Ein hochmusikalischer Amerikaner in Berlin

Das jiddisch-literarische Chanson mit den Melodien der 1920er-Jahre ist seine Leidenschaft: Diese verwirklicht Adam Benzwi als Pianist, Dirigent und Arrangeur in Wien und in Berlin. Mit WINA sprach er über seine Projekte an der Wiener Volksoper und am Theater in der Josefstadt.

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Adam Benzwi: Der seit 1984 in Berlin lebende Dirigent, Pianist und Honorarprofessor an der Universität der Künste im Gespräch mit WINA. Foto: Reinhard Engel

WINA: Sie haben Vorfahren aus der Ukraine und solche, die in Istanbul aufwuchsen und bereits 1934 in Palästina studierten. Sie wurden 1965 in San Diego, Kalifornien, geboren. Woher stammt dieser schöne hebräische Familienname Benzwi, übersetzt Sohn des Hirsches?
Adam Benzwi:
Mein Vater wurde zwar 1918 in Odessa gezeugt, doch die Großeltern flohen bald darauf nach Istanbul. Dort sind sie als Flüchtlinge gut aufgenommen worden, und meine geliebte Oma Dvora hatte vor der Flucht Diamanten geschluckt, damit konnten sie sich eine bürgerliche Existenz aufbauen. Mein Vater erzählte oft von seiner großbürgerlichen jüdischen Kindheit. Meine Großeltern waren moderne Zionisten, zu Hause wurde Hebräisch gesprochen, wir reden jetzt von den 1920er-Jahren! Später beherrschte mein Vater Robert (Reuven) Benzwi* insgesamt sieben Sprachen. Bereits mit 15 Jahren wechselte er an das deutsche Gymnasium im damaligen Palästina und begann dort am Technion in Haifa Mathematik zu studieren, denn er wollte Ingenieur werden – und er ist viel mehr geworden.

In der Ukraine hießen die Großeltern Herschel und Dvora Kossoy. Wann kam es zur Namensänderung?
I
Mein Vater Reuven Kossoy hat in Palästina seinen Namen zu Ehren des zionistischen Arbeiterführers und späteren zweiten Präsidenten Israels Itzhak Ben- Zwi** geändert. Aber der Name passt sowieso genau, denn er ist ja der Sohn von Opa Herschel, also Ben- Zwi. Reuven hat Palästina verlassen, um in Paris sein Ingenieursstudium abzuschließen. Als die Nazis in Frankreich einmarschierten, floh er mit dem Schiff nach England, wo er Maschinen mit Bombenschäden reparierte. Am renommierten Imperial College in London komplettierte er seine Ausbildung. Erst 1948 kam er in die USA, zuerst an die Ostküste, wo sich Teile unserer Familie niedergelassen hatten. Hier wurde Reuven zu Robert und später Bob.

Jetzt fehlt mir nur noch ihre Mutter?
I
Meine Eltern lernten sich in New York kennen. Für meine Oma ist damals eine Welt eingestürzt, denn Reuven verliebte sich in eine Schikse, eine blondierte polnische Katholikin. Mein Vater, der ehemalige Talmud-Schüler, hatte sich zum leidenschaftlichen Atheisten gewandelt. Er war Wissenschafter und glaubte nicht mehr an G’tt. Das Verhältnis war fortan belastet, denn seine Mutter konnte nicht verstehen, wie dieser so gut jüdisch-zionistisch erzogene Sohn das machen konnte. Ich fühle mich Oma Dvora sehr stark verbunden, verstehe schon länger ihr Leid und möchte ein bisschen was gut machen. Ich möchte meine Mutter als Ehrenjüdin bezeichnen, denn sie liebte alles Jüdische, hat mit uns in einem jüdischen New Yorker Slang gesprochen, die Speisen meiner Oma ständig nachgekocht – doch das Herz der Schwiegermutter konnte sie nicht erobern, obwohl sie ihre ganze Energie für das Jüdische aufwendete.

