„Ein Lied nach dem Krieg“?

2014 wurde der junge Soldat Hadar Goldin von der Hamas getötet und verschleppt. Seither fuhren seine Eltern jeden Freitag an die Grenze zum Gazastreifen. Still und unermüdlich standen sie dort und warteten auf seine Rückführung – ein Schweben zwischen Trauer-und Protestroutine. Israelis reisen wieder. Ist der Krieg tatsächlich aus? Ein Schweben zwischen Müdigkeit und Neubeginn.

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Hadars Eltern, Leah and Simha Goldin, mussten unfassbare elf Jahre warten, um ihren 2014 ermordeten Sohn in Israel bestatten zu können. © APA-Images / AFP / ABIR SULTAN

Hadar war als Soldat im Gazakrieg 2014 von der Hamas getötet und in einen Tunnel verschleppt worden. Seither wartete die Familie auf seine Überreste. Erst geduldig und leise, dann immer eindringlicher, damit das Schicksal von Hadar nicht von der Tagesordnung verschwand. Jetzt konnten sie Hadar endlich beerdigen. Er war 23 Jahre alt, als er starb.

Die allgemeine Erleichterung, dass aus Hadar kein weiterer Ron Arad wurde, ist groß. Das Schicksal jenes Kampfpiloten bleibt bis heute ungeklärt und gilt als einer der schmerzlichsten und längsten ungelösten Fälle in der Geschichte des Landes. Arad wird seit seiner Gefangennahme 1986 im Libanon vermisst, nach 1988 gab es keine verlässlichen Lebenszeichen mehr. Erst 2008 wurde er offiziell für tot erklärt. Seine Leiche aber ist nie gefunden worden.

Jetzt stehen nur noch drei tote Geiseln auf der Rückgabeliste. Und solange nicht alle wieder da sind, wollen die Familien und all jene, die sich solidarisch immer noch jeden Samstagabend mit ihnen versammeln, nicht ruhen. Dass die Rückführung toter Soldaten einen so hohen Stellenwert hat, ist dabei längst nicht nur eine Frage der religiösen Pflicht. Das Prinzip „Niemand darf zurückgelassen werden“ ist Teil des Gesellschaftsvertrags in einem Land, das zum Militärdienst verpflichtet. Parallel kommt es aber neuerdings auch zu Demonstrationen für die Einsetzung einer staatlichen Untersuchungskommission, die sich – jetzt endlich – mit dem Versagen vom 7. Oktober beschäftigt.

Die Beerdigung von Hadar hat viele sehr berührt. Dass es einen Schlusspunkt gibt, schafft nicht nur Platz für konkrete Trauer, er eröffnet die Möglichkeit für einen Neuanfang.

© APA-Images / AFP / ABIR SULTAN

Noch aber herrscht – auf kollektiver Ebene – eine Art Schwebezustand. Tatsächlich sind viele Reservisten inzwischen wieder zuhause. Auch gibt es (fast) keine Sirenenwarnungen mehr. Und wenn doch, dann hat es sich bisher jedes Mal als Fehlalarm herausgestellt. Trotzdem ist es nicht wirklich ruhig. Weder in Hinblick auf den Libanon, wo sich die Hisbollah wieder langsam rehabilitiert, noch auf den Iran.

Wie es nun weitergeht, das ist zu einer Frage des politischen Outsourcings geworden. Denn ob die Hamas und Israel jeweils den Forderungen des Waffenstillstandsabkommens nachkommen, darüber entscheidet Washington. Die Amerikaner lassen längst ihre eigenen Überwachungsdrohnen über den Gazastreifen fliegen. Und über die dortige Zukunft wird in einer mehrstöckigen ehemaligen Lagerhalle am Stadtrand von Kiryat Gat bestimmt.

In Israel denken viele jetzt erstmals
überhaupt wieder ans Reisen. Auch
das ist Teil des neuen Schwebezustands.

Hier haben die Vereinigten Staaten ein Koordinationszentrum eingerichtet, die Schaltzentrale für Donald Trumps Gaza-Plan. In der Mitte der zweiten Etage steht eine große Tafel, auf der die 20 Punkte von Trumps Friedensplans aufgelistet sind. Amerikanische und europäische Militärs, Mitarbeiter der Vereinten Nationen, Vertreter von humanitären Organisationen sowie israelische Militärangehörige gehen ein und aus. Und ganz offensichtlich werden massive Ressourcen in diesen – dreißig Kilometer von der Grenze zum Gazastreifen entfernten – Stützpunkt investiert. Wann und wie aber es genau weitergeht, zum Beispiel mit dem Einsatz einer internationalen Stabilisierungstruppe oder einer neuen künftigen Regierung in Gaza, das ist weiterhin offen.

Gleichzeitig bemüht sich Trump darum, die von ihm initiierten Abraham-Abkommen zu erweitern, dem Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate, Marokko und der Sudan seit 2020 angehören. Immerhin hat er es jetzt, während seiner zweiten Amtszeit, erstmals geschafft, ein weiteres überwiegend muslimisch geprägtes Land hinzuzufügen: Kasachstan. Es ist der erste zentralasiatische Staat, der nun dem „Club der Stärke“, wie Trump es neuerdings nennt, angehört. Was das genau bedeutet, weiß niemand. Jedenfalls soll der Schritt die Zusammenarbeit mit Israel in Bereichen wie Lebensmitteltechnologie, Energie, Cyber- Sicherheit und Verteidigung stärken. Da Kasachstan bereits seit seiner Unabhängigkeit von der Sowjetunion vor mehr als 30 Jahren diplomatische Beziehungen zu Israel unterhält, ist das vor allem eine symbolische Sache. Beide Ländern erkennen einander formal an und unterhalten wechselseitig Botschaften. Man hat quasi eine diplomatische Realität geschaffen, die es bereits gibt. Aber immerhin kommt so wieder Schwung in die Abkommen. Die Hoffnung ist, dass der Beitritt Kasachstans den Druck auf andere islamische Länder erhöhen werde, dem Vertragswerk beizutreten.

 

Solange nicht alle wieder da sind, wollen
die Familien und all jene, die sich solidarisch
immer noch jeden Samstagabend
mit ihnen versammeln, nicht ruhen.

 

Im Gespräch ist seit Längerem Indonesien. Das Herzstück aber wäre die Normalisierung der Beziehungen zu Saudi-Arabien. Trump hat Riad deshalb nun die Lieferung von Kampfjets in Aussicht gestellt. Soviel zum Outsourcing.

In Israel denken viele jetzt erstmals überhaupt wieder ans Reisen. Auch das ist Teil des neuen Schwebezustands. Wobei ein Flug ins Ausland kein luxuriöses Urlaubsunterfangen darstellt, sondern vielmehr eine dringend nötige Verschnaufpause, weit weg vom anstrengenden Alltag hier. Der Radius ist allerdings deutlich kleiner geworden. Osteuropa gehört zu den beliebtesten Zielen, ebenso Thailand, Nepal, Laos und Vietnam.

Ein Lied nach dem Krieg heißt ein Song von Arik Einstein. Es handelt von der Zeit nach dem Sturm, von seelischer Müdigkeit und Neubeginn – und wird gerade wieder öfters im Radio gespielt.

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