Ein musikalischer Seelenfänger

Oberkantor Shmuel Barzilai lebt als Israeli seit 25 Jahren in Wien und bereist als „Kulturbotschafter Österreichs“ die Welt. Interview: Marta S. Halpert

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„Lernen. Lernen. Lernen.“ Das Lebensmotto des Wiener Oberkantors Shmuel Barzilai.

Interview mit Shmuel Barzilai

Sie feiern in diesem Jahr Ihr 25-jähriges Jubiläum als Oberkantor der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Sie wurden mehrfach geehrt, erst jüngst mit dem Goldenen Ehrenzeichen für die Verdienste um die Republik Österreich. Bei diesem Festakt rühmte Sie Kulturminister Drozda auch als kulturellen Botschafter Österreichs in der Welt. Wie wird man Oberkantor?

Shmuel Barzilai: Zuerst muss man Kantor sein, bevor man Oberkantor werden kann. In meiner Familie, die schon in siebenter Generation in Jerusalem ansässig ist, hat es schon mehrere bekannte Kantoren gegeben. Mein Urgroßvater Reb Jankel Pester war ein berühmter Kantor.

War es Ihr Berufswunsch, Kantor zu werden?
Nein, ich habe das nicht bewusst angestrebt. Mein Vater hatte ein Reisebüro, aber zu Hause wurde immer Kantorenmusik gehört, daher bin ich damit aufgewachsen. Es gab zwar auch klassische Musik, aber die Gesänge beliebter Kantoren dominierten. Unter meinen Freunden befanden sich zahlreiche Kantoren, und als dann in Tel Aviv das Institut für Musik und kantoralen Gesang eröffnet wurde, schrieb ich mich dort ein und lernte von sehr angesehenen Kantoren wie Moshe Stern, Naftali Herstik und dem Dirigenten Eli Jaffe. Auch Shmuel B. Taube, der Kantor im Burgenland war, und der Wiener Kantor Zalman Pollack waren unter meinen Lehrern.

Wie war das damals vor 25 Jahren, wie kam es zu Ihrer Bestellung?
Es war üblich, dass man schon während des Studiums zu Konzertauftritten eingeladen wurde. So trat ich bereits im Ausland auf, u. a. in Florida oder auch in Bukarest noch zu Zeiten von Nicolae CeauŞescu. Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg brachte einmal für ein Konzert als Hauptgast Kantor Moshe Stern nach Wien –und ich durfte als so genannter „Zweiter“ mitfahren. Damals haben wir das erste Duett gemeinsam gesungen. Etwas später war der Oberrabbiner auf Talentsuche in Israel und hat mich als kantoralen Vorbeter singen gehört und mich nach Wien eingeladen. Es gab noch einen Kandidaten damals, aber die IKG-Leitung hat sich für mich entschieden. Ein Jahr später rief mich Vizepräsident Dr. Ariel Muzicant zu sich und sagte: „Wir wollen, dass du bleibst, und zwar für immer!“

Wollten Sie das überhaupt?
Das Schöne und Besondere an dieser Kantorenstelle war, dass wir uns hier gleich gut eingelebt haben und ein inniger, guter Kontakt zur Gemeinde entstanden ist. Es gibt ja Kollegen unter den Kantoren, die ausschließlich Konzerte geben. Aber ich habe mit der Gemeinde täglich gemeinsam gebetet, da entsteht ein ganz besonderes Verhältnis. Meine Frau Dvora und ich dachten, wenn wir so gut aufgenommen werden, dann bleiben wir. Wien war ja ursprünglich in unseren Gedanken weit weg, noch dazu waren die Kinder noch sehr jung und mussten die Sprache erst lernen und sich in der Schule zurechtfinden.

„Das Schöne und Besondere an dieser Kantorenstelle war, dass hier gleich ein inniger Kontakt zur Gemeinde entstanden ist.“

Was war Ihr schönstes Erlebnis als Kantor in Wien?
Da fallen mir spontan mehrere ein: der Abend von Kol Nidre* im Stadttempel. Das ist das Schönste, das man erleben kann: Der Tempel ist übervoll, die Menschen sind respektvoll, ruhig, hören zu, machen bei den schönen Gesängen mit – und diese positive Spannung hält zwei Stunden. Das zweite sehr bewegende Erlebnis war das Gedenkkonzert im Steinbruch des KZs Mauthausen, das Leon Zelman s. A. im Jahr 2000 ini­tiiert hatte. Da habe ich das Totengebet El male rachamim gesungen. Die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Sir Simon Rattle haben die 9. Symphonie von Beethoven gespielt und das Gebet speziell für Streichorchester und Chor arrangiert. Und drittens bin ich stolz auf die Erfolge unseres Chors Vienna Jewish Boys. Sehr glücklich bin ich auch über das jährliche Selichot-Gebet**, das wir gemeinsam mit Präsident Oskar Deutsch vor drei Jahren eingeführt haben und jedes Jahr vor wachsendem Publikum im Stadttempel am Samstagabend vor den Hohen Feiertagen abhalten. Ein wunderbares Gemeinschaftserlebnis.

