Ein Leben für die Quetsch’n Bühne frei für (Lebens)künstler Felix Lee

Felix Lee, jüdisch-wienerischer Akkordeonist mit chinesischen Wurzeln, Komponist und Zeitzeuge, ist diesen Herbst 90 Jahre alt geworden. Das folgende Gespräch mit dem viel geehrten Jubilar (u. a. Berufstitel Professor, verliehen vom Bundespräsidenten; Wiesental-Preisträger) führte Robert Sperling. Zunächst aber ein Zitat unserer Redaktionskollegin Alexia Weiss. Es entstammt einer WINA-Story zu Felix Lees Achtziger. Treffender und kürzer lässt sich Lees nur scheinbar widersprüchliches Leben nicht beschreiben: „Sein Instrument: das Akkordeon. Sein Genre: das Wienerlied – aber nicht nur. Seine Heimat: Wien. Sein Aussehen: asiatisch. Seine Identität: jüdisch. Wer Felix Lee nicht kennt, denkt: Was für ein bunter Vogel!“

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Felix mit seiner Mutter Elisabeth und Stiefvater Chang im Juni 1940 bei der Bärenapotheke © Privatbesitz Felix Lee

Selbst der oftmals mit ungewöhnlichen Lebensgeschichten konfrontierten WINA-Leserschaft muss Felix Lees Biografie erstaunlich erscheinen: Als Kind überlebt er den Nazi-Terror mitten in Wien dank eines abwesenden chinesischen Vaters und eines anwesenden ebenfalls chinesischen Stiefvaters. Später, als Teenager in den 1950ern, erkennt er seine musikalische Berufung und macht sie bald zum Beruf. Anders, als man vermuten würde, sind es dabei nicht der fußwippende Swing und die Atmosphäre der US-Tanzclubs, die Felix Lee nachhaltig prägen, sondern das Wienerische. Und: Wie nur wenige Menschen gelingt Lee die harmonische Symbiose aus Berufs- und Privatleben mit seiner Musik- und Lebenspartnerin.

Als Musiker hat sich Felix Lee mittlerweile von der Bühne zurückgezogen. Als Jude und Holocaust-Überlebender ist er weiterhin unermüdlich als Zeitzeuge unterwegs.

Ich freue mich auf das Gespräch.

 

Mit der Nabelschnur um den Hals …

WINA: Felix, wenn du zurückblickst: Gibt es Momente oder Phasen in deinem Leben, über die du dich selbst wunderst?
Felix Lee: Ja. In erster Linie wundere ich mich, dass ich so viele Dinge überlebt habe. Situationen, die ganz knapp ausgegangen sind – entweder/oder!

Dazu muss man wissen: Schon Felix Lees Geburt ist ein Fall von entweder/oder. Lebensgefahr! Sein Kommentar dazu zeigt uns: Felix Lee hat Humor, ist kein Kind von Traurigkeit.

FL: Ich war wahrscheinlich in einer nicht guten Lage, geboren zu werden: Ich bin mit der Nabelschnur um den Hals auf die Welt gekommen – und etwas blau gewesen Beim „Anschluss“ Österreichs ist Klein-Felix noch nicht mal drei Jahre alt – zu jung, um zu begreifen, wie lebensgefährlich das Leben für den Sohn einer jüdischen Mutter und Enkel einer jüdischen Großmutter nun geworden ist. Schwer zu verstehen ist auch, wieso die Oma, die Mutter und er bleiben und leben, während fast alle anderen Jüdinnen und Juden um sie herum verschwinden. Doch dazu später mehr. Zuerst noch ein weiteres „entweder/oder“ im Leben des kleinen Felix:
Felix ist neun Jahre alt, als seine Mutter und er in der Leopoldstädter Blumauergasse ausgebombt werden. Hier leben Mutter und Sohn seit einigen Jahren (die Familienwohnung auf dem Rennweg ist in den Tagen des Novemberpogroms „arisiert“ worden, es folgt die Zwangsumsiedelung in eine Sammelwohnung in der Schöllerhofgasse, die sie später mit viel Glück verlassen können). Felix und seine Mutter überleben den Bombenangriff der Alliierten knapp. Es ist Januar 1945.

FL: Ich hatte das Gespür, nicht im Haustor stehenzubleiben, als der Bomberverband über uns war. Ich wollte in den Luftschutzkeller vis a vis. Ich habe mich, was ich sonst nie gemacht habe, von der Hand meiner Mutter losgerissen und bin über die Gasse. Das hat uns das Leben gerettet, weil dort, wo wir zuvor gestanden sind, war nur noch ein Trümmerhaufen nachher.

