
Unter starken Einstiegen in einen Roman spielt dieser ganz vorne mit: „Sie ist fort. Julia hat mich verlassen. Ich glaube, diesmal für immer. Sie ging in aller Stille fort, im Schutz der Nacht.“ Für Klage um Julia fand die Autorin, Susan Taubes, zu ihren Lebzeiten keinen Verlag, selbst wenn sich ein literarisches Schwergewicht wie Samuel Beckett dafür einsetzte.
1969 nahm sie sich das Leben, 2023 erschien der Roman Lament for Julia zunächst in den USA, dieses Jahr auf Deutsch in Berlin. Es ist ein Buch mit außergewöhnlicher Kraft – und präziser, in den Bann ziehender Sprache. Das Frauenleben könnte von Marlen Haushofer oder Ingeborg Bachmann erzählt worden sein, eine subtile, aber unzweideutige Anklage gegen die Einschnürung der Frau, nicht zuletzt durch „die Ungeheuer namens Hans“, die Bachmann in ihrer Erzählung Undine geht zur Verantwortung zieht.
Bei Taubes geht es noch einmal komplizierter zu. Sie wendet die Story, breitet sie aus einer männlichen Perspektive aus, man kann den Hansen über die Schulter schauen, wie sie Julia erziehen, formen, einsperren, kontrollieren, quälen. Man hört immer über Julia, was sie macht, nicht tut oder wie sie funktionieren sollte, aber nie von ihr selbst. Sie bleibt im ganzen Buch stumm, Objekt.
Ein männlicher Erzähler berichtet über „seine“ Julia, von ihrer Geburt weg. Er ist eine Art Geist, ein Wort gewordenes Erziehungsprogramm, er changiert vom guten Beschützer zum Kumpel, vom heimlichen Voyeur zum strengen, realistischen Ratgeber, vom philosophischen Analysten zum praktisch – und brutal – agierenden Freud’schen Über-Ich.
Nur ganz selten lässt er sich in die Karten schauen, macht eine Andeutung über sich selbst: „Meine Vorstellung von meiner physischen Erscheinung war die eines sehr dünnen Herrn in Schwarz mit einem Gehstock, ein Geistlicher oder Leichenbestatter. Gleichzeitig erschien ich mir hart, glänzend und segmentiert, möglicherweise ein Käfer.“ Die Anspielung auf Franz Kafka kann kein Zufall sein, an anderen Stellen scheint die Ausweglosigkeit seiner Figuren vor geschlossenen Türen ebenfalls durch. Aber auch Lolita von Vladimir Nabokov oder die mysteriösen Traumgeschichten eines Jorge Luis Borges klingen an.
Nie aber wird das Buch zur bloßen Nachahmung, zu stark ist Taubes’ eigener Ton, zu souverän beherrscht sie die messerscharfe Analyse und auch den gelegentlichen Schwenk zu bitterem Humor.
„Ich weiß nicht, wo Julia endet oder wo
sie beginnt. Ich weiß nicht, wo sie ist.
Verloren. Außerhalb der Zeit.“
Aus Susan Taubes:
Klage um Julia
Die Familie, in die Julia hineingeboren wird, wirkt grotesk verzerrt, mit degenerierten Eltern, in einem heruntergekommenen großbürgerlichen Haus voller Bediensteter.
Der Erzähler, der Geist, der Erzieher, schaut einerseits darauf, dass das Mädchen die grundlegenden Kulturtechnikern lernt, sich bei Tisch ordentlich benimmt. Aber er ist auch flexibel genug, bei ihren kindlichen Ausbruchsversuchen mitzuspielen, ihr kleine persönliche Heimlichkeiten wie das Erkunden des Dachbodens zu gestatten. Seine Herrschaft gibt sich flexibel, lässt Leine, zieht aber wieder an, wenn es ihm wichtig wird. Der Geist beobachtet Julia auch argwöhnisch dabei, wie sie zur Frau wird, wie ihr Brüste wachsen, sie ihre erste Periode bekommt. Und er wird geradezu eifersüchtig, als er bemerkt, wie sie ihre ersten Interessen am anderen Geschlecht entwickelt, noch dazu zu einfachen, groben Burschen.