Sie feiern heuer nicht nur Ihr Kantorenjubiläum, sondern auch zehn Jahre Vienna-Jewish-Boys-Chor, den Sie gegründet haben. Wie kam es dazu?
Das war ein Versuch, die Kinder in das religiöse Geschehen im Tempel stärker einzubinden. Vor der Gründung holte ich immer die wenigen anwesenden Buben beim Thoralesen zu mir auf die Bima***. Der Chor bewirkt jetzt, dass die Kinder jeden Schabbat kommen, und so bringen sie auch ihre Eltern in die Syna-goge. Ein Teil von ihnen hatte keine Ahnung vom Judentum, heute kennen sie die meisten Gebete. Während der Woche sind die Buben sehr angehängt mit schulischen Belangen, daher eignen sich die Schabbatot und Feiertage sehr gut zum Üben und Singen. Kinder lernen schnell und haben auch keine Hemmungen aufzutreten. Das gemeinsame Singen gibt den Kindern viel Motivation und Zusammenhalt, und das hat Zukunft.

Wie sieht es mit einem Mädchenchor aus?
Vor 20 Jahren habe ich tatsächlich einen gemischten Chor gegründet, aber das hat leider nicht funktioniert, weil die Proben dann Sonntag hätten stattfinden müssen, da haben die Familien andere Pläne. Während des Gottesdienstes ist es problematisch, weil wir eine orthodoxe Synagoge sind, aber für Auftritte und Konzerte wäre es sehr erwünscht.

Gibt es eine Altersbeschränkung?
Nein, überhaupt nicht. Wir haben sogar schon einen Vierjährigen dabei. Nach der Bar Mitzwa fühlen sich die meisten zu erwachsen, aber bei gewissen feierlichen Anlässen und Konzerten machen sie dann doch mit. Das ist ein großer Gewinn für die Gemeinde, denn ich kann die schönsten Melodien singen, aber wenn wir Gäste im Tempel haben, sagen sie oft zum Schluss:
„… du singst sehr schön, aber der Kinderchor war noch schöner!“

Parallel zu Ihrer musikalischen Ausbildung haben Sie auch ein Thora- und Rabbinatsstudium absolviert. Zusätzlich haben Sie 2006 an der Universität Wien Ihren Magister phil. in Judaistik abgeschlossen. Was hat Sie dazu motiviert?
Lernen, lernen und nochmals lernen. In der Jeschiwa haben wir täglich bis zu zehn Stunden die Thora studiert, ich war neugierig, was man an der Universität lehrt. Heute bin ich selbst Gastlektor zu den Themen synagogale Liturgie, Gesang und Musik.

Sie haben bisher ein Dutzend CDs veröffentlicht: Diese zeigen die Bandbreite Ihrer musikalischen Fähigkeiten: Sie reichen von liturgischen und chassidischen Gesängen über klassische Opernarien bis zu Klezmer, israelischem Pop und Jazz. Wie bereiten Sie Ihre Programme vor?
Das hängt auch vom Publikum ab, aber wenn ich ein Soloprogramm bestreite, beginne ich mit traditioneller Kantoralmusik, verweile bei jiddischen Liedern und komme erst danach zu den modernen israelischen Kompositionen. In Belgrad, Serbien, war ich mit zwölf anderen Sängern in der Staatsoper eingeladen und durfte als Einziger zwei Lieder interpretieren. Da entschied ich mich für eine Arie aus Verdis Tosca und für ein kantorales Stück. Bei den Auftritten im Rahmen der österreichischen Kulturforen in aller Welt bevorzuge ich kantorale Gesänge, denn Opernsänger gibt es mehr als genug. Auch bei den zahlreichen Konzerten mit den Wiener Sängerknaben, mit denen ich bereits seit 18 Jahren sehr gut zusammenarbeite, singe ich jüdische Lieder: Ich gebe ihnen die Noten, und dann studieren wir sie gemeinsam ein.

An welche Auftritte erinnern Sie sich am liebsten?
Von Auftritten in Melbourne bis Los Angeles und in ganz Europa begleiten mich wunderschöne Erinnerungen. Aber die Einladung der UNO, in New York im Jänner 2014 anlässlich des Holocaust-Gedenktages zu singen, war schon etwas ganz Besonderes. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch Steven Spielberg kennengelernt.

Wie kam es zu dem Konzert mit Jugendlichen aus Österreich in Krakau, die am Projekt March of the Living mitmachen?
Es war meine Idee, den jungen Menschen aus Österreich, die drei Tage sehr Schlimmes und Schmerzliches zu sehen und hören bekommen, einen positiven Gedanken zum Ausklang mitzugeben. Nach dem Museumsbesuch und dem Fußmarsch nach Birkenau kommen sie am letzten Tag in die Synagoge in Krakau: Und hier erwartet sie als Überraschung ein Konzert, das zeigen soll, dass Judentum nicht nur „Auschwitz“ ist, sondern eine lebendige Sache: Wir beginnen mit einer Klezmer-Band, Musik zu machen, und in kürzester Zeit singen und tanzen 500 Christen, Juden, Muslime miteinander – hoffentlich für eine gemeinsame friedliche Zukunft. In diesem Jahr hat mein Sohn Yair die Jugendlichen angefeuert, und sie sangen zusammen I am from Austria.

* Der Vorabend zum Versöhnungstag Jom Kippur;
** Gebete der Buße und Reue zu den hohen Feiertagen (2017: 16. 9., 22.30 Uhr);
*** Lesepult für die Thora­rollen

Kantorenkonzert mit Kantorenstar Dudu Fischer, Oberkantor Shmuel Barzilai und
Oberrabbiner Chaim Eisenberg
29.10.2017, 19.30 Uhr, Wiener Stadttempel
Karten unter: service@ikg-wien.at

 

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