 

Felix als „Spitzbub Nr. 3“ mit Toni Strobl und Helmut Reinberger 1962 im legendären „Nußberghof“. © Privatbesitz Felix Lee

Nach China und zurück …

Wir blicken kurz zurück ins Wien der frühen 1930er-Jahre: Das Leben ist kompliziert, aber noch nicht lebensgefährlich. Lee Wei Ning, Sohn aus vermögendem chinesischen Haus und Musikstudent an der Wiener Akademie, ist auf Zimmersuche. Er wird fündig in der bürgerlichen Wohnung von Felix Lees Großmutter, die noch in der Monarchie mit ihrer Familie nach Wien gezogen ist. Hier gibt es ein Klavier zum Üben, böhmisch-jüdische Küche für den Magen und Elisabeth, die attraktive Tochter des Hauses, fürs Gemüt. Man kommt sich näher, heiratet prominent im Rathaus – und 1935 wird Felix geboren (das hatten wir schon). Felix ist wenige Monate jung, als der Herr Papa wegen eines Jobangebots nach China zurückkehrt. Elisabeth folgt ihm mit dem Säugling.

WINA: In China angekommen, erkennt deine Mutter rasch, dass die Realität in diesem riesigen fremden Land nicht ihren Vorstellungen entspricht. Nichts läuft wie geplant. Desillusioniert tritt sie mit dir die Rückfahrt an.

FL: Dass wir annähernd europäische Verhältnisse vorfinden, war absolut nicht der Fall. Also das war nicht zu vergleichen. Und die Großmutter, die nachkommen hätte sollen, wäre in China verloren gewesen.

 

„Ja. In erster Linie wundere ich mich, dass ich so viele Dinge überlebt
habe. Situationen, die ganz knapp ausgegangen sind – entweder/oder!“
Felix Lee

 

Die chinesische (Schutz)Mauer

Zurück in Wien. Felix verbringt seine ersten Lebensjahre, behütet von Mutter und Oma, auf dem Rennweg. Als der Ständestaat zur von der überwiegenden Mehrheit der Österreicherinnen und Österreicher bejubelten „Ostmark“ wird, ändert sich das schlagartig. Immerhin, die chinesische Staatsbürgerschaft nach dem (mittlerweile von der Mutter geschiedenen) Vater schützt Mutter und Kind vor dem Schlimmsten: der Deportation. Als dieser Schirm jedoch immer brüchiger wird – Felix wird die Einschulung verweigert, und insbesondere das Leben der geliebten Großmutter als „Volljüdin“ ohne ausländischen Pass hängt am seidenen Faden –, hilft die chinesische Community. Man arrangiert eine weitere „chinesische Heirat“. Diese Zweckehe erweist sich als Glücksfall: Ehemann Nummer zwei, ein Bauernsohn aus einfachsten Verhältnissen, der als Fließbandarbeiter in der Autoindustrie nach Europa gekommen ist, umsorgt, stützt und schützt die kleine Familie. So überleben alle drei – die Oma als U-Boot versteckt bei einer Vertrauten des Stiefvaters. Nach dem Krieg wird aber auch diese Ehe geschieden.
FL: Er wollte ein Kind haben, aber meine Mutter war aufgrund ihrer Krankheit (Tuberkulose, Anm. Red.) nicht mehr fähig, schwanger zu werden. Das war in erster Linie der Scheidungsgrund. Aber er hat sich auch nachher immer um meine Mutter gekümmert. Und sie sich um ihn.
Letztlich kehrt auch der Stiefvater zurück nach China. Während Maos Kulturrevolution flieht er nach Taiwan, wandert dann in die USA aus, wo später noch Felix’ Halbbruder geboren wird.
Eigentlich seltsam: Außer als Säugling ist Felix Lee nie in China gewesen. Es hätte ihn auch nicht gereizt, erzählt er. Warum?
FL: Ich hab’ mich eigentlich nie so richtig chinesisch gefühlt. Ich war im Herzen immer jüdisch.

Mit Shlomo Carlebach 1989 © Privatbesitz Felix Lee

Der Zufall bestimmt, die Musik übernimmt …

Themenwechsel. Wir wollen über das Wichtigste (neben der Familie) in Felix’ Leben sprechen: über die Musik und sein Instrument, die „Quetsch’n“ (wienerisch für Akkordeon).
FL: Nach 1945 wollte ich wieder ein Klavier haben, aber das war nicht möglich. Ich habe dann in einer Auslage der „Chance“ (legendäre Tauschbörse im Nachkriegsund „Wiederaufbau-Wien“ mit mehreren Filialen; Anm. d. Red.), wo man nicht kaufen konnte, sondern nur gegen Waren getauscht hat, ein kleines Akkordeon gesehen. Ich war ja selbst noch sehr klein für mein Alter. Dieses kleine Akkordeon war mein Klavierersatz!