Sie studierten an der Columbia University in New York und der Stanford University in Berlin, wo Sie auch seit 1984 leben und als Pianist, Dirigent arbeiten und Musik unterrichten. Sind Sie einfach nach dem Studium in Europa geblieben?
I
An der Columbia University habe ich zuerst Architektur studiert, weil ich dachte, diese strengen Strukturen passen auch zu meinen musikalischen Ambitionen. Denn ich spielte schon mit zwölf Jahren Klavier – und wurde sogar dafür bezahlt! Als ich an die Stanford nach Berlin kam, merkte ich, dass ich für Architektur null Talent habe. Ich fragte mich, warum eigentlich Deutschland? Ich habe keine Wurzeln da, doch irgendwie hat mich Berlin angezogen. So bin ich geblieben und habe mir mit 19 Jahren den Lebensunterhalt als Pianist verdient, unter anderem in einem Puff.

Welchen musikalischen Weg haben Sie dann eingeschlagen?
I
Die Vergangenheit Deutschlands hat mich stark geprägt: Ich habe Musikstücke über das Dritte Reich und deren Propagandalieder gemacht. Gleichzeitig begegnete ich viel jüdischem Kulturgut aus den Zwischenkriegsjahren, also dem blühenden Berlin vor der Schoa. Ich merkte immer stärker, dass ich eine Art spirituelle Mission hatte, nach Deutschland „zurückzukommen“, auch wenn meine Familie hier nie gelebt hat. Gerade in diesem Land wieder die jüdischen kulturellen Perlen aufblitzen zu lassen; Stücke zu bearbeiten, die nicht unbedingt etwas mit dem Leid der Juden zu tun haben, sondern Schätze, die einfach vergessen wurden. Diese mit viel Humor, Schwung, Sex und toller Musik wieder zum Leben zu erwecken, machte nicht nur viel Spaß, sondern brachte auch eine innere Genugtuung.


„Als Kind wollte ich Schauspieler
werden, deshalb diese Affinität zu
literarischen Chansons, die mich

wie auch die Lieder von Brecht faszinieren.“

Wie entdeckten Sie diese Texte und Musik?
I
Ich geriet an einen Travestiekünstler, der sich Berlins literarische Dame nannte. Ich begleitete bei ihm Lieder der Zwischenkriegszeit, u. a. von Friedrich Hollaender, Walter Mehring und Kurt Tucholsky. So entdeckte ich die gehaltvollen literarischen Chansons. Je länger ich lebe, werde ich irgendwie immer mehr jüdisch. Insbesondere auch durch die enge und langjährige Zusammenarbeit mit Barrie Kosky an der Komischen Oper Berlin und im Berliner Ensemble. Auch durch die jiddische Sprache in unseren diversen Programmen merke ich, wie sehr das ein Teil von mir ist. Und ich werde täglich damit konfrontiert: Vor meinem Haus liegen Stolpersteine zum Gedenken an die Ermordeten. Ich habe mich mit dem Schicksal dieser Menschen beschäftigt, war in den Wohnungen, aus denen sie abgeholt wurden.

Sie arbeiten mit den angesagtesten Regisseuren, Schauspielern und Künstlerinnen des deutschen Theaters zusammen. Mit Barrie Kosky haben Sie auch Opern gemacht, aber bei Ihnen überwiegen die Operette und das Kabarett?
I
Mich hat immer Gesang interessiert, also Text und Musik. Das geht auf meine Mutter zurück: Sie stand bei mir am Klavier, wir haben Lieder von George Gershwin gesungen, und sie hat mich immer auf die Bedeutung der Worte und nicht nur die Melodien aufmerksam gemacht. Als Kind wollte ich Schauspieler werden, deshalb diese Affinität zu literarischen Chansons, die mich wie auch die Lieder von Brecht faszinieren.

