„Ein Melting Pot der Gemeinde“

Marc Uri hat mit diesem Jahr die jüdische Leitung der Zwi-Perez-Chajes-Schule übernommen. Er hat einst selbst an der Schule maturiert und möchte den Schülern und Schülerinnen von heute das mitgeben, was ihm damals mitgegeben wurde: eine prägende Zeit, in der er nicht nur viele Freundschaften geschlossen hat, sondern auch sein jüdisches Selbstbewusstsein entwickelte.

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Marc Uri. „Ich finde es schön, wenn sich dann auch die Möglichkeit eröffnet, eine Zeit lang in Israel zu leben.“© Daniel Shaked

Wenn Marc Uri an seine Schulzeit zurückdenkt, kann er auch über sich lachen. „Ich hatte viel Spaß, und nein, ich war kein Musterschüler.“ Was er an der ZPC-Schule immer geschätzt hat: „Die Schule war damals und ist heute ein Melting Pot der Gemeinde.“ Er sei so in einem heimeligen jüdischen Umfeld groß geworden. Dass er mit aschkenasischen, grusinischen und bucharischen Kindern in der Klasse war, sieht er rückblickend als tollen Bonus. „Ich empfinde es heute als Luxus, dass ich mit vielen Leuten aus der Gemeinde sprechen kann und niemanden als fremd betrachte.“
Sozialisiert wurde er aber auch in der Bnei Akiva. Es überrascht daher nicht, dass es ihn nach der Matura zunächst nach Israel zog. Und deshalb ist es ihm heute auch ein Anliegen, seinen Schülern und Schülerinnen eine Bindung zu Israel zu vermitteln. „Ich finde es schön, wenn sich dann auch die Möglichkeit eröffnet, eine Zeit lang in Israel zu leben. Das kann in Form eines Gap Years sein oder eines Unistudiums, indem man in einem Ulpan oder an einer Jeschiwa lernt oder in einem Kibbuz lebt.

. . .  den Weg der Tora zu beschreiten in einer modernen Welt, wissend, wo wir leben, wissend, was um uns passiert sich also nicht abzukapseln.
Marc Uri

Sein Elternhaus würde Marc Uri als zionistisch und traditionell bezeichnen – „wir haben nicht alles eingehalten“. Ab dem Alter von 14 sei er dann „zitzerlweise religiöser“ geworden, beschreibt er seinen Weg. „Da habe ich herausgefunden, dass ich mich mit Ritualen immer wohl gefühlt habe und eben auch sehr gerne in die Bnei Akiva gegangen bin.“ Deshalb beschloss er dann nach der Matura auch, zunächst für einige Monate an einer Jeschiwe in einem Vorort von Jerusalem zu lernen, bevor er in Wien an der Uni zu studieren begann. Dabei entschied er sich zunächst für Wirtschaft, später für Politikwissenschaften und Geschichte und sehr viel später schließlich für Judaistik. Dieses Studium ist auch jenes, das er abschloss – dazwischen liegen aber auch viele Jahre der Berufstätigkeit.
Einerseits war er dabei viele Jahre in der Organisationsabteilung der IKG tätig, später dann Geschäftsführer von Bitachon. Das Thema Sicherheit ist ihm entsprechend nahe. Seit er das Judaistikstudium abgeschlossen hat, ist er aber vor allem als Religionslehrer tätig. Bei seinem Unterricht ist ihm ein holistischer Ansatz wichtig: „Die Schüler sollen verstehen, dass das Judentum Relevanz hat, nicht nur im Religionsunterricht, sondern auch in anderen Unterrichtsfächern.“ Er versucht daher immer wieder, Themen gemeinsam mit Pädagogen in anderen Gegenständen zu behandeln. Als Beispiele nennt Uri die Lektüre von Joseph Roths Roman Hiob, den man auch von einem biblischen Standpunkt aus betrachten könne, oder wenn in Biologie zu Tu Bischwat über eine Frucht und deren Knospe gesprochen werde.

Deutsch und Iwrit. Insgesamt versucht er in seinem Leben, „den Weg der Mitzwot und den Weg der Tora in einer modernen Welt zu beschreiten, wissend, wo wir leben, wissend, was um uns passiert, sich also nicht abzukapseln“. So erziehen er und seine Frau – sie stammt aus Israel, war wie er bei der Bnei Akiva und studierte in Wien an der Lauder Business School – auch die drei Söhne: religiös und modern. In der Familie wird übrigens Deutsch und Iwrit gesprochen, und die Zukunft seiner Kinder sieht Uri „durchaus auch in Israel“.
In Sachen Religion macht es Marc Uri „ein Stückchen traurig“, dass er feststellt, dass er als Jugendlicher und junger Erwachsener, als er sich in Schiurim und das Lernen stürzte, manches mit mehr Enthusiasmus machte als heute, wo das religiöse Leben zur Gewohnheit wurde. „Man merkt, dass man mit den Jahren Dinge nicht mehr so hingebungsvoll macht.“
Mit den Kindern sei das Leben zudem sehr ausgefüllt – gut ausgefüllt. Dennoch versucht er auch weiterhin Zeit dafür zu finden – abseits von Pandemiezeiten –, ins Theater und in klassische Konzerte zu gehen. „Vor Corona hatte ich ein monatliches Theaterdate mit meiner Schwester.“ Dafür hat er nun während der Epidemie begonnen, auf der Plattform schiurim.com Online-Schiurim zur Mischna auf Deutsch zu geben. „Das ist nun ein fixer Bestandteil meines Tages.“

Marc Uri,
geb. 1986 in Wien, Matura an der Zwi-Perez-Chajes-Schule, danach einige Monate an einer Jeschiwa in Israel, zurück in Wien Studium sowie Berufstätigkeit, dabei viele Jahre in der Organisationsabteilung der IKG tätig, später Geschäftsführer von Bitachon. 2018 Abschluss des Judaistikstudiums (Bachelor), derzeit fortführendes Masterstudium. Seit 2018 zudem Religionslehrer an der ZPC-Schule (AHS), seit diesem Schuljahr jüdische Leitung des Realgymnasiums der ZPC-Schule. Uri ist verheiratet und Vater von drei Söhnen.

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