Ein Soldat, kurz vor dem Aufbruch in den Krieg, soll sie dann in einem Gasthauszimmer entjungfern, wiederum entgleitet sie ihrem Kontrollor kurz. Ab nun setzt er ganz auf Ordnung, sie muss schließlich eine klassische Frauenkarriere absolvieren. Bei der Suche nach einem geeigneten Ehemann gelten ganz die herkömmlichen Kriterien von Klasse und Bildungsdünkel. Kurz kommt ein vertrockneter Graf mit Gütern in Siebenbürgen in Betracht, aber dann wird es doch ein begabter bürgerlicher Ingenieur, der nur Schiffe noch mehr liebt als seine junge Braut. Er ist hochgradig verwöhnt von seinen beiden Großtanten, und sie werden auch – viel schlimmer als jede Schwiegermutter – die Ehefrau und bald Mutter ebenso streng überwachen wie der männliche Weltgeist. Eine Zeitlang geht das gut, Julia bekommt drei Mädchen und ist mit ihnen mehr als beschäftigt. (Die eigentlich notwendigen sechs Söhne sind bald außer Reichweite). Aber langsam steigt die Unruhe, Julia trinkt heimlich, beginnt ihre scheinbar heile Welt mehr und mehr als Gefängnis zu sehen.

Pointierte Beobachterin Die Suche nach einem Liebhaber scheint in dieser Situation nur allzu logisch. Es ist ein Architekturstudent aus der Großstadt, zu dem sie sich ins Bett seines kleinen Zimmers legt, von ihm lässt sie sich schwängern, den Buben bringt sie als Kuckuckskind ihrem Mann nach Hause. Natürlich hält die Affäre nicht, der Liebhaber zieht zurück in die Metropole. Jetzt geht alles sehr schnell – und bleibt doch rätselhaft. Julia ist weg.
„Ich weiß nicht, wo Julia endet oder wo sie beginnt. Ich weiß nicht, wo sie ist. Verloren. Außerhalb der Zeit.“ Hat sie also ihre Flucht geschafft? Hat sie den ultimativen Exit gewählt? Und was ist aus dem gewaltigen Aufwand des erziehenden, kontrollierenden, lenkenden Geists geworden? Musste er letztlich doch verlieren?
Susan Taubes selbst hat den Freitod gewählt, ist in den Hamptons ins Meer gegangen. Kurz zuvor war ihr noch die Publikation ihres ersten Romans gelungen: Divorce, auf deutsch Nach Amerika und zurück im Sarg. Dabei hatte sie ihre Berufslaufbahn nicht als Schriftstellerin begonnen.
Susan wurde als Judith Zsuzsánna Feldmann 1928 in Budapest geboren. Ihr Vater Sándor war Psychoanalytiker, ihr Großvater Mózes Feldmann neologer Oberrabbiner. 1939 emigrierte Feldmann mit seiner Tochter in die USA, die Mutter blieb in einer neuen Beziehung in Ungarn zurück. Susan war trotz Sprachwechsels eine gute Schülerin, studierte Philosophie und schloss das Studium mit einer Dissertation über Simone Weil ab. Sie heiratete dann den aus Wien stammenden Judaisten Jacob Taubes, bekam zwei Kinder und unterrichtete Religionsphilosophie an der Columbia University. Mitte der Sechzigerjahre wandte sie sich dem Theater und der Literatur zu, lernte unterschiedliche Intellektuelle kennen, entwickelte eine enge Freundschaft mit der Kritikerin und Schriftstellerin Susan Sontag. Diese sollte sie auch nach ihrem Selbstmord mit nur 41 Jahren identifizieren. Klage um Julia enthält – wie die englische Originalausgabe Lament for Julia, die 2023 erschien – neun weitere Short Storys von Taubes. Die unterschiedlichen Jugend- und Leidensgeschichten sind gut geschrieben, reichen aber an Kraft und Originalität bei Weitem nicht an die titelgebende Geschichte heran.






