Nicht ungewöhnlich: Nach der Pflichtschule muss der Bub „was Anständiges“ lernen und absolviert eine Goldschmiedelehre. Daneben besucht er das Konservatorium, belegt die Fächer Klavier, Akkordeon und Komposition. Erste kleine Auftritte als Amateur folgen. Dann, wir schreiben Mitte der 1950er und Felix ist um die 20, passiert Folgendes:
FL: Ich habe mir damals in einem Musikaliengeschäft ein neues Akkordeon gekauft, eine Scandalli, die vierchörig war und von den meisten Berufsmusikern gespielt wurde. Weil ich mich eingespielt habe auf dem Instrument, um es auszuprobieren, hat mich der Geschäftsinhaber, der selbst Musiker war, gehört. Daraufhin hat er begonnen, mich zu vermitteln.

 

„Ich hab’ mich eigentlich nie so richtig chinesisch
gefühlt. Ich war im Herzen immer jüdisch.“

 

Ein klarer Fall von „zur rechten Zeit am richtigen Ort“.

Felix Lee wird von einer Showband mit dem heute eher seltsam anmutenden Namen „Fünf Elite Boys“ engagiert und muss sein Akkordeon-Spiel dem damals „hippen“ Hawaii-Boom anpassen. Immerhin ist das der Einstieg in ein künftiges Berufsmusikerleben. Noch im selben Jahr, 1955, führt wieder der Zufall Regie: Anlässlich eines Auftritts mit den „Boys“ hört Felix eine blutjunge Akkordeonistin mit außerordentlichen Fähigkeiten.
FL: Bewundernd habe ich einen Herrn neben mir gefragt, wo man denn so zu spielen lernen könne. „Nur bei mir“ hat der geantwortet. Es stellte sich heraus, dass er der Akkordeonlehrer der jungen Dame war – und überdies ihr Vater!

Shlomo Carlebach im Duo mit Ehefrau Gertrude Kisser 2009. © Privatbesitz Felix Lee

Der Name der jungen Dame ist Getrude Winklbauer. Diese Begegnung ist in doppelter Hinsicht einschneidend: Felix wird erstens von Papa Winklbauer zum Akkordeonlehrer ausgebildet. So kann er die Goldschmiederei sein lassen und – als Lehrer an Wiener Musikschulen finanziell abgesichert – seine musikalischen Ambitionen verfolgen. Zweitens entwickelt sich für fast eine Dekade eine intensive musikalische Zusammenarbeit mit Tochter Winklbauer in diversen Akkordeon-Ensembles, zu deren Repertoire Felix Lee etliche Eigenkompositionen beisteuert.
Noch mehr Zufall. Oder doch Schicksal? Ende 1966 wird Lee gemeinsam mit einer ebenfalls virtuosen Akkordeonistin, die auch auf den Namen Gertrude hört und überdies mit dem Titel „Österreichische Akkordeonmeisterin“ geadelt ist, in das neu gegründete Wiener Akkordeon Kammerensemble engagiert. Das hält freilich nicht lange vor, weil Felix Lee und Gertrude Kisser beschließen, künftig als Duo aufzutreten – musikalisch und auch privat.
Das Gola Akkordeon Duo (Gola ist bis heute ein State-of-the-art-Modell des Akkordeonherstellers Hohner mit Preisen im deutlich fünfstelligen Euro-Bereich) hält über 50 Jahre, die Liebesbeziehung der beiden bis zum heutigen Tag.
Apropos Beziehung. Das Judentum begleitet Felix Lees gesamtes Musikerleben. Er spielte unter anderem mit den Sabres, später mit Geduldig & Thiemann und begleitete Shlomo Carlebach. Seine musikalische Liebe zu Wien lebte Felix Lee erstmals in den frühen 1960ern als Einspringer für einen gewissen Helmut Schicketanz in einer schon damals legendären Wiener Heurigen- und Schmähcombo aus:
FL: Eines Tages standen sie vor der Tür, wir hatten damals noch kein Telefon. Sie haben Ersatz für ihren erkrankten Akkordeonisten gesucht und gesagt, sie hätten ihr Auto unten stehen. Sie haben mich einfach mitgenommen, so wie ich war, mit meinem Akkordeon und gesagt, wir machen gleich eine Probe. Ich bin noch am selben Abend mit ihnen das erste Mal aufgetreten. Das Auto war übrigens ein Bus der Firma Almdudler und darauf stand „Die drei Spitzbuben“.

© Privatbesitz Felix Lee

In seiner aktiven Zeit hat Felix Lee für Akkordeon, Kammermusik-Ensembles und Orchester komponiert. Sein Werk umfasst über hundert Wiener Lieder und Chansons. Einige davon kann man auf winamagazin. at hören. Entdecken Sie dort auch weitere Fotos und Abbildungen aus Felix Lees persönlichem Fundus und, natürlich, einige zusätzliche Passagen des Interviews mit seiner Originalstimme.

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