Sie haben an der Volksoper das Stück Ein bisschen Trallala einstudiert und dirigiert, einen Abend voll mitreißender Musik und jüdischem Humor. Eine spritzige Collage, die mit frivolen Revue- und Operettensongs aufwartet, und das als Hommage an zwei Stars ihrer Zeit: Fritzi Massary und Max Pallenberg, dargestellt von Ruth Brauer-Kvam und Robert Palfrader. Wie kam es zu den diversen Engagements in Wien?
I
Ruth Brauer-Kvam hat mich gefragt, ob ich das machen möchte. Wir kannten einander aus Berlin, denn ich debütierte 2013 als musikalischer Leiter an der Komischen Oper mit Ball im Savoy – da war Ruth eingeplant, wurde aber schwanger und schied aus. In der Spielzeit 1921–1922 war sie dann eine der wunderbaren Stars bei Barrie Koskys All Singing, All Dancing Yiddish Revue, ein Abschiedsgeschenk, das sich Barrie als scheidender Intendant der Komischen Oper selbst machte. Das war ein fulminanter Abend, eine Riesenshow, die ebenso Musik aus New York beinhaltete wie auch jene aus dem Stetl, also quer durch von den 20er- über die 30er- bis zu den 40er-Jahren – und alles auf Jiddisch.

Sie haben zuletzt die Musik für Ein deutsches Leben in der Regie von Andrea Breth am Theater in der Josefstadt arrangiert. Die wunderbare Lore Stefanek verkörpert an diesem Soloabend die Sekretärin von Josef Goebbels, und Sie selbst sitzen bei jeder Aufführung in Wien am Klavier.
I
Das Stück zu machen, war die Initiative von Andrea Breth, mit der ich schon am Berliner Ensemble zusammengearbeitet habe. Wir mögen einander sehr, künstlerisch und menschlich, und sie fand, ich sollte das machen. Andrea wusste, dass ich in der Materie der NS-Propagandalieder bewandert bin. Ich habe also einen Strauß von vielen Liedern angeboten, und sie hat ausgewählt. Die Texte sind Wahnsinn, oder? Zum Beispiel das Lied Die tapfere kleine Soldatenfrau, das die „deutschen Frauen“ lobt. Wie perfide ist das denn?

Ich sehe im Programm des Berliner Ensembles, dass Ihre Produktion K. mit dem Untertitel Ein talmudisches Tingeltangel rund um Kafkas „Prozess“ laufend ausverkauft ist. Worum geht es da?
I
Ja, das ist ein Riesenerfolg. Wir spielen das zweimal im Monat, auch in diesem Jahr, und es wird nur auf Jiddisch gesungen; gesprochen wird auf Deutsch, Hebräisch und Jiddisch. Das ist auch ein gemeinsames Projekt mit Barrie Kosky nach dem Prozess von Franz Kafka und mit Musik von Bach über Schumann bis zu jiddischem Vaudeville. Wussten Sie, dass Kafka im Herbst 1911 regelmäßig die Aufführungen einer ostjüdischen Theatergruppe besuchte? Da er sein ganzes Leben mit der Frage gerungen hat, was sein Jüdischsein für ihn bedeutet, beeinflussten die ostjüdische tragikomische Erzählweise, die Vermischung von Gesang, Tanz, Drama, aber auch der selbstverständliche Umgang mit dem Jiddischen nachweislich sein Schreiben. Mit Alma Sadé konnten wir die wunderbare israelische Sopranistin, die auch viel in Österreich und Deutschland zu hören ist, gewinnen. Jetzt arbeite ich mit Barrie an einem neuen Musical für das Bard College in New York. Das basiert auf Isaac Bashevis Singers Kurzgeschichte Yentl, in der eine junge polnische Jüdin unbedingt in einer Jeschiwa studieren will.


Robert Benzwi (1919–2011) hatte eine beispiellose Karriere in der US-Raumfahrt. Sobald er US-Bürger geworden war, begann er bei General Dynamics Corporation in San Diego zu arbeiten. Dank seiner mathematischen und Design-Talente wurde er schnell befördert: Er entwarf 1960 einen der wichtigsten Bestandteile der Atlas/Centaur- US-Trägerrakete und war auch an geheimen Projekten beteilligt. Er blieb bis 1985 im Team der NASA-Weltraumforscher, u. a. gemeinsam mit Wernher von Braun. ** Itzhak Ben-Zwi (1884–1963) war ein bedeutender israelischer Historiker, Zionist und von 1952 bis zu seinem Tod der längstdienende Präsident Israels. Als Mitgründer der Histadrut und der Haganah prägte er die frühen Institutionen des Staates.


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