ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen gerade hineinbohrt, auch der Blick dafür nicht ausgeblendet wird. Was Grußmann zusammenfassend mit am wichtigsten ist: „Was ich mir wünsche, ist, dass wir uns mit den Themen fundiert beschäftigen – und das ganz egal, ob das berühmte Menschen waren oder nicht. Nichts ist erst dann ,erzählenswert‘, wenn eine Person ,etwas war‘.“
„Es gibt kein Honorar außer Zufriedenheit“

* Der gelernte Kürschner Otto Limanovsky (1907-1984) war ÖVP-Bezirksvorsteher von Neubau von 1965 bis 1978.
** Raimund Zoder (1882–1963) war Volkskundeforscher und Volksbildner und Begründer des Niederösterreichischen Volksliedarchivs.
*** Homo Neubau. Bezirksgeschichte(n) 1938-1945. Katalog zur Ausstellung. Wien: Bezirksmuseum Neubau 2021.
**** Die Großen Vier –Warenhäuser der Mariahilfer Straße, Kurator:innen: Daniela Urschitz und Claus Fronius